Wir sind Weltmeister im Jammern. Nicht von ungefähr gab der Schriftsteller Otto F. Walter dem fiktiven Städtchen am Jurasüdfuss, hinter dem unschwer Olten zu erkennen war, im Roman den Namen Jammers. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass sich die Schweizer zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen. Da drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass zwischen den Top-Ratings im Jammern und Glücklichsein ein Zusammenhang besteht. Kann man also sagen, Jammern mache glücklich, obwohl sich ja eigentlich ein glückhaftes Leben und ständiges Wehklagen widersprechen?

Jammern in Variationen

Das Quartierzentrum Cultibo, wo jeweils das Café Philo stattfindet, war mit einer Wäscheleine voll Jammerlappen dekoriert. Obwohl in allen Farben, zeigten sie doch, dass wir Jammern mit eher negativen Gefühlen verbinden. Unter der Diskussionsleitung von Imre Hofmann versuchte die Diskussionsrunde, den Farbschattierungen des Begriffs nachzuspüren.

Jammer hat wie wimmern etwas Lautmalerisches und drückt einen empfundenen Schmerz oder ein einem widerfahrenes Leid aus. Im Gegensatz zum mehr zornigen und streitbaren Hadern ist jammern aber wehleidig. Wer jammert, erheischt Mitgefühl oder Mitleid. Wer klagt oder sich vorwurfsvoll beklagt, tut dies zwar auch. Hingegen will der «Jammeri» nur Dampf ablassen. Eine Bereitschaft aber, sich oder an seiner unbefriedigenden Situation etwas zu ändern, ist nicht vorhanden. Somit ist jammern statisch und passiv, es reibt sich an den Widrigkeiten der Welt auf und alles dreht sich in einer endlosen Schlaufe.

Das Gegenüber wird dadurch oft überfordert. Für ihn als Zuhörer ist das Ganze mühsam und nervig. Dem Jammernden kann man weder helfen noch raten. Er verharrt in der Opferrolle, und je nachdem scheint er sich in dieser Rolle sogar zu gefallen.

Jammern auf hohem Niveau

Ist Jammern tatsächlich fas nur negativ behaftet? In der Gesprächsrunde kristallisierte ich zudem heraus, dass gemeinsames Jammern unter Gleichgesinnten verbindet, es schweisst die Gruppe durchaus zusammen. Wer hier hingegen nicht mitjammern und gar betont, er sei zufrieden wie es ist, wirkt schnell überheblich und droht, sich abzusondern.

Andererseits erscheint in einer Welt, wo der Leistung derart grosse Bedeutung zugemessen wird, ein jammernder Loser, der sich dem Druck und Zwang zum Erfolg widersetzt, bereits wieder sympathisch.