Olten
Siegfried Lenz ganz gross: Das ewige Spiel der Erinnerungen

Das Schauspiel «Deutschstunde» im Oltner Stadttheater zeigte, wie Pflicht zur fixen Idee werden kann.

Madeleine Schüpfer
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Siggi Jepsen (links) hat Kunstwerke versteckt und landet in der Erziehungsanstalt.

Siggi Jepsen (links) hat Kunstwerke versteckt und landet in der Erziehungsanstalt.

Hansruedi Aeschbacher

Der Schauspieler Max Volkert Martens, der in dieser anspruchsvollen Inszenierung ausdrucksstark den Maler Max Ludwig Nausen spielte, brachte es in seiner Aussage zum Stück auf den Punkt: «Was für ein mutiges Unterfangen, die Deutschstunde zu dramatisieren und sie auf die Bühne zu bringen!» Man kann dieser Aussage nur zustimmen. Stefan Zimmermann machte dies sehr geschickt, sodass der rote Faden durch das Stück hindurch nie abbrach, auch wenn das Bühnenbild in sich nicht allzu viel Atmosphäre hergab. Die Deutschstunde ist ein grandioser Roman der Nachkriegsliteratur, der Siegfried Lenz (1926 bis 2014) weltberühmt machte.

Da sitzt er nun: Siggi, der Sohn des pflichtbewussten Dorfpolizisten Jepsen, in einer Einzelzelle einer Anstalt, weil er Bilder versteckte. Er ist dazu verdammt, seine Erinnerungen auf ein Blatt Papier zu bringen. Florian Stohr spielte diesen Siggi differenziert, fesselnd und mit viel Ausstrahlung. Der Anstaltsdirektor, interpretiert von Michael Althauser, hatte kein Erbarmen mit ihm. Und so begann er mit dem Schreiben.

Die Erinnerungen nahmen erzählerisch bruchstückweise im Hintergrund der Bühne Gestalt an. Siggi stieg in seine Vergangenheit ein, die von ihm völlig Besitz ergriff und ihn nicht mehr losliess. Der Maler Nausen – man erahnte Parallelen zum Schicksal Emil Nolde während der Nazizeit – kannte den Dorfpolizisten, fesselnd gespielt durch Stefan Rehberg, seit seiner Kindheit. Er hatte ihm sogar das Leben gerettet, als er zu ertrinken drohte. Doch diese Zusammenhänge verloren ihre Bedeutung.

Nix ausser Pflichtgefühl

Jens Ole Jepsen lebte nur mehr für sein gottverdammtes Pflichtgefühl, das darin bestand, all die widersinnigsten Befehle der Nazi-Machthaber auch auf der verlassenen Insel auszuführen. Der Maler erhielt ein Malverbot, «entartete» Kunst eben, und Jepsen hatte dieses Verbot zu kontrollieren, den Maler zu bespitzeln und ihn am Malen zu hindern. Daraus entstanden groteske Situationen. Man hörte die Möwenschreie und dachte sich das Wattenmeer, diese wunderschöne Landschaft mit den unendlichen Horizonten, den Wolkenbildern, wie sie Lenz in seinem Roman beschreibt.

Ärgernis für alle

Das krankhafte Pflichtgefühl des Dorfpolizisten wurde für alle zum Ärgernis; vor allem, als er es auch bei seinen Kindern handhabte. Dies, weil sie mit dem Maler sympathisierten. Die Vater-Sohn-Beziehung bekam besondere Bedeutung. Berührend war, als die Frau des Malers allein starb, erschreckend der Brand des alten Hauses, der viele Bilder zerstörte.

Vorne im Bühnenraum erkannte man immer noch den schreibenden Siggi, der jegliches Zeitgefühl verloren hatte und die ganze Geschichte seiner schrecklichen Vergangenheit mit vielen Ängsten, einigen schönen Momenten, in denen er die Bilder des Malers kennen lernen durfte, festhielt. Man erlebte ein Ensemble, das voll überzeugte.

Kriegsschrecken zu Ende

Als der Schrecken des Krieges zu Ende war, erkannte der Dorfpolizist die Zeichen der Zeit immer noch nicht und machte weiter, bis ihm der Maler Nausen die Situation deutlich erläuterte. Unweigerlich stellte man sich die Frage: «Was mag nur einen Menschen in eine solche Gedankenstruktur hineintreiben, dass die Pflicht zu einer fixen Idee wird, zu einem krankhaften Empfinden, das jede Menschlichkeit unmöglich macht?»