Freitagnacht in Olten: Bis ein Uhr nachts stehen drei Islamisten vor einer Shisha-Bar, um die Biografie «des edlen Propheten Muhammad» zu verteilen. Gleichzeitig werben sie für eine Gratis-App, die unter anderem Hörbücher für Kinder enthält. Eine Geschichte erzählt, wie ein junger Mann einer verschleierten Frau nachläuft, anstatt zu beten. Am Ende landet er in der Hölle.

Das Trio dokumentiert die Propaganda-Aktion mit einem Bild auf der Facebook-Seite des deutschen Predigers Pierre Vogel. Der Ex-Boxer vertritt die erzkonservative Islam-Strömung des Salafismus. Der Administrator kommentiert: «Unsere albanischen Brüder aus der Schweiz sind Mā schā Allāh.» Die arabische Redewendung steht für «wie Gott will». Auch der radikale Prediger Bilal Gümüs aus Frankfurt greift in die Tasten: «Gänsehaut pur.» Ihm wirft das deutsche Bundesinnenministerium vor, an der Ausreise von fünf Dschihadisten beteiligt zu sein.

Ein anderer schreibt: «Möge Allah die Geschwister standhaft machen bis zum letzten Atemzug!» Der Auftritt in Olten ist Teil der Aktion «We love Muhammad» und hat in der gleichen Form auch vor einer Woche stattgefunden. Zeitgleich wurden Verteilaktionen in Bern und Aarau durchgeführt. Der öffentlichkeitswirksame Start erfolgte vor drei Wochen in Basel.

Salafistische Szene ist zerstritten

Die Aktivisten inszenieren sich als Nachfolger der in Deutschland verbotenen Koranverteilaktion «Lies!». Dabei existiert «We love Muhammad» schon länger. Die beiden Prediger Vogel und Gümüs lancierten das Projekt vor einigen Monaten, als sie sich mit dem Gründer des hinter der «Lies!»-Aktion stehenden Vereins «Die wahre Religion» zerstritten hatten. Doch erst nach dem Verbot gelang es ihnen, sich zu etablieren. In der Schweiz kommen sie besser voran als in Deutschland. Mehrere «Lies!»-Protagonisten wie die Organisatoren von Bern wechselten das Lager.

Die deutschen Behörden prüfen, ob es sich bei «We love Muhammad» um eine Nachfolgeorganisation von «Lies!» handelt. Eine Sprecherin des Bundesministeriums des Innern sagt: «Vor diesem Hintergrund haben wir die weiteren Verteilaktionen im Blick.» Kann in Deutschland nachgewiesen werden, dass es sich um eine Ersatzorganisation handelt, gelten erleichterte Voraussetzungen für ein Verbot. Neue Verbotsgründe müssen dann nicht mehr nachgewiesen werden. In der Schweiz hingegen ist ein Verbot rechtlich nicht möglich. Die Islamisten stehen unter dem Schutz der Meinungs- und Religionsfreiheit.

Die lokalen Behörden waren ahnungslos

Der Auftritt vom Freitag im weihnachtlich beleuchteten Schweizer Städtchen sorgt in der deutschen Szene auch wegen des toleranten Umgangs der Schweiz für Beachtung. Die lokalen Behörden wussten jedoch nichts davon. Schon vor einer Woche wurden sie überrascht. Der Oltner Stadtschreiber Markus Dietler sagt: «Den Stadtbehörden war die Aktion nicht bekannt. Sie hätte bewilligt werden müssen, weil sie öffentlichen Charakter hatte und auf öffentlichem Grund stattfand.» Die Stadt werde das Gespräch mit der Kantonspolizei suchen.

In Aarau und Bern hingegen werden die bärtigen Männer offiziell toleriert. Sie profitieren davon, dass sie nicht mehr wie zu «Lies!»-Zeiten mit Ständen unterwegs sind. Diese müssen angemeldet werden. Nun stehen sie nur noch mit Plakaten auf dem Rücken und einem Rollkoffer voller Bücher im Einsatz. Die Aarauer Stadtpolizei war im Unterschied zu den Oltnern informiert und führte Personenkontrollen durch. Sie befand, alles sei in Ordnung.

Drohende Radikalisierung

Claudia Dantschke ist Extremismusexpertin und leitet in Bonn eine Beratungsstelle für Eltern und Lehrer. Sie sagt: «Wenn Jugendliche sich bei den Verteilaktionen engagieren, dann oft aus einem ehrlichen positiven Engagement heraus, etwas zur Aufklärung und gegen Islamfeindlichkeit zu tun.» Aber im Verlauf ihres Engagements würden sie sich oft fragen, was einen perfekten Muslim ausmache. Mit diesen Fragen gingen sie nicht in eine Mainstream-Moschee, sondern zu den Akteuren dieser Verteilaktionen. In Hinterzimmern und Wohnungen finde dann die «religiöse Unterweisung» statt, die Radikalisierung dieser Jugendlichen. Wichtiger als Verbote seien Prävention und Deradikalisierung, sagt sie und ortet Nachholbedarf: «Deutschland scheint da inzwischen besser aufgestellt zu sein als die Schweiz.»