Um acht Uhr gehts los. Jedenfalls für mich, Brigitte Näf ist bereits seit 6.15 Uhr an der Arbeit: Briefe sortieren, die Ladung vorbereiten, alles ins Auto laden. Eineinhalb Stunden später empfängt sie mich auf der Hauptpost in Olten in breitestem Walliserdeutsch: «Fragen sie einfach, wenn sie etwas nicht verstehen.»

Und dann: ab auf die Tour nach Hauenstein-Ifenthal, keine Zeit zu verlieren. Die Leute warten schliesslich auf ihre Post. Genauer auf den Hausservice. Die letzte Möglichkeit, wie der Postservice in ländlichen Regionen noch aufrechterhalten wird, wenn die Poststelle im Dorf nicht mehr rentiert. Und, etwa wie in Hauenstein, gar kein Laden vorhanden ist, um eine Postagentur zu eröffnen.

Donnerstag ist Illustrierten-Tag

Normalerweise sei der Beifahrersitz mit drei kleinen Kistchen besetzt. Heute ist jeweils nur eines auf meinem Schoss. Schwer genug ist auch eines allemal. Die Coop Zeitungen, vollgepackt mit Werbematerialien, müssen verteilt werden. «Am Donnerstag gibts dann noch etwas mehr zu tun.» Donnerstags ist Anzeiger- und Illustrierten-Tag.

Das heisst für Näf: Arbeitsbeginn eine Viertelstunde früher. Denn das Programm ist gedrängt. 168 Briefkästen sind auf der Tour 302 anzufahren. 138 in Hauenstein-Ifenthal, der Rest im oberen Teil von Trimbach. Und dies in 3 Stunden und 10 Minuten. Inklusive einer 15-minütigen Pause zwischendurch.

Zeit zum Schwatzen, wie in meiner romantischen Vorstellung vom Hausservice en masse vorhanden, gibts nicht. Oder jedenfalls fast nicht. «Hoi Susanne. Ja, sieben Franken für das Päckchen reichen gut», sagt Näf, nachdem sie das Päckchen gewogen hat. Wobei gewogen übertrieben ist, einfach kurz angehoben und geschätzt.

Aber das geht offenbar gut, kein Wunder nach fast dreizehn Jahren im Hausservice auf dem Hauenstein und in Wisen. Sie selbst ist 1997 nach Hauenstein gezogen. Deshalb kennt sie die Leute, viele beim Vornamen, und von allen intime Geheimnisse.

Nicht dass sie dieses Wissen nützen würde. Aber: «Es hiess früher schon, dass der Pöstler alles weiss, das hat sich nicht geändert.» Denn fünfmal in der Woche müssen alle Briefkasten in der Region bezüglich Hausservice angefahren werden. Egal, obs Post gibt oder nicht.

Mangels Poststelle im Dorf werden alle Geschäfte von Näf übernommen. Einzahlungen, Auszahlungen, Päckchen zustellen und abholen, und natürlich: Briefzustellungen. Das volle Programm also: «Das gefällt mir sehr an meinem Job.»

Und den Einwohnerinnen und Einwohnern scheint der Service ebenfalls zu behagen: 80 Prozent nützen die Dienstleistung. In Wisen seien es gerade mal 40 Prozent, obwohl auch dort bereits seit acht Jahren keine Poststelle mehr in Betrieb ist.

How to Hausservice

Das Verfahren für die Kunden ist einfach: Ein Schildchen an den Briefkasten montieren, den Wunsch nach zum Beispiel einem Bogen Briefmarken zusammen mit einem Geldbetrag hineinlegen und schon wird der Wunsch erfüllt. Und das schneller als beim Christkind, nämlich schon am nächsten Tag.

«Am Anfang, vor 13 Jahren, mussten sich die Leute auch zuerst dran gewöhnen», erklärt Näf. Und sie selbst? «Ich mache es wirklich sehr gern. Hier oben seh ich Dinge, die ich sonst nicht sehen würde. Letzte Woche etwa einen Dachs oder ein Wildschwein.»

Und die Leute würden den Service schätzen. Freundlich grüssen sie allemal während unserer Tour. Dass es am unbekannten Beifahrer liegt, glaube ich nicht. Man kennt und schätzt sich auf dem Berg.

Der Druck auf die Zusteller hat aber in den letzten Jahren zugenommen. Mit den Geräten, mit welchen die komplizierteren Geschäfte gleich vor Ort abgewickelt werden können, lässt sich vom Büro in Olten aus unter anderem auch die gefahrene Route verfolgen. GPS sei Dank.

Doch effizienter als Brigitte Näf die Tour auf dem Hauenstein absolviert, ist wohl kaum möglich. Trotzdem ist die Zeit für die Route knapp bemessen. Muss zum Beispiel ein Päckchen zurückgenommen oder eine Briefmarkenbestellung bearbeitet werden, dauert die Abwicklung gut und gerne Minuten.

Mal Hauenstein, mal Wisen

Die Route, welche Näf abwechslungsweise mit derjenigen in Wisen fährt, ist minutiös geplant. «Ich fahre überall hin, wo es nur geht», lacht die gebürtige Walliserin. Und über die Jahre hat sie die Route perfektioniert. Mal vorwärts auf den einen Parkplatz, mit sicherem Griff die richtige Post erwischen, Türe auf und ab damit in den Briefkasten, dann rückwärts weiter auf den nächsten Hausplatz.

Alles präzise eingespielt und das auf der gesamten Tour. Dazwischen eine kurze Pause von 15 Minuten. Wahrlich ein strenger Job. «Aber er gefällt mir wirklich sehr», wird Nef nicht müde zu betonen. Und man glaubt ihr.

Und wenn es mal nicht läuft wie gewünscht, obwohl mit dem Allradantrieb noch so mancher Hügel gemeistert werden könne, dann habe sie die Nummern von jedem Bauern auf dem Hauenstein. «Einer hat immer Zeit, mich rauszuholen, falls ich mit dem Auto irgendwo stecken bleibe.»

Vielleicht sind es diese persönlichen Beziehungen, die sie über die Jahre aufgebaut hat, welche sie trotz Zeitdruck mit einem Lächeln den etlichen Kunden entgegentreten lassen. Und umgekehrt die Kunden auch Brigitte Näf gegenüber.

Nur mit dem Militär hat sie zuweilen etwas Mühe, welches auf dem Schiessplatz Spittelberg seine Übungen abhält. «Einer wollte mich partout nicht durchlassen, er hätte Befehle.» Die habe sie jedoch auch, denn schliesslich wolle man auch auf dem Hof Oberwald die Zeitung noch am Morgen lesen.

Stoppen liess sie sich jedenfalls nicht. Da muss das Militär schon ihren Pneu mit einem Querschläger beschädigen, dass sie für kurze Zeit ausgebremst wird. Ja, auch das ist ihr passiert. Sie erzählt es mittlerweile ohne mulmiges Gefühl. Und es macht den Eindruck, als hätte sie noch mehr solche Geschichten in petto.

Geschichten etwa von den Gämsen, welche sie oft auf einer Wiese rumtollen sieht. Doch die Tour ist bereits vorbei. 11.15 Uhr sind wir zurück in der Poststelle Olten, die Nachbearbeitung ruft.