Eine Staubschicht zieht sich wie ein roter Faden durch das ehemalige Berna-Gebäude in Olten. Eine knarrende Holztreppe, verziert mit Spinnweben, führt den Besucher zu einem kleinen botanischen Garten - eine Art Vorraum zum Gemeinschaftsatelier von Cecile Weibel. Sie ist diesjährige Gewinnerin eines der zwei Pariser Atelieraufenthalte, welche der Kanton Solothurn jedes Jahr ausstellt.

Für Januar bis Juni 2014 wird sich die Trimbacherin, die zurzeit ein Erasmus-Austauschsemester in Berlin verbringt, um das Geld keine Sorgen machen müssen. Dank dem gewonnen Preis wird für die Miete und mit monatlichen 3000 Franken für den Lebensunterhalt gesorgt sein. «Einen solch hohen Monatslohn hatte ich in meinem Leben noch nie», sagt die Studentin, die bereits ein Studium an der Hochschule Luzern Design&Kunst abgeschlossen hat.

Planlos nach Paris

«Die Freiheit, das zu machen, was man will» - dies bedeutet für die Studentin der zukünftige Paris-Aufenthalt: «Ich schätze das entgegengebrachte Vertrauen, ein halbes Jahr die Zeit frei nutzen zu dürfen.» Konkrete Pläne, wie sie diese gestalten wird, hat sie keine. «Erfahrungsgemäss ergibt sich dann von selbst ein Alltag», meint sie. Auch Erwartungen hat sie keine – «diese würden mich nur einschränken.»
Im Moment hat das Mitglied der Performancegruppe «It sounds like Rita» aber noch einige Verpflichtungen.

Neben dem «Brotjob» als Pflegeassistentin in einer Zürcher Wohngemeinschaft für körperlich Behinderte studiert sie in Basel Gender Studies und Geschichte. Sind diese Tätigkeiten während des Paris-Aufenthaltes einfach auf Stand-by-Modus zu stellen? «Ja, beim Job muss ich noch aushandeln, wie es nachher weitergeht», sagt sie zögernd. Das Studium hingegen bereitet ihr kein Kopfzerbrechen. Da sie es als Ergänzung zu ihren künstlerischen Projekten sieht, liesse es sich gut auch mal ein halbes Jahr aussetzen.

Zukunftsangst hat sie nur manchmal. «Es gibt immer wieder Phasen, in denen man Sorgen und Zweifel hat. Doch die Freude, das machen zu können, was mir Spass macht, überwiegt.» Sinnvolle Alternativen zu ihrem künstlerischen Schaffen gäbe es für sie im Moment ohnehin keine.

In ihrem Element

Bei ihrem künstlerischen Schaffen löst sich die 29-Jährige vom Kunstbegriff im engeren Sinne. Denn dabei gäbe es nur einen Autor. Dies stimme bei ihren Werken, die seit einiger Zeit in Form von Performances, Videos und Video-Performances daherkommen, nicht ganz. Sie bezeichnet diese eher als «Kollaboration». Nicht grundlos gibt sie ihren Akteuren, die alle aus ihrem Freundes- und Familienkreis stammen, bei ihren Werken einen hohen Stellenwert. Diese bringen bei der Produktion nämlich einiges mit ein.

Denn: In den sozialen Situationen, die Weibel darstellt, führt sie nicht bis ins Detail Regie. Lieber lässt sie den Beteiligten die Freiheit, auf ihre natürliche Art und Weise die Vorgaben umzusetzen. Sie gibt lediglich die Grundlage, um eine gewünschte Dynamik erzeugen zu lassen. «Es ist sicher vorteilhaft, dass ich die Darsteller kenne. So kann ich nämlich die Dynamik häufig voraussehen», sagt Weibel und fügt hinzu: «Es gibt aber immer wieder Überraschungen.»

Beine, Brüste und Zähne

Das Hauptthema ihrer Werke verraten die vielen im Atelier verteilten Körperteile aus Kunststoff. So zieren die Wände zum Beispiel ein Latexguss zweier Brüste oder «Die Geburt der Venus» von Botticelli, «bereichert» mit einem Foto eines weiblichen Geschlechtsteils. In einer Ecke ist ein Stapel Mannequin-Beine zu entdecken und auf einem der Regale auch ein kleines Gebiss.

Dominant sind im Raum aber zwei Schaufensterpuppen, geschmückt mit Perücke und Maske sowie anderen Accessoires, welche auch den Rest der Regale und die Schränke füllen. «Die gehören zu den Kostümen für die Inszenierungen», erklärt die Studentin, welche sich in ihren Werken mit Körpern befasst und «daran gekoppelt auch Identitätsfragen» nachgeht.

Welche Kostüme und Accessoires in den Koffer nach Paris dürfen, hat sie noch nicht entschieden. «Ich werde sicher einige Sachen mitnehmen, aber werde hoffentlich auch dort neues Material finden.» So hofft die 29-Jährige, dass die Seine-Stadt ihr Erfahrungen bereithält, die sie hier «auf diese Art und Weise sicher nicht machen könnte».