Die stümperhafte Frage, wie viele Plaketten er sein Eigen nennt, amüsiert ihn mehr, als sie ihn fordert. Christian Wüthrich, Bankangestellter, dreifacher Familienvater, Zunftmeister der Fröscheweid Zunft und Fuko-Rat, sammelt nicht um der Menge, sondern um der Vollständigkeit Willen: Fasnachtsplaketten seit Mitte der 1980er- Jahre nämlich, anderes wie Münzen Medaillen, Abzeichen, figürliche Holzschnitzereien schon länger.

Die Frage beantwortet er deshalb mit der Bemerkung: «Vier ganze Oltner Fasnachtsplakettensätze habe ich beisammen; zum kompletten fünften fehlen mir noch zwei goldenen Exemplare.» Der Mann weiss Bescheid. Und was das mit den Sätzen genau bedeutet, schickt er mit historisch untermauertem Wissen und mit Leidenschaft hinterher. «Die erste Plakette, so wie wir sie heute kennen, erschien im Jahr 1947 und in einem Zweiersatz; in Alu und Gold. Man muss sich vorstellen: Gold-Ausgaben waren damals sehr selten, vielleicht gabs davon 30 Stück», sagt er.

Genau weiss es niemand. Raritäten aber sinds allemal. «Und zur Alu-Plakette liesse sich sagen, dass sie für viele Betrachter heute so wirkt, als sei sie aus Plastik.» Wüthrich lacht. Dann fährt er fort: «Die Ausgabe von 1947 ist die einzige, auf welcher der Ildefonsturm fehlt.» Insider wissen: Aktuell müssen alle Oltner Fasnachtsplaketten fünf Merkmale aufweisen: die Jahreszahl, die Begriffe «Olten» und «Fuko», die drei Tannen und eben, den Stadtturm. «Über all die Jahre betrachtet, hat sich diese gestalterische Vorgabe als ausserordentlich hilfreich erwiesen», sagt Wüthrich. Sie sorge für einen hohen Wiedererkennungswert.

Der Bankangestellte hat seinen Plakettenschatz mittlerweile so verinnerlicht, dass er die einzelnen Ausgaben an ihrer äusseren Form erkennt. «Jedenfalls die meisten», sagt er. Ganz sicher aber könne er jeder Plakette das entsprechende Jahr zuordnen.

Vom Zweier- zum Fünfersatz

Doch zurück zu den Sätzen: Mit Beginn der 1950er-Jahre folgte der Dreiersatz: Bronze – Silber – Gold; die 1970er-Jahre fügten eine weitere Edition hinzu: Jene der Gönnerplakette nämlich. Und seit 2007 gibts noch das «Vreneli», die kleinste Ausgabe, die sich als veritables Schmuckstück erweist und zunehmend populärer wird. «Mit dem ‹Vreneli› haben wir auf die Anregung zu einer kleinen und leichtgewichtigeren Form der Plakette reagiert», erzählt der Sammler, der festhält, dass der Wunsch nach eleganteren Plaketten heute wieder an Bedeutung gewinnt.

So also hat sich aus dem Zweier- ein Fünfersatz entwickelt. Zudem sind seit 1977 auch Kinderplaketten im Umlauf. «Deren Farbigkeit war uns wichtig», erzählt Wüthrich. Von einer Ausweitung kommender Editionen möchte er absehen. «Ich finde, es reicht», sagt er, der im Fuko-Rat das Ressort Plaketten innehat und für die Durchführung des Wettbewerbs zuständig ist. 20 bis 30 Kreateure beiderlei Geschlechts machen jeweils mit.

Das Werden von Wüthrichs Sammlung kennt viele Geburtshelfer. Brockenstuben, Antiquitätenmessen, Seniorenfasnächtler, aufgelöste Haushalte, Inserate, Suchen im Internet. «Es gibt die unterschiedlichsten Quellen», sagt er.

Darüber hinaus kennt der Mann aber noch andere potenzielle Fundgruben: «Altmetallsammlungen in der Stadt können Ausserordentliches beinhalten», verrät er. Sie locken ihn noch heute, wie er gesteht. Denn eine Sammlung zu komplettieren – das sei der Anreiz, stets weiterzusuchen. Zudem lerne man dabei die unterschiedlichsten Menschen kennen. Der Beginn von Freundschaften sei da nicht ausgeschlossen.

Auswärtige Plaketten sammelt Wüthrich im Übrigen nicht. Aber im Tauschhandel leisten sie vorzügliche Dienste. In der weiteren Region Olten finden sich lediglich zwischen 15 und 20 Sammler seines Formats. Jedoch: «In letzter Zeit hat das Interesse dafür eher wieder zugenommen», glaubt er festgestellt zu haben. Hat er eine Plakette in doppelter oder dreifacher Ausführung, verschenkt er bei Gelegenheit auch mal eine solche. «Manchmal kann ich jemandem doch eine Freude machen, wenn ich ihm eine aus seinem Geburtsjahr überreiche.»

Der Ästhet als Sammler

Natürlich: Sammler sind auch Ästheten. Da macht der Oltner, der 1972 als Bub aus Langenthal zuzog, keine Ausnahme. Die hiesige Tradition der Plakettenmotive orientiere sich an jener der Basler. «Nicht das Fratzenhafte, das Grobe der alemannischen Fasnacht steht dabei im Vordergrund, eher Motive der gestalteten, der ästhetisierten Fasnacht», sagt er. Und so ist Wüthrich ganz zufrieden mit den Oltner Motiven, die seit 1947 die fasnächtlichen Oltner Bijoux zieren und übrigens nur mit Nadel komplett sind.

Dabei haben sich in der 70-jährigen Geschichte regelrechte Dauerbrenner aus der Gilde der Kreateure hervorgetan. Max Woehrle, Gustav Zaugg, Franz Breitschmid und in jüngster Zeit auch Christof Schelbert; jeder aus dem Männerquartett hat mindestens acht Editionen kreiert. Bei den Frauen sticht Cathrin Zysset mit deren vier heraus. «Es gibt immer wieder Ausgaben, die wegen ihrer Gestaltung im Verkauf gut laufen und zu Legenden werden», weiss Wüthrich, der eigentlich kein Befürworter von auf Plaketten dargestellten offiziellen Fasnachtsmottos ist.

«Ich meine halt, das schränkt die gestalterischen Freiheiten der Kreateure doch zu sehr ein.» Und er deutet damit an, was eine sogenannte «gute Plakette» ausmacht. Sie muss das ästhetische Empfinden der Leute zum Schwingen bringen. So werden Klassiker geboren: Gustav Zauggs Eisenbahnwaggon von 1986 etwa oder Franz Breitschmids alte Tante von 1960.

Verändert habe sich im Lauf der Jahre vor allem die Herstellungstechnik beziehungsweise der Herstellungspreis, weiss Wüthrich. «Gewisse ausgearbeitete Feinheiten, wie sie in den alten Ausgaben noch möglich waren, sind heute eigentlich gar nicht mehr bezahlbar», sagt der Sammler. Und er sagt das nicht ohne Bedauern.