Die halbe Welt schwärmt vom neuen Smartphone-Spiel Pokémon Go. Was ist so toll daran? Ich will es genau wissen. Auch wenn ich Pokémons aus meiner Kindheit nur zu gut kenne, kann ich mit Games grundsätzlich nicht viel anfangen. Also suche ich einen Insider, der mich in die Gamer-Welt einführt. Ich finde ihn – wo auch sonst? – auf Facebook: Jan Häfliger (26) gründete gleich nach der Lancierung der App vor einer Woche die Facebook-Gruppe «Pokémon Go Olten» und ist ein erfahrener Gamer.

«Welches lvl und weles Team besch?» ist seine erste Frage im Chat. Ich muss lachen und antworte dem gebürtigen Oltner ehrlich: «Level 0» und ich weiss nun, dass es bei diesem Spiel Teams gibt. Genauer gesagt: sogar drei Teams (Gelb, Rot und Blau). Zu meinem Glück hat Jan Häfliger alias «Daxiboy» für mein Unwissen aber Verständnis. Er ist nett und nimmt mich auf seine tägliche Jagd in der Stadt Olten mit.

Beim Coop-City-Hintereingang loggen wir uns in der Mittagspause auf unseren Smartphones in die App ein. «Sei wachsam! Achte immer auf deine Umgebung», ermahnt das Programm. «Darauf sollte man hören», sagt Daxiboy und lacht. Er ist während des Spielens schon mehrmals fast in irgendwelche Sitzbänke hineingelaufen. «Manchmal ist man halt zu fest auf das Spiel konzentriert.» Ich schüttle innerlich fassungslos den Kopf.

Es geht los. Das Spiel ortet uns via GPS und zeigt uns als Spielfiguren auf der Google Maps ähnlichen Karte an. Sie bewegen sich auf der Karte synchron zu uns. Wir gehen Richtung Hauptgasse und schon wird auf der Karte, gleich vor uns, ein kleines Ratten-Wesen sichtbar. Yeah, ein Pokémon! Und jetzt? Daxiboy klickt auf das Wesen, gleichzeitig geht die Kamera des Handys an und eine kleine Cartoonratte zeigt mir auf dem Bildschirm, mit dem realen Pflastersteinboden im Hintergrund, aggressiv die Zähne. Iiihhh, ich hatte Pokémons eigentlich süsser in Erinnerung.

Wegen Pokémon go kaum noch zuhause

Während ich noch die Überraschung realisiere, tippt Daxiboy für mich blitzschnell auf den Ball, der auf dem Bildschirm erschienen ist, und fährt mit dem Finger schweifend über den Bildschirm. Der Ball fliegt und trifft die kleine Ratte am Kopf. Sie bewegt sich hin und her, sträubt sich. Ein zweiter Ball trifft das Monster mit dem passenden Namen «Ratfratz». Blitzlichter erscheinen und Ratfratz verschwindet. Zurück bleibt der zitternde Pokéball, der nun das Monster beherbergt, damit man es später als Kämpfer oder Wache einsetzen kann. «Klasse!», meint das Spiel. Eigentlich gar nicht so schwierig.

«Pokémons können aber auch weglaufen oder Bälle abwehren», erklärt Daxiboy. Bis jetzt hat er 59 von 132 Pokémon eingesammelt. Dafür ist er schon einige Kilometer gelaufen. «Das tut gut, sonst sass ich an Feierabend meist zu Hause und spielte Games oder streamte irgendwelche Filme.»

Seitdem er Pokémon Go spielt, verbringt er kaum noch Zeit in seiner Wohnung. Kürzlich ging er für das Spiel mit einem Kollegen an einem Abend 10 Kilometer. Speziell motiviert war er, weil er dadurch gleichzeitig gesammelte Pokémon-Eier ausbrütete. Zwischen 5 und 15 Kilometer Gehen verlangt das Spiel, damit das Pokémon schlüpft. «Dafür fuhr ich extra mal mit dem Bus, aber das Spiel merkte es, da ich schneller als 15 km/h unterwegs war. Die Kilometer wurden nicht angerechnet.»

Erstes Gameboy mit 6 Jahren

Wir gehen weiter Richtung Baslerstrasse und biegen in die Römerstrasse ein. Auf dem Bildschirm bewegt sich das Gras. «In der Nähe könnte ein Pokémon sein.» Wir schauen gebannt auf den Bildschirm. Kommt das Ding noch zum Vorschein? Ja, dort ist es, auf der anderen Strassenseite. Ein kleiner Vogel, genannt «Taubsi». Wir gucken weiter auf den Bildschirm und tippen es an, um es zu fangen. Lärm eines heranfahrenden Lasters lässt uns kurz aufblicken. Gleichzeitig tappe ich knapp nicht in die Regenpfütze vor mir. Taubsi ist schon wieder weg. «Das wäre zwar noch ein kleines Pokémon gewesen, aber dennoch wertvoll, da man es zum stärkeren ‹Tauboga› weiterentwickeln kann.» Mit Sternenstaub und Taubsi-Bonbons, erklärt er.

Zu diesen zwei Zauberzutaten kommt man, wenn der Spieler per App dem virtuellen «Professor» ein Pokémon zuschickt, das man übrig hat, weil man mehrere der selben Art gefangen hat. «Praktisch wie im Trickfilm», sagt Daxiboy, der seinen ersten Gameboy im Alter von sechs Jahren bekam. «Ich habe bisher alle PokémonGames durchgespielt.» Dass er mal praktisch in echt die kleinen Wesen jagen würde, davon konnte er damals nur träumen. Und das tat er. Jetzt geniesst er es und ist meist nach dem Feierabend täglich einige Stunden draussen unterwegs. Dass das Spiel noch nicht ausgereift ist, stört ihn nicht. Er lud das Spiel gleich am Tag der Herausgabe herunter. «Es ist mir egal, ob es noch eine Betaversion ist. Ich finde es trotzdem toll, dass man überhaupt so nah an die Realität herankommt.»

Viele neue Leute kennengelernt

Immer noch auf unsere Smartphones konzentriert, nähern wir uns dem Martin-Disteli-Denkmal beim Amthausquai. Laut dem Spiel ist dies eine Arena, mit der Teamfarbe Gelb markiert. Hier wird ab Level 5 gekämpft. Vor Ort ist aber niemand zu sehen. Virtuell aber wird die Arena vom Pokemon «Blitza» eines Spieler namens alboy92 besetzt. Blitza, ein fuchsähnlicher Vierbeiner, ist 598 Wettkampfpunkte stark.

Daxiboy wählt seinen Relaxo an, 945 Punkte stark, und tippt wie wild auf das Blitza. Es wird von Leuchtstrahlen übersät, wenige Sekunden später gibts eine Explosion. Daxiboy hats geschafft. Nun nimmt die Arena die Farbe seine Teams ein: rot. Für ihn hält nun vor Ort sein «Pinsir» Wache, ein Ungeheuer mit reissenden Zähnen. Daxiboy lächelt zufrieden. «So, jetzt können wir weitergehen.»

Physisch präsent war sein Konkurrent nicht. Auf der Jagd treffe man aber oft auf andere Spieler. Vor allem auf solche mit derselben Teamfarbe freunde man sich auch schnell an. «Ich habe schon sehr viele neue Leute kennen gelernt», sagt er.

Mit dem Smartphone in der Hand gehen wir weiter Richtung «Rathskeller». Wenige Minuten später erscheint auf dem Bildschirm bei der eben erkämpften Arena ein zweiter Spieler mit einem Pokémon an seiner Seite. «Er hat sein Pokémon hingestellt, um mir den Rücken zu stärken. Nun verteidigen zwei Pokémons unsere Arena.» Wir schauen zurück, sehen einige hundert Meter weiter hinten physisch aber schon niemanden mehr.

Suchtpotenzial scheint gross

Beim «Rathskeller» angekommen, wird das Lokal zum Pokéstop, eine Art Aufladestation. Wir wischen auf dem Bildschirm über das Fotomedaillon, das angezeigt wird, und schon spuckt es Bälle heraus, die wir antippen können. Jetzt sind wir wieder für die Jagd ausgerüstet. Was ist eigentlich dein Ziel, frage ich Daxiboy. «Ich denke, jeder gute Spieler versucht, sich einen Namen zu machen. Man will, dass die anderen Gamer deinen Namen kennen, weil du so stark bist.» Daxiboy ist derzeit auf Level 14, der stärkste Spieler, von dem er gehört hat, ist aus Bern und hat Level 30 erreicht. «Das braucht halt schon noch Zeit. Man muss beim Gamen halt auch Geduld haben.»

Die Zeit ist um. Daxiboy muss zurück zur Arbeit bei einem Versicherungsunternehmen. Ich muss ihm das Android-Smartphone zurückgeben, das er mir für die Jagd ausgeliehen hat, und merke, dass ich kurz zögere. Da vorne, da wäre bestimmt noch ein Pokémon gewesen. Das Gras auf dem Bildschirm hat sich eben noch bewegt. Daxiboy, macht das Spiel denn so schnell süchtig? «Oh ja.»