Er sei «schon immer sportlich unterwegs» gewesen, sagt Sebastian Büttiker über sich selbst. Als Teenager wurde der heute 28-Jährige mehrmals Schweizer Meister auf dem Monoskibob. Ein sehr kostspieliger Sport, was ein Grund dafür war, weshalb Büttiker damit aufhörte. «Es ging enorm ins Geld. Und wenn du in Olten wohnst, ist ein Wintersport halt einfach nicht das Geeignetste.» Rennrollstuhlfahren probierte Büttiker ebenfalls: «Immer nur Runden zu drehen, war aber nichts für mich.» Und Basketball: «Eigentlich ein geiler Sport, ich schaue oft NBA-Spiele im Fernsehen. Aber es gibt so viele Regeln, gerade was die Fouls angeht. Da spiele ich lieber ab und zu in der Freizeit mit meinen Kollegen zum Spass.»

Die langwierige Suche nach der passenden Sportart hat sich gelohnt. Seit etwas mehr als fünf Jahren ist Rollstuhltennis die grosse Leidenschaft von Sebastian Büttiker, der mit einem offenen Rücken (spina bifida) zur Welt kam. Eigentlich hätte er ja schon vorher wissen müssen, dass er irgendwann beim Tennis landet. «Meine ganze Familie hat schon immer gerne und viel Tennis gespielt. Das Ballgefühl liegt mir wohl im Blut.» Sein jüngerer Bruder ist Goalie beim FC Olten, seine beiden Schwestern spielen Handball und der ältere Bruder Eishockey beim SC Altstadt.

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Rollstuhl-Tennis Büttiker und Hürlimann

Kraftakt bereits vor Training

Während knapp zwei Jahren betrieb Sebastian Büttiker Rollstuhltennis laut eigener Aussage als Hobby. Das bedeutet konkret, dass er einmal pro Woche in Solothurn trainierte. Sein grosses Problem: Er musste immer mit dem Zug ins Training fahren. Im Rollstuhl sitzend und den speziellen Tennisrollstuhl vor sich her stossend. Ein Kraftakt schon vor der eigentlichen sportlichen Betätigung. «Ich war meistens schon völlig ausgepumpt, wenn ich im Training ankam», kann er heute lachend zurückblicken.

Die Lösung für sein Problem: 2015 absolvierte der Oltner die Autoprüfung. «Ab da ging es bei mir richtig ab mit dem Tennisspielen», ist seine Begeisterung deutlich spürbar. «Ich spielte bis zum Gehtnichtmehr.» Und dies alles dank der so wichtigen Mobilität. Aktuell trainiert Büttiker dreimal pro Woche. Am Montag in Solothurn, am Mittwoch in Nottwil und am Samstag im aargauischen Birrhard. «Das Feld und die Regeln sind identisch wie beim Tennis», erklärt Büttiker. «Der einzige Unterschied ist, dass der Ball beim Rollstuhltennis den Boden zweimal berühren darf.» Jedoch nicht muss. Er nütze dies nämlich noch viel zu oft aus: «Ich lasse den Ball lieber einmal mehr aufspringen, statt zu riskieren und das Spiel schnell zu machen. Das ärgert meinen Trainer jeweils.»

Was es braucht für den Sport, ist ein spezieller Rollstuhl. Büttiker, der bei Procap als Sachbearbeiter für Reisen und Sportevents in Olten in einem 70-Prozent-Pensum angestellt ist, schätzt den Preis auf 5000 Franken. «Die beiden grossen Räder sind breiter gestürzt. Das ermöglicht schnellere Drehungen», erklärt er. Für noch mehr Agilität sind drei zusätzliche kleine Räder angebracht. Vorne zwei und hinten eins. Diese tragen zudem zur besseren Stabilität bei. «Ich bin zusätzlich mit mehreren Gurten fixiert. Man muss eine Einheit sein mit dem Rollstuhl.»

Im Februar wurde Büttiker Schweizer Meister auf der zweithöchsten Interclub-Stufe. Gemeinsam mit Teamkollege Matthias Hürlimann. Obwohl Büttiker 2017 bereits den Schweizer-Meister-Titel im Einzel gewann, kam der Erfolg unerwartet. «Wir haben uns während des Turniers immer wieder gegenseitig den A.... gerettet», sagt er lachend. Im Halbfinal gewann Büttiker sein Einzel, Hürlimann unterlag. Im Final musste dann Büttiker sein Einzel abgeben und Hürlimann war erfolgreich. «Im Doppel waren wir unschlagbar», ergründet er das Erfolgsrezept.

Wenns nicht läuft, Seiten richten

Die Rollstuhltennis-Szene hierzulande ist überschaubar. Man kennt sich, auf dem Platz gibt es keine Geheimnisse. Was würden die Gegner über ihn sagen? «Dass ich hohe Bälle hasse», meint Büttiker. Auch an der Rückhand müsse er noch feilen. «Mein Paradeschlag ist Vorhand-Cross. Mit meinen langen Armen habe ich ausserdem eine grosse Reichweite.» Eine weitere Stärke ist der Aufschlag: «Es beruhigt einem, wenn der Service funktioniert. So kommt man leicht zu Punkten», so Büttiker.

Der EHCO-Fan hat noch einiges vor in Sachen Rollstuhltennis. Obwohl er (noch) nicht in der höchsten Interclub-Liga spielt, «das stresst mich nicht, ich habe ja noch etwas Zeit», sagt er dazu, figuriert Büttiker im Nachwuchskader der Schweizer Nati. «Mal an einer EM oder gar WM teilzunehmen, ist definitiv ein Ziel», wägt er ab, «dafür braucht es aber doch noch einige Fortschritte.» Und im besten Fall ein paar Sponsoren, die er aktuell über die Crowdfunding-Plattform «ibelieveinyou» sucht. Was macht er eigentlich, wenn es auf dem Platz mal nicht läuft? «Früher zerschmetterte ich den Schläger und fluchte wie ein Rohrspatz», gesteht Sebastian Büttiker. «Jetzt richte ich zur Beruhigung die Saiten des Schlägers. Das hilft.»