Die Frage, mit welchen Fällen er sich in seiner 36-jährigen Karriere als Friedensrichter (davon deren 16 als Stellvertreter) zu beschäftigen hatte, könnte ihn aufs Glatteis führen. Und so sinniert Gerhard Reinmann einen Moment lang vor sich hin. Denn Friedensrichter unterliegen der Schweigepflicht. Verschwiegenheit, das ist in dieser Branche eben mehr als eine Tugend.

Aber wer sich für dieses Amt interessiert, gehört wohl sowieso nicht zu jener Gattung Mensch, die mit jeder Erfahrung hausieren geht. Und während Reinmann als einstiger Oltner Friedensrichter noch nachdenkt, lässt sich berichten, dass der Mann in den letzten 20 Jahren 275 Fälle behandelt und knapp 1000 Strafbefehle ausgestellt hat; in rund 75 Prozent der Fälle kams zu einer Schlichtung. Und Schlichtung, das bedeutet für den Friedensrichter so viel wie: Erfolg gehabt und einen Gerichtsprozess verhindert.

«Es kann vieles sein»

Aber eben, wie war das doch mit den Fällen? Reinmann sagt sibyllinisch: «Ach, das können ganz unterschiedliche sein». Er nähert sich der Thematik behutsam. «Es geht dabei um Ehrverletzung und Tätlichkeiten (bis zur Einführung der eidgenössischen Strafprozessordnung 2011), Nachbarschaftsstreitigkeiten, Forderungen, Ruhestörung, Fragen aus dem Arbeitsrecht, Lohnzahlungen, Spesenforderungen (seit Aufhebung der Arbeitsgerichte als Spezialgerichte) und um Bussen im Gemeindestrafrecht. Das Feld ist breit.»

Reinmann sagt das – für einen Laien zumindest – alles ziemlich wertfrei. Ohne Untertöne, ohne Ironie. Als einer, dem man das eigene grösste Geheimnis anvertrauen könnte. In der Gewissheit, dass es nie und nimmer weitergetragen wird. Ob er sich auch mal über einen Fall amüsiert hat? «Nicht in dem Sinne, dass ich den zu verhandelnden Gegenstand als lächerlich empfand», sagt er. «Aber situativ gabs das schon.»

Den Fall etwa mit der Standuhr, über deren Schlagwerk der Nachbar in der angrenzenden Wohnung derart in Hitze geriet, dass man sich vor dem Friedensrichter traf. Reinmann schlichtete auch in diesem Fall.

Aber er sah in seiner Karriere auch Kollegschaften in Brüche gehen. Geldfragen sind heikel, Geld ist eben (fast) alles. Dennoch: Wenig ist dem alt Friedensrichter fremd. Der Mann hat Sinn für das Menschliche. Und wer damit ausgerüstet ist, dem raubt nichts den Schlaf.

Gute Bedingungen

«Eine gute Voraussetzung, um Friedensrichter zu sein», sagt Catherine Müller, seit 1. Oktober Reimanns Nachfolgerin. Denn wer dieses Amt besetzt, muss die Fähigkeiten eines Mediators haben, vermittelnd wirken, Lösungen aufzeigen, neutral bleiben.

Gerhard Reinmann übergibt das Friedensrichter-Amt an Catherine Müller

Die Nachfolgerin: Catherine Müller

Gerhard Reinmann übergibt das Friedensrichter-Amt an Catherine Müller

Dennoch hat Reinmann auch schon erlebt, dass eine der Konfliktparteien wutschnaubend den Raum verliess. «Das kam selten vor, aber es gabs.» Allerdings wolle dies nichts heissen. «Manchmal kommts dennoch zu einvernehmlichen Lösungen, wenn der Ärger verflogen ist», weiss er.

Mindestens 50 Prozent der erfolgreichen Arbeit seien auf die Sozialkompetenz des Friedensrichters oder der Friedensrichterin zurückzuführen, sagt Catherine Müller. Hinzu kommt: «Man muss Menschen mögen und sich für sie und ihre Geschichte interessieren.»

Gemeinsam mit ihrem Vorgänger ist sie im Übrigen der Ansicht, dass anwaltschaftliche Vertretungen vor dem Friedensrichter einer Lösung eher abträglich sind. Trotzdem: «Es ist zunehmend zur Praxis geworden, den Anwalt an eine Aussöhnungsverhandlung mitzunehmen», weiss Reinmann.

Ja, er sagt sogar, Schlichtungsversuche ohne Anwälte seien rar geworden. Zeichen für härter gewordene Fronten, für fehlende Kommunikation unter Streitparteien. Reinmann nickt.

Jetzt macht der Mann mit insgesamt 36 jähriger Erfahrung in diesem Schlichtungsamt Schluss. Erfahrungen, die wertvoll sind. Aber: «Mit 70», sagt er, «muss man sich nicht mehr binden.»

An seine Nachfolgerin gibt der erfahrene Mann keine Tipps weiter. Andere Menschen, anderes Amtsverständnis; Reinmann ist sich sicher. «Catherine weiss mit Bestimmtheit genauso gut wie ich, mit dem Amt verantwortungsvoll umzugehen.»

So wie Reinmann ist Nachfolgerin Catherine Müller überzeugt: Die Verfahren vor dem Friedensrichter sind einfach, rasch und günstig im Vergleich zu Schlichtungen vor dem Amtsgericht. «Das sind alles nur Vorteile für die Parteien. Nachteile gibt es keine, da der Weg ans Gericht immer offenbleibt, wenn keine Einigung zustande kommt», schickt sie hinterher.

Zudem würden und sollten Friedensrichter die Gerichte entlasten. Allerdings sieht die Anwältin diesbezüglich im Kanton Solothurn eine gewisse Verwerfung. Hier nämlich müssen beide Parteien aus derselben Gemeinde stammen, um den örtlichen Friedensrichter angehen zu können. «Andernfalls sind die Amtsgerichtspräsidien Schlichtungsbehörde», erklärt sie. Das widerspricht dem Entlastungsgedanken.

Eine Solothurner Spezialität, welche das Tätigkeitsfeld der Friedensrichter nach der Einschätzung Catherine Müllers doch einschränkt. «Kein anderer Kanton kennt eine solche Regelung. Es wäre wünschenswert, dass Regierungs- und Kantonsrat dies nochmals überdenken und diese territoriale Beschränkung aufheben; im Sinne eines mutigen Bekenntnisses zum Institut der Friedensrichter», gibt sie zu verstehen.

Ein eifriges Engagement im Sinne des Friedensrichterwesens. Warum? «Die Erfolgsquote bei Schlichtungen in Kantonen mit Friedensrichtern liegt bei rund zwei Dritteln», so Müller. Die Anwältin hat durchaus noch mehr Verbesserungsvorschläge im Köcher. «In kleinen Gemeinden im Kanton Solothurn können Friedensrichter so nur schwer Erfahrungen sammeln, da sie kaum Fälle haben.» Dabei wäre genau dies wichtig für eine gute Führung des Amtes.

Aber wie zu mehr Erfahrung kommen? «Mehrere Gemeinden können sich zusammenschliessen und sogenannte Friedensrichterkreise mit jeweils einem zuständigen Friedensrichter bilden», verrät Müller.

Der Aargau etwa habe dies generell so geregelt, während im Kanton Solothurn bisher fünf Friedensrichterkreise; darunter jene des «Unteren Hauenstein» mit Trimbach, Wisen und Hauenstein-Ifenthal, den des «Gäu» mit Egerkingen, Härkingen, Neuendorf und Niederbuchsiten oder «Niederamt» mit Schönenwerd, Gretzenbach und Eppenberg-Wöschnau.

Auch in der Region Olten

«Es wäre sinnvoll und auch wünschenswert, gerade auch im Hinblick auf Qualität, Effizienz und Erfahrung, vermehrt Friedensrichterkreise zu bilden», sagt Müller. Auch Olten würde sich dafür anerbieten; entweder mit dem bestehenden Trimbach/Hauenstein, mit dem Untergäu oder dem anliegenden Niederamt. Catherine Müller nickt.