Wir können keine weiteren Patienten aufnehmen», «übervoller Terminkalender», tönt es da und dort aus den Schweizer Hausarztpraxen. So auch in Olten: Hausarzt Heinrich Flückiger macht mit einem Aushang in seiner Praxis darauf aufmerksam, dass sein Terminkalender überfüllt sei und die Patienten unter Umständen länger auf einen Termin warten müssten.

Wie Zahlen der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH von Ende 2015 zeigen, ist die Situation prekär: In den Bezirken Thal, Gäu, Olten und Gösgen gibt es insgesamt 89 Hausärzte. Von diesen 89 sind elf im Thal, zwölf im Gäu, 52 im Bezirk Olten und 14 im Bezirk Gösgen.

Am meisten Hausärzte hat es in Olten (37), gefolgt von Balsthal (zehn), Oensingen und Lostorf (je fünf). Von den insgesamt 42 Gemeinden dieser vier Bezirke ist die Hälfte ohne ärztlichen Grundversorger, wie der Hausarzt auch genannt wird.

Gemessen an den Einwohnerzahlen des jeweiligen Bezirks präsentiert sich die Lage in Gösgen am gravierendsten: Dort kommt ein Hausarzt auf 1728 Einwohner. Darauf folgt der Bezirk Gäu mit einem Grundversorger pro 1706 Einwohner. Im Thal gibt es einen Hausarzt pro 1319 Einwohner und im Bezirk Olten ist es einer pro 1038 Einwohner. Als Vergleich: Im ganzen Kanton Solothurn gibt es einen Hausarzt pro 1263 Einwohner.

Ärztemangel im Allgemeinen

Ein Blick über den Tellerrand zeigt: Laut Jürg Schlup, Präsident der FMH, greift das Stichwort Hausärztemangel zu kurz: «Es gibt in der Schweiz allgemein einen Ärztemangel. Er besteht bereits in zahlreichen Fachgebieten und Regionen.» Und dies seit längerer Zeit, denn dieser Mangel ist kein neues Phänomen, wie Jürg Schlup bestätigt: «Ärzteorganisationen wie die FMH weisen seit 2003 auf einen drohenden Ärztemangel hin. Der Bund und die Universitäten bestätigen dies seit 2008.»

Durchschnittlich arbeiten in der Schweiz 4,2 Ärzte pro 1000 Einwohner. Ärzte, nicht Hausärzte, wohlgemerkt. Basel-Stadt und Genf führen das Ranking der höchsten Ärztedichte mit 10,0 bzw. 6,2 Medizinern pro 1000 Einwohner an. Am unteren Ende der Rangliste liegen Appenzell Innerrhoden (1,8 pro 1000 Einwohner) und Uri (1,6). Der Kanton Solothurn liegt mit 3,0 Ärzten pro 1000 Einwohner im unteren Mittelfeld.

Der Hauptgrund für den Ärztemangel liege laut Schlup darin, dass die Schweiz seit Jahren zu wenige ausbildet: «Während sich die Studienplätze in der Schweiz seit 1980 insgesamt mehr als verdoppelt haben, sind die Medizinstudienplätze im selben Zeitraum bis 2008 nicht angestiegen. Seither werden sie jedoch erhöht», gibt Jürg Schlup von der FMH zu Bedenken.

Zurück zu den Hausärzten: Zum Umstand, dass es bereits jetzt zu wenig in der Region gibt, kommt noch ein weiterer dazu: «50 Prozent der Hausärzte sind mindestens 60 Jahre alt», erklärt Lukas Meier von der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Kanton Solothurn GAeSO. «Wenn kein Nachwuchs kommt, fehlen uns in fünf Jahren weitere 40 Hausärzte», stellt er klar.

Wo ist er denn, dieser Nachwuchs? Auch Lukas Meier, selbst Facharzt für Chirurgie am Kantonsspital Olten, weist darauf hin, dass an den Unis zu wenige Medizinstudienplätze angeboten werden. Doch einzig und allein mehr solcher Plätze anzubieten, reiche nicht. Denn dies allein sei nicht der Grund für die fehlenden Hausärzte.

«Im Kantonsspital Olten ist die Anzahl an jungen Ärzten, die sich eine Karriere als Grundversorger vorstellen könnten, gar nicht so gering», berichtet Meier. Der Hund muss also an einer anderen Stelle begraben liegen: «Das Problem ist, dass diese jungen Ärzte nicht aus der Region stammen. Sie möchten nach ihrer Ausbildung in ihr Herkunftsgebiet zurückkehren, um sich dort dem Hausarztberuf zu widmen», sagt Meier.

«Wir versuchen, sie zum Verbleib zu motivieren, aber Olten und Umgebung wird nicht als attraktive Region wahrgenommen.» Dazu komme laut Meier, dass der Hausarzt-Beruf im Vergleich zum Spezialisten als unattraktiv gelte: Lange Arbeitstage, grosses Lohngefälle, wenig Freizeit, Patienten, die wegen jeder Bagatelle antraben.

Ein weiteres Problem, das Meier anspricht, ist die Selbstständigkeit: «Viele Junge getrauen sich nicht mehr, selbstständig eine Praxis zu führen. Dies auch, weil die Banken heutzutage mit der Finanzierung zurückhaltender sind. Zudem können die Bedingungen in einem Angestellten-Verhältnis heutzutage recht reizend sein.»

Unattraktiver Beruf

Der Oltner Hausarzt Heinrich Flückiger, selbst in wenigen Jahren pensioniert, sieht das Problem noch an einer ganz anderen Stelle: bei den Spitälern. «Solange die Krankenhäuser gute Anstellungsbedingungen bieten, bleiben die jungen Ärzte dort.»

Das Argument der fehlenden Attraktivität zieht bei ihm nicht: «Hausarzt ist der spannendste Arzt-Beruf: Jedem Patienten fehlt es an etwas Anderem. Das Wissensspektrum eines Hausarztes ist dementsprechend grösser.»

Dem Umstand, dass Hausärzte allerdings weniger Geld verdienen als Spezialärzte, stimmt der Oltner zu. Und doch sagt Flückiger: «Nein, Hausarzt zu sein ist nicht unattraktiv – es ist anspruchsvoll.»

Was braucht ein Hausarzt denn alles so? «Ein gutes Umfeld, eine attraktive Region und er muss im Vergleich zu Spezialisten die gleiche Anerkennung, auch in finanzieller Hinsicht, erhalten.»

Lukas Meier ist der Meinung, dass Einzelpraxen in der heutigen Zeit zum Scheitern verurteilt sind. «Viele junge Ärzte, und dies sind zukünftig in der Mehrzahl Frauen, wollen Teilzeit arbeiten. In einem Teilzeitpensum kann man keine Praxis führen.»

Deshalb sieht er des Rätsels Lösung in sogenannten Gesundheitszentren. «Dort ist immer jemand ansprechbar, der Patient ist immer betreut, alles ist unter einem Dach. Das wäre also quasi ein Mini-Spital.»

Dabei sei es auch denkbar, dass Ärzte in solchen Zentren gegenseitig durch verschiedene Spezialisierungen, die es auch bei den Allgemeinmedizinern gibt, unterstützen. Solche Gesundheitszentren gibt es bereits einige im Kanton Solothurn. «Man muss wegkommen vom Gedanken, dass jedes Dorf einen Arzt hat», rät Lukas Meier.

Spitäler als grosse Konkurrenz

Neben Haus- fehlt es in der Region auch an zahlreichen Kinderärzten. Richtig dramatisch präsentiert sich die Lage bei den Kinderärzten und Kinderärztinnen in der Region. Nach den Zahlen der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH gibt es im Thal keinen einzigen Kinderarzt, im Gäu drei, im Bezirk Olten sechs und im Niederamt zwei. Das macht ein Total von elf Kinderärzten im unteren Kantonsteil.

Ein unhaltbarer Zustand, geht es nach Lukas Meier, Facharzt Chirurgie am Kantonsspital Olten und Co-Präsident der GAeSO: «Elf Kinderärzte in einem Einzugsgebiet von 100 000 Personen sind definitiv zu wenig.» Die geringe Anzahl an Kinderärzten führt auch dazu, dass kein eigener Notfalldienst angeboten werden kann. Bei einem Notfall müssen Eltern mit ihren Kindern nach Aarau ausweichen, wo das Kantonsspital eine Klinik für Kinder und Jugendliche betreibt.

Oft Frauensache

Ob so markanter Zahlen kann die Tatsache, dass in der Region zu wenig Kinderärzte zur Verfügung stehen, gar nicht abgestritten werden. Der Mangel mache sich vor allem darin bemerkbar, dass Patienten in verschiedenen Praxen abgewiesen werden müssen, bericht eine Kinderärztin aus der Region.

Einer der Gründe für den Kinderärzte-Mangel sieht sie in der Tatsache, dass in der Pädiatrie schon seit langem viele Frauen tätig sind: «Heute gibt es fast nur noch weibliche Kinderärzte und diese möchten gerne Teilzeit arbeiten.» Dieser Wunsch werde aber zunehmend auch von männlichen Kinderärzten geäussert. Ein weiterer Grund sei die zunehmende Mobilität der Ärzte. «Viele Kinderärzte möchten heute nicht mehr nur an einem Ort arbeiten», ist sich die Kinderärztin sicher.

Sonderprogramm

Auch hier sieht Lukas Meier von der GAeSo einen der Lösungsansätze in der der Steigerung der Attraktivität des Kinderarzt-Berufes. Zudem wird auch hier die Forderung nach adäquater Entlöhnung laut. Als den wichtigeren Aspekt der Lösung erachtet Lukas Meier allerdings die Erhöhung der Ausbildungsmöglichkeiten an den Schweizer Universitäten, da es zu wenig Kinderärzte gäbe.

Etwas anderer Meinung ist die Kinderärztin aus der Region: «Es werden viele Kinderärzte ausgebildet», sagt sie. Daran liege es nicht, dass es vielerorts an Pädiatern mangelt. Woran liegt es dann? Grosse Konkurrenten der Einzelpraxen scheinen Gruppenpraxen und Spitäler zu sein. Die Ursachen für deren Attraktivität sind vielfältig: die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, die Nähe zu einer Stadt, die oftmals gegeben ist, intellektueller Austausch.

Eine solche Gruppenpraxis für Kinder und Jugendliche gibt es zum Beispiel in Solothurn. Sie wird von sechs selbstständigen Kinderärztinnen und Kinderärzten geführt und ist im Bürgerspital eingemietet.

Dass in der Schweiz zu wenig Humanmedizinstudienplätze vorhanden sind, hat auch der Bundesrat unlängst erkannt. Anfang Februar dieses Jahres wurde bekannt gegeben, dass er die Schweizer Universitäten bei der Erhöhung der Anzahl Abschlüsse in Humanmedizin mit einem Zusatzkredit von 100 Millionen Franken unterstützen will. Damit soll in den Jahren 2017 bis 2021 ein Sonderprogramm finanziert werden.