Buchvernissage Olten
«So gut erfunden, dass es wahr erscheint»: In seinem Erstling arbeitet Martin Rieder das Lehrerleben auf

Der pensionierte Oltner Sekundarlehrer Martin Rieder stellte seinen Erstling «Weisskopf schweigt» vor.

Jürg Salvisberg
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Martin Rieder

Martin Rieder

Bruno Kissling
Über 100 Zuhörer sind erschienen.

Über 100 Zuhörer sind erschienen.

Bruno Kissling

Ein ehemals in Olten tätiger Lehrer als Autor, ein lokaler Verleger und der von diesem gewünschte Lokalkolorit im Buch sorgen für ein volles Lokal. Über 100 Personen verfolgten in der Buchhandlung Schreiber die Vernissage zu Martin Rieders Roman «Weisskopf schweigt», der im Knapp-Verlag den Weg an die Öffentlichkeit fand. Von Bernie und Cyrill Mueller mit dem Akkordeon und der Gitarre einfühlsam begleitet, führte der Schriftsteller in seinen Erstling ein und las daraus mehrere längere Passagen selber.

Martin Rieder, der seine 40-jährige Laufbahn als Sekundarlehrer 2016 an der Sek B im Frohheimschulhaus beendet hat, beleuchtet mit dem Schicksal seines Protagonisten Manfred Studer unerfreuliche Facetten des heutigen Schulalltags. Der überzeugte Pädagoge kämpft mit der strukturellen Gewalt, die sich etwa in der Erwartung zeigt, dass er an einer «Schule der zweiten Chance» den Jugendlichen einen Weg in die Zukunft weisen muss. Studer wird Opfer von symbolischer Gewalt, als er eine gesprayte Todesdrohung an der Schulhausfassade erblickt. Schliesslich wird er auch physisch angegriffen, verliert nach einer Verfolgung im Auto die Kontrolle und wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. War sein Umherirren im Feierabendverkehr das zufällige Ende eines Arbeitstags oder eine psychische Störung, welche die zuständige Oberärztin in ihrem «Krankheits- und Diagnosewahn» schnellstmöglich verorten muss?

Mobbing und Methodenstreit

Schon früher landet einer von Studers Schülern in einer solchen Institution, weswegen Studer auch Mobbing erlebt. Lehrerkollege Weisskopf streut das Gerücht, Studer habe diesen versorgt. Der im frauendominierten Lehrkörper beliebte Rivale hetzt auch seine Schüler gegen Studer auf und grenzt sich mit seiner (modernen) Methodik ab, welche die Verantwortung für Bildung auf die Jugendlichen selbst abschiebt. «Er redet nicht mit den Lernenden, leitet sie nicht an. Er lässt sie in Dossiers und Lehrmitteln arbeiten, aber sie verstehen kein Wort.» Weisskopf schweigt vor seiner mit digitalen Geräten ausgerüsteten Klasse, schweigt gegenüber Studers Vorwürfen. Imagepflege, beschönigende Worte und das Schweigen ersetzen das zwischenmenschliche Gespräch über schulische und andere Probleme in der vermeintlichen Kommunikationsgesellschaft.

Studer fühlt sich nach diversen Vorfällen vom Kollegium und vom Arbeitgeber in Stich gelassen. In der Klinik Sonnenstein beginnt deshalb nicht nur die medizinische, sondern auch die juristische Aufarbeitung der Vergangenheit. Gleichzeitig beginnt der kunst- und kulturaffine Patient wieder Tritt zu fassen und ist in seiner alten Lehrerrolle für das soziale Leben eine Bereicherung.

Das Frohheim könnte überall sein

Bei der Buchvernissage stellte der 1951 in Feldbrunnen geborene Martin Rieder den autobiografischen Gehalt des Buches grösstenteils in Abrede. «Es ist so gut erfunden, dass es wahr erscheint.» Er bekannte einzig, selbst einmal Zielscheibe einer Schmiererei gewesen zu sein. «Ich bestehe darauf, dass die Geschichte fiktiv ist», betonte der Autor. Die Erfahrungen als Lehrer seien wohl der Auslöser zum Schreiben gewesen, doch zentral sei für ihn auch der Ehrgeiz gewesen, der Schule und den Lehrpersonen literarisch wieder einmal einen Platz einzuräumen.

Die im Roman kritisch beschriebenen Trends im Bildungswesen und in der Schule dürften dennoch vielen Eltern und Lehrpersonen vertraut sein. In diesem Sinne stellt der Roman durchaus auch eine interessante Aufarbeitung des Lehrerdaseins dar. Leserinnen und Lesern aus der Region ist die reale Welt am Jurasüdfuss schon durch die vielen namentlichen Bezüge präsent. Obwohl der Name «Olten» nicht vorkommt, sind viele Örtlichkeiten der Stadt erkennbar. Die Klinik darf man in Solothurn vermuten. Daneben spielt die Geografie des Buches auch mit Verwirrungen und vieldeutigen Anspielungen.

So heisst die Klinik auch in Dürrenmatts «Der Verdacht» Sonnenstein. Kommissär Bärlach lässt sich dorthin auf der Jagd nach einem Nazi-Kriegsverbrecher einweisen. Unter gleichem Namen gab es im Zweiten Weltkrieg auch eine berüchtigte Tötungsanstalt nahe Dresden. «Sonnenstein» steht so für das Abnormale, derweil das nicht näher beschriebene «Frohheim» für den schmalen Grat der Normalität steht. Doch beide Etikettierungen halten nicht, was sie wortwörtlich versprechen.

Martin Rieder: Weisskopf schweigt, Knapp-Verlag, 978-3-906311-60-9 (Paperback), ISBN 978-3-906311-71-5 (Hardcover).

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