«Sie können kommen, wann Sie wollen», sagt Vreni Strub am Telefon. «In unserem Alter hat man bloss noch Arzttermine und am Montag haben wir keinen.» Beim Besuch gestern zeigt sich schnell: Vreni Strub ist verärgert, und mit ihr zusammen auch Gatte Ludwig. Beide verstehen sie nicht, weshalb Oltens schwarzer Schwan, der bei ihnen so etwas wie heimisch geworden ist, unbedingt eingefangen und weggebracht werden musste. «Der hat doch niemandem geschadet», sagt Vreni Strub und Gatte Ludwig nickt. 

«Blacky» hiess der Schwan

«Blacky» haben die Strubs den schwarzen Schwan genannt, den die beiden Senioren vor sechs, sieben Wochen zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. «Der Name macht doch Sinn», meint Ludwig Strub. Knapp zwei Monate haben sich die Senioren in der Rankwoog nun an der Zutraulichkeit des Tiers erfreut, wie man so schön sagt. Und nicht nur sie; auch die Gäste hätten am seltenen Tier Gefallen gefunden. Dreimal täglich sei er, «Blacky», vorbeigekommen, hart ans Ufer, wo sich die Strubs ein kleines Paradies eingerichtet haben: Tisch, Stuhl, Sonnenschirm, lauschig unter Bäumen und unmittelbar am Aareufer gelegen. Ludwig Strub zeigt jene Stelle, wo «Blacky» aufzutauchen pflegte. «Wir haben ihm manchmal Salat oder Brotstücke zugeworfen», sagen beide, die sie schon fünf Jahrzehnte hart am Wasser wohnen.

«Wir kennen unsere Gäste», sagt Ludwig Strub und blickt auf die Aare hinaus. Wenn «Blacky» am andern Ufer der Aare weilte, sei er kaum wahrzunehmen gewesen. «Bis auf den roten Schnabel, der stach heraus», lacht der Mann und bemerkt, dass das Tier sich Menschen durchaus gewohnt war. Scheu habe er nie gezeigt. «Wir vermuten, der Schwan wurde ausgesetzt», sind sich die Strubs einig.

Denn die Flügel des Tiers seien gestutzt worden. «Ich gäbe viel drum, wüsste ich, wo sich das Tier jetzt befindet», sagt Vreni Strub leicht entnervt. Verabschieden möchte sie sich von ihm, dem treuen Gefährten, der wie aus dem Nichts auftauchte und auch so plötzlich wieder verschwand. Und sie betont immer wieder: «Warum musste das Tier jetzt unbedingt eingefangen werden; es macht keinen Schaden, keinen Lärm, paart sich nicht mit den uns bekannten weissen Schwänen und ist überhaupt völlig harmlos.»

Aber viel Freude habe «Blacky» bereitet. Selbst Kinder, die mit ihren Eltern auf Bootstour auf der Aare unterwegs gewesen seien, hätten in der Rankwoog gerufen: «Mami, lueg dört, dr schwarzi Schwan!» Also sie verstehen das alles nicht. «Und viele sind da derselben Meinung wie wir», schiebt sie erzürnt nach.

Zerzaustes Federkleid als Indiz

Bis vor rund zwei Wochen sei eigentlich alles seinen gewohnten Gang gegangen. Aber dann fiel den Strubs das «verstrublete» Federkleid des Schwans auf und dessen scheinbare Angst vor Booten jedwelcher Art. «Irgendwas muss da gegangen sein», sagt Vreni Strub, «vielleicht ein missglückter Fangversuch.»

Zwei Versuche

Es brauchte tatsächlich zwei Versuche, bis der Schwan eingefangen war. Dies bestätigt Mark Struch von zuständigen kantonalen Amt für Jagd und Fischerei. Allerdings habe das Tier dabei keinen Schaden genommen. Wo sich der Schwan seit vergangenem Donnerstag befindet, mag der Biologe allerdings nicht verraten. Aus gutem Grund: Der Rummel um das Tier wäre viel zu gross und würde ihm eher schaden. «Aber ich kann versichern, dass sich der Schwan an einem sicheren Ort und auch in guten Händen befindet», so Struch.