Studenten analysieren
So sieht ein Zürcher die Kirchgasse in Olten

Studenten der Uni Zürich haben sich zwei Semester lang mit Olten beschäftigt und einen Sammelband darüber herausgegeben. Der nachfolgende Text entstand 2015 und ist eine stark gekürzte Version des Beitrags «Die neue Kirchgasse Olten» von Sandro Wehrle.

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«Bei der Transformation der Kirchgasse wurden also keinerlei allgemeine, öffentlichen Orte geschaffen, sondern eine ehemalige Strasse zu einem Bereich für Konsum umgewandelt», so das Urteil des Studenten. Archiv

«Bei der Transformation der Kirchgasse wurden also keinerlei allgemeine, öffentlichen Orte geschaffen, sondern eine ehemalige Strasse zu einem Bereich für Konsum umgewandelt», so das Urteil des Studenten. Archiv

Bruno Kissling

Die Kirchgasse in Olten ist entgegen ihrem Namen keine Gasse, sondern eine im Schnitt etwa 20 Meter breite Strasse, die vom Ausgang der schon lange autofreien Altstadt an der Stadtkirche vorbei gegen Westen bis zur Solothurnerstrasse führt. Sie hat eine Gesamtlänge von knapp 150 Metern. Was den Boden angeht, fällt zudem auf, dass keinerlei Markierungen darauf zu finden sind. Im Gegensatz zu vielen anderen Fussgängerzonen in der Schweiz, beispielsweise in Zürich, existiert auch keine Beschilderung. Neben den Gartenmöbeln der Gastronomie-Unternehmen zieren genormte 1,5 Meter lange und 50 Zentimeter breite Blumentöpfe die Strasse, welche alle einheitlich bepflanzt sind.

Was mir sofort auffiel, ist der Mangel an unentgeltlichen Verweilmöglichkeiten. Davon gibt es gerade mal zwei, während fünf Restaurants mit Aussengastronomie im öffentlichen Raum um Kundschaft buhlen. Die Stadtkirche respektive der Platz um das Kirchgebäude, welches auf einem 0,5 bis 1 Meter hohen Sockel steht, ist die grösste Ansammlung von Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang auf der Kirchgasse. Vor der Kirche führt eine vierstufige, rund 10 Meter breite Treppe auf den Sockel, welcher auf allen Seiten etwa 5 Meter von der Kirchenmauer in den Stadtraum hineinragt. Auf diesem Sockel, welcher im Unterschied zu den ihn umgebenden Strassen und Plätzen einen Pflastersteinbelag aufweist, stehen auf den beiden Längsseiten der Kirche je drei Sitzbänke. Auf der der Kirchgasse zugewandten, schmalen Eingangsseite gibt es jedoch keine solchen Sitzgelegenheiten. Der Rand des Sockels wie auch die Treppe werden aber rege zum sitzenden Verweilen genutzt.

Mit Ausnahme des kleinen Salontischchens mit zwei Stühlen sowie den vier Sitzbänken vor dem Kunstmuseum Olten gibt es sonst keine Möglichkeiten zum konsumfreien Rasten. Stattdessen gibt es ein vielfältiges Angebot an Gastronomie, welches sich in der warmen Jahreszeit nicht auf das Innere der Gebäude beschränkt, sondern den verkehrsfreien Platz mit der für Aussengastronomie typischen Möblierung – Stühlen, Tischen, Sonnenschirmen – aneignet. Bei der Transformation der Kirchgasse wurden also keinerlei allgemeine, öffentlichen Orte geschaffen, sondern eine ehemalige Strasse zu einem Bereich für Konsum umgewandelt; denn der die Kirche umgebende Sockel existierte wie auch die anderen Gebäude bereits vorher.

Ich habe die Kirchgasse über den ganzen Sommer verteilt sechsmal besucht. Dabei war ich sowohl an Werktagen als auch je an einem Samstag respektive Sonntag vor Ort. Was die Zeiten betrifft, so fanden die meisten Beobachtungen über Mittag und am Nachmittag statt. Einmal habe ich die Szenerie an einem Donnerstag, an dem in der Innenstadt viele Geschäfte bis 20 Uhr Abendverkauf anbieten, bis 20 Uhr beobachtet. Bei meinen Besuchen fand bis auf ein Mal kein Anlass in der Kirchgasse statt, an jenem Samstag war sie dank dem Robi-Fest klar in Kinderhand.

Allgemein fällt auf, dass verschiedenste Personen die Kirchgasse passieren, jedoch nur vergleichsweise wenige sich auch über die blosse Passage hinaus auf der Kirchgasse aufhalten. Die meisten Personen durchqueren die Kirchgasse auf der Längsachse, gehen also entweder in die Altstadt oder kommen von dort. Ebenfalls beliebt ist der Zugang vom Munzingerplatz an der Kirche vorbei, was wohl daran liegt, dass dies die nächste Parkmöglichkeit für Autofahrer ist. Der Brunnen, an welchem man dabei vorbeigeht, wird von vielen für einen Schluck Wasser angesteuert – aber mangels Sitzgelegenheit verweilt auch hier so gut wie nie jemand. In den Gartenwirtschaften der Gastrobetriebe am Platz sieht es natürlich anders aus. Vor allem die Café/Bar Gryffe war bei meinen Besuchen stets gut besucht. Aber auch in den drei Betrieben auf der anderen Seite war immer Kundschaft auf den Terrassen auszumachen. Am meisten Kunden zog der McDonald’s an, dessen Aussentische immer gut besetzt waren mit vorwiegend jungen Kunden. Oft konnte man auch beobachten, wie das im McDonald’s gekaufte Essen auf der Treppe vor der Kirche gegessen wurde.

Über Mittag halten sich meinen Beobachtungen zufolge am meisten Personen in der Kirchgasse auf. Die Restaurants sind dann meist gefüllt, und auch auf der Treppe sitzen bis zu 40 Leute und essen entweder Sandwiches oder im Coop oder McDonald’s gekauften Fastfood. Die Menschen auf der Treppe sind dabei im Schnitt jünger als die Gäste der Restaurants und eher Schüler oder Studierende. Als Gründe dafür, die Mittagspause auf der Kirchgasse zu verbringen, wurden einerseits die im Vergleich zur Altstadt offenere Gestaltung genannt, andererseits auch die Nähe zu McDonald’s und Coop. Einige gaben an, wegen der Abwechslung hier zu sein – man könne ja nicht jeden Mittag an der Aare verbringen.

Nach der Mittagspause beruhigte sich die Situation wieder sehr und es hielt sich beinahe niemand mehr in der Kirchgasse auf. Dies zeigt, dass es sich bei den Besuchern über Mittag vor allem um Arbeitstätige, Schüler sowie Studierende aus der Umgebung handelt. Vor allem Familien mit kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kindern sind jetzt auf der Kirchgasse zu sehen. Zwischen 15 und 16 Uhr wird die Treppe vor der Kirche zum Treffpunkt für randständige Personen. Sie geniessen die Sonne, trinken Bier und Wein und rauchen. Die Szene wächst dann je nach Tag auf bis zu 40 Personen an, zerstreut sich jedoch mit dem Sonnenuntergang teilweise wieder.

Alles in allem kann man sagen, dass unterschiedlichste Personen in der Kirchgasse aufeinandertreffen. Viele von ihnen halten sich zwar nicht längere Zeit darin auf, sondern nutzen die neue Fussgängerzone eher als Durchgang, um zur Altstadt oder von dieser weg zu gelangen. Die Geschäfte werden dabei rege besucht. Allerdings hatte ich nicht den Eindruck, dass die Leute generell wegen ihnen an die Kirchgasse kommen. Es handelt sich eher um klassische Laufkundschaft, welche spontan ein Ladenlokal besucht.

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