Olten
Seniorin als Teilzeit-Lehrerin: «Diese Arbeit braucht Geduld und Freude an den Kindern»

Die Pensionärin Josy Meier (72) hilft jede Woche einen Halbtag beim Kindergarten im Sälischulhaus aus.

Janine Gloor
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Josy Meier engagiert siche bereits seit vier Jahren in einem der Kindergärten des Oltner Säli-Schulhauses.

Josy Meier engagiert siche bereits seit vier Jahren in einem der Kindergärten des Oltner Säli-Schulhauses.

Bruno Kissling

Die Kindergärtler von Angela Carrere freuen sich immer besonders auf den Mittwoch. Denn am Mittwoch kommt Frau Meier. Frau Meier heisst mit Vornamen Josy und ist 72 Jahre alt. Im Rahmen des Projekts «Senioren im Klassenzimmer» von Pro Senectute verbringt sie jeden Mittwochmorgen mit der Kindergartenklasse von Angela Carrere im Oltner Säli-Schulhaus.

Heute müssen die Kinder Mäuse ausmalen. Meier geht im Kreis um den niedrigen Tisch. Die Plüschmaus, die als Vorlage dient, ist grau. Doch nicht alle Kinder wollen diesem Beispiel folgen. Josy Meier kennt die Kleinen. Sie weiss, welche man überzeugen kann, den blauen gegen den grauen Farbstift auszutauschen, und wo heute eine blaue Maus das kleinste Problem ist. «Diese Arbeit braucht Geduld und Freude an den Kindern», sagt sie. «Ich habe schaurig Freud», fügt sie hinzu.

Schon als sie noch als KV-Angestellte arbeitete, hatte sie vom Projekt der Pro Senectute gehört. «Ich habe immer gehofft, dass es dies auch noch geben wird, wenn ich pensioniert bin», erzählt sie. Sie hatte Glück: Als Pensionierte bewarb sie sich nach einem Zeitungsinserat sofort.

Nach dem Ausmalen dürfen sich die Kindergärtler mit einem Lied auflockern. Die Lehrerin spielt eine Melodie auf der Gitarre, die Kinder dürfen auswählen, welche Worte sie dazu singen möchten. Auf Wuff folgt Güggerügü, dann Piepiep. Josy Meier bellt, kräht und piept munter mit.

«Gottefroh» über die Hilfe

Dieses Jahr ist schon ihr viertes bei Angela Carrere. Die Chemie zwischen Lehrperson und Seniorin muss stimmen, sagt Carrere. «Wir haben uns beim ersten Treffen bestens verstanden.» Heute sei sie «gottefroh», dass sie Unterstützung habe. «Zwanzig Kinder geben viel Arbeit, besonders die Kleinen, die im ersten Quartal noch nicht allein auf die Toilette können.»

Klare Rollenverteilung im Klassenzimmer

Pro Senectute bringt Seniorinnen und Senioren für einen Halbtag pro Woche ins Klassenzimmer. Beim Verband Lehrerinnen und Lehrer Solothurn stösst das auf positive Resonanz. «Grundsätzlich gibt es gegen dieses Projekt nichts einzuwenden, persönlich habe ich auch noch nichts Negatives gehört», sagt Präsidentin Dagmar Rösler. Allerdings müsse der Einsatz eines Senioren oder einer Seniorin tatsächlich eine Entlastung sein und kein zusätzlicher Aufwand bedeuten. Zudem müsse die Rollenverteilung im Klassenzimmer klar bestimmt sein. «Prüfungen, das Lösen von Krisensituationen oder der Kontakt mit den Eltern sollen immer vom Lehrer übernommen werden», betont Rösler. Die Senioren können von der Spielgruppe bis zur Oberstufe eingesetzt werden. «Das Projekt kann durchaus auf allen Stufen sinnvoll sein», sagt Rösler. Es sei jedoch wichtig zu beachten, dass auf jeder Stufe andere Aufgaben anfallen. «Der Senior oder die Seniorin muss sich den Anforderungen der jeweiligen Stufe bewusst sein.» «(JGL)

Aber auf Josy Meier könne sie sich verlassen. Meier hat selber zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Sie glaubt nicht, dass die Kinder früher viel anders waren. «Heute sind sie mit anderen Sachen konfrontiert», sagt sie . Aber was schon früher Kinder fasziniert hat, funktioniert heute immer noch. Zum Beispiel wie Josy Meier zeigt, wie man das Relief einer Münze auf ein Papier abpausen kann.

Znünipause für die Kindergärtler. Dank eines weiteren Liedes wissen alle, was zu tun ist: Die Znünitäschli werden verteilt und ausgepackt. Josy Meier hilft einem Mädchen, ein Weggli aus einer widerspenstigen Verpackung zu befreien. «Hat sie ein Gipfeli?», fragt sein Gspänli empört. Gipfeli sind nämlich verboten. «Nein, es ist ein Weggli», kann Meier beruhigen.

Schulleiter Stefan Thöni ist überzeugt von den Senioren im Klassenzimmer – und hätte gern noch mehr. «Vor allem aus dem Kindergarten hätten wir verschiedene Anfragen», sagt er. Auch andere Primarschulen in Olten seien interessiert. Seniorinnen und Senioren, die einen solchen Einsatz leisten wollen, müssen nur die von Josy Meier beschriebenen Qualitäten mitbringen: Geduld und Freude an den Kindern. Zudem müssen sie sich für einen Halbtag in der Woche verpflichten. «Pädagogische Kenntnisse braucht es nicht», sagt Thöni. Es habe auch schon jemand beim Werken mitgeholfen. Interessierte können sich direkt bei ihm oder via Pro Senectute melden.

Nach dem Znüni geht es ins Turnen. «Wer hat Angst vor dem grossen Bären?», heisst das Spiel heute politisch korrekt. Alle, die es erwischt hat, müssen bei Meier ein gelbes Bändeli abholen. Die Seniorin hat die Kinder lieb gewonnen. Manchmal gibt mir ein Kind bei der Verabschiedung eine Umarmung. «Diese glänzenden Äuglein, das ist das Schönste», sagt sie.