Humanitärer Einsatz
Schweizer Ärzte kämpfen in Mexiko erfolgreich gegen den Grauen Star

Auch dieses Jahr reiste das Schweizer Ärzte-Team unter der Leitung des Oltners Alex Heuberger nach Mexiko. In einem zweiwöchigen humanitären Einsatz operierte das Team insgesamt 380 mittellose Grauer-Star-Betroffene.

Deborah Onnis
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Im Gang vor dem Operationssaal warten die Patienten geduldig in einer Reihe.
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Die Angehörigen der Patienten warten vis-à-vis dem Spital in Tuxtla.
Während der Operationen stehen Getränke für Chirurg und Assistenz in Reichweite.
Schweizer Ärzte kämpfen in Mexiko gegen den grauen Star
Ein Schweizer Augenchirurg bei einem Eingriff in Mexiko
Nach dem Klimaanlageausfall ist im überhitzten OP ein Ventilator der einzige Luftspender.
Das «Projekt gegen Blindheit in Mexiko» konzentriert sich auf die südlichsten und gleichzeitig ärmsten Staaten des Landes.
Schweizer Ärzte kämpfen in Mexiko gegen den grauen Star (2)

Im Gang vor dem Operationssaal warten die Patienten geduldig in einer Reihe.

Deborah Onnis

Seit acht Jahren reisen Schweizer Ärzte unter der Leitung des Oltner Augenchirurgen Alex Heuberger (Augenklinik Heuberger) für das «Projekt gegen Blindheit in Mexiko» auf eigene Kosten in die ärmsten Regionen des lateinamerikanischen Landes. Dort operieren sie während ihrer Ferien zwei Wochen lang kostenlos mittellose vom grauen Star Betroffene, bilden das lokale Gesundheitspersonal aus und spenden Spitälern chirurgisches Material und medizinische Geräte. Dadurch soll das selbstständige Weiterführen der lokalen Ophthalmologie-Abteilung gefördert werden. Nachdem sich der Standort in Acapulco mittlerweile etabliert hat und selbstständig funktioniert, konzentrierte sich das Schweizer Ärzte-Team beim diesjährigen Einsatz auf die Standorte Tuxtla Gutierrez (Chiapas) und Salina Cruz (Oaxaca).

Spenden

Unterstützen kann man das Schweizer Ärzte-Team, welches jedes Jahr nach Mexiko reist, um mittellose Patienten kostenlos zu operieren, mit einer Spende: Verein Bekämpfung der Weltblindheit, Olten, Spendenkonto: CH54 8094 7000 0062 0968 8 (Raiffeisenbank Untergäu) oder Postkonto 46-349-9.

«Die richtigen Beziehungen zu haben, ist für das Durchführen eines solchen Hilfsprojekts in Mexiko absolut entscheidend», erklärt Manuel Villalvazo, leitender Anästhesiearzt der Augenklinik Heuberger. Diese fehlen dem Anästhesiearzt mit mexikanischen Wurzeln nicht. Als organisatorische Schlüsselperson des «Projekts gegen Blindheit in Mexiko» nennt er Norma Aragòn, mexikanische Koordinatorin des Projekts, die vor Ort ehrenamtlich riesige Vorbereitungsarbeit leistet.

Langer Weg bis zum OP-Tisch

Nebst der Beziehungspflege zu den lokalen Behörden stellt die Suche nach Katarakt-Betroffenen die grösste Herausforderung dar. Um die vielen in ländlichen Gebieten abgeschotteten Betroffenen zu erreichen, wurde in Zusammenarbeit mit dem lokalen Sozialdienst (DIF) und in Tuxtla zusätzlich mit dem «Club Rotario Oriente de Tuxtla» eine dreimonatige Werbekampagne in TV, Radio, Zeitungen und Kirchen durchgeführt. «Die stärkste Wirkung zeigten bisher die Radioansagen und die Mundpropaganda», erklärt Mayra Aquino Coutiño, Präsidentin des «Club Rotario Oriente de Tuxtla».

Dieses Jahr wurden in der Region Chiapas 261 und in der Region Oaxaca 150 Patienten von einem lokalen Augenarzt erfolgreich voruntersucht und für die Operation als geeignet eingestuft. Der Name auf der Liste ist aber noch lange kein Garant dafür, dass der Patient wirklich den Operationstisch erreicht. Oft spielen das Transportgeld, das Wetter und gesellschaftspolitische Gegebenheiten eine entscheidende Rolle.

«Kein Vergleich zum Schweizer Standard»

Zum Zeitpunkt der Ankunft des Schweizer Teams in Tuxtla Gutiérrez ist das Ende der Regenzeit nah. Mit heftigen Regenschauern und Gewittern muss man aber noch rechnen. Genauso wie mit einer nicht überquerbaren Brücke. Meistens die einzige Brücke, welche die indigenen Dörfer mit der Zivilisation verbindet. Ein Umweg ist teilweise möglich, kostet aber mehr Zeit, und noch entscheidender: mehr Geld. Vor allem, wenn gerade Lehrer gegen staatliche Bildungsreformen demonstrieren und Tankstellen sowie Autobahnstationen besetzen.

Im Spital in Tuxtla Gutiérrez angekommen, muss das Operationsmaterial bereitgestellt und die Operationsgeräte eingestellt werden. Besonders die Mikroskope, mit welchen die Augenchirurgen operieren sollen, lösen bei den Schweizern keine Begeisterung aus: «Kein Vergleich zum Schweizer Standard.» Dennoch: Nach einigen Stunden Schrauben und Einrichten erklären sie die Säle für den Folgetag als einsatzbereit.

Mühsame Operation

Am ersten Operationstag empfangen ein herzlicher Applaus der wartenden Patienten und eine erdrückende Hitze das Schweizer Ärzte-Team vor dem Spital in Tuxtla. Drinnen warten im Gang der ophthalmologischen Abteilung in einer Reihe auf Klappstühlen bereits 10 der 40 Patienten in Operationsweste und mit Netzhütchen. Neben den Krankenschwestern, welche im Korridor den Patienten eine Infusion stecken, füllen Rotarier und am ersten Tag lokale Medienschaffende den kleinen Vorraum. Die lauten Gespräche übertönen dabei fast den regelmässigen Ruf aus dem Operationsraum. «Paciente», heisst es in einem nicht festzulegenden Rhythmus. Verlässt ein Patient den Operationssaal, rückt gleich der nächste nach.

Beschreitet der Patient den sterilen Bereich, ist die nächste Station der Anästhesieraum, wo er eine Lokalnarkose erhält. Anschliessend werden die Patienten auf die drei Operationssäle verteilt. 15 Minuten dauert der chirurgische Eingriff in der Regel, manchmal etwas länger. Den Grund dafür erklärt Dr. Heuberger: «Die meisten Patienten haben eine sehr fortgeschrittene Katarakt, bei welcher der Linsenkern sehr hart und dementsprechend mühsam zu entfernen ist.»

Fruchtsaft und Wackelpudding von Freiwilligen

Nach der Operation nehmen die Patienten wieder im Korridor Platz, wo sie mit Essen und Trinken versorgt werden. Abgeholt werden sie nun von Angehörigen, welche draussen stundenlang in der tropischen Hitze gewartet haben. «Wir sind seit 5.30 Uhr hier. Um 6 Uhr war hier aber schon alles voll», erzählt eine Angehörige, die um 13 Uhr endlich ihre operierte Mutter abholen kann. Bevor die beiden aber wieder ihres Weges gehen, erhalten sie von Ernesto Vazquez für die Nachbehandlung Medikamente in die Hand gedrückt und einige Anweisungen zur Heilunterstützung. Jeder Patient muss einen Tag nach der Operation ins Spital in die Nachkontrolle. Wenn das Augenpflaster entfernt wird, können die Patienten Licht und Konturen sehen. Das endgültige Resultat werden sie aber erst zwei Wochen später erleben.

Während die Ärzte in der Operationswoche morgens bis nachmittags im «Eye of the hurricane» arbeiten, wie es einer der Schweizer Chirurgen nennt, tobt ausserhalb des OP-Saals ein organisiertes Chaos. Nur grob sind Strukturen im Ablauf der Patientenaufnahme und -abgabe zu erkennen. So nehmen auch herumstehende Sicherheitsleute, Krankenschwestern, Rotarier oder wer gerade davorsteht einen Patienten aus dem Operationssaal entgegen. Auch bei der anschliessenden Versorgung mit Fruchtsaft und Wackelpudding verfüttern nebst Krankenschwestern auch viele andere Hände Löffel um Löffel.

Angst davor, dass Augen gestohlen werden

Teamwork und Improvisation werden aber auch im Operationssaal grossgeschrieben. Besonders wenn plötzlich eine Klimaanlage, ein Mikroskop oder eine Lampe ausfällt, sind bald ein Ventilator, ein Sackmesser und eine Taschenlampe zur Hand. So lernen während der Operationseinsätze nicht nur lokale Ärzte und Schwestern, sondern auch die Schweizer Ärzte Neues dazu.

Wie zu Beginn der Kampagne geahnt, fehlen Tag um Tag mehr Patienten. Nur wenige melden sich wegen Grippe offiziell ab. Der Rest bleibt vorerst verschollen. Einige Patienten kämen laut Mayra Aquino Coutiño auch aus Angst nicht ins Spital. «Vor allem skeptische Ältere befürchten, dass ihnen bei der Operation die Augen gestohlen werden», lacht sie. Doch fertig lustig. Schon ist die Präsidentin wieder am Handy und telefoniert eifrig mit den sozialen Diensten, mit welchen sie versucht, die fehlenden und weitere potenzielle Patienten für den Folgetag ausfindig zu machen.

220 operierte Patienten

Eine der glücklichen Patienten, die es aus San Juan Chamula bis nach Tuxtla geschafft haben, ist eine 81-jährige Maya-Eingeborene der Gemeinschaft Tzotzil. Sie spricht nur Dialekt und ist gegenüber Fremden sehr zurückhaltend. Begleitet haben sie ihr Sohn und ein Krankenpfleger der lokalen Stiftung Fundacion Leon XIII. «Das linke Auge ist blind und mit dem rechten sehe ich auch nicht gut», übersetzt der Pfleger die Aussage der Tzotzil-Frau mit langen dünnen Zöpfen. Ihr grösstes Problem werde dadurch das Laufen, sie falle oft um, fährt der Pfleger weiter. «Ich bin zuversichtlich. Ich fühle, dass hier alles gut laufen wird», prophezeit die Dame in traditioneller Tracht.

Und recht hat sie: Ende Woche können die Ärzte stolz auf 220 operierte Patienten zurückblicken. «Es ist ein unglaubliches Gefühl», strahlt Alex Heuberger. Dennoch sind dies 41 Patienten weniger als ursprünglich geplant. «Daran müssen wir arbeiten», sagt Dr. Villalvazo entschlossen. Jetzt geht es aber nach Salina Cruz (Oaxaca), wo das Spitalteam und die 150 voruntersuchten Patienten schon die Tage zählen.

Zum ersten Mal in Oaxaca

Unbekanntes Terrain betrat das Team in der zweiten Projektwoche. Zum ersten Mal wurde das «Projekt gegen Blindheit» im «Hospital General con Especialidades» in Salina Cruz (Oaxaca) durchgeführt. Vor der Ankunft in einer der ärmsten Regionen des Landes machte sich unter den Schweizer Ärzten Skepsis und ein wenig Sorge um die Hygienekonditionen im Spital breit. Unnötig - laut der Koordinatorin Norma Aragòn, die im Voraus die Lage vor Ort untersucht hatte.

Im kleinen Spital angekommen, stellt sich die Angst der Ärzte zumindest auf den ersten Blick als unbegründet heraus. «Das Spital ist zwar klein, aber sauber - der Hygienestandard ist etwa gleich wie in der Schweiz», stellt Dr. Karla Chaloupka überrascht fest. «Auch die Krankenschwestern sind motivierter als in Tuxtla», meint Dr. Beat Zbinden.

Viele Fliegen im Operationsraum

Um den Transport der 150 voruntersuchten Patienten von ihren Landgemeinden zum Spital in Salina Cruz kümmern sich die sozialen Dienste (DIF). Diese organisieren den Patienten auch Übernachtungen in einem Hotel des DIF und begleiten sie so vor, während und nach der Operation. Der Ablauf für die Patienten im Spital entspricht etwa dem in Tuxtla Gutiérrez: In Weste und Häubchen warten die Patienten in einer Sitzreihe im Gang vor dem Operationssaal auf ihren Turnus. Betreut werden sie aber nicht nur von Krankenschwestern, die im Korridor Infusionen stecken, sondern auch von zwei Assistenzärzten und DIF-Mitarbeitern, die den Überblick behalten und auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingehen. Auch Norma Aragòn zeigt als Anziehhilfe keine Berührungsängste und unterhält «Mamita» und «Papito» mit ihrem Charme.

In den zwei Operationssälen, in welchen insgesamt fünf Patienten gleichzeitig operiert werden, schwärmen die Ärzte von den guten Mikroskopen. «Leider funktioniert aber der ‹Spion› nicht», bedauert ein Schweizer Chirurg das Fehlen eines zweiten Okulars, welches für Schulungszwecke unabdingbar ist. Obwohl der Hygiene grosse Beachtung geschenkt wird, dringen in Salina Cruz viele Fliegen in den Operationsraum. Gleich nach der Versammlung auf einem kleinen Imbiss-Wagen neben dem OPS-Eingang, schaffen es einige der lästigen Insekten im Kamikazeflug in den sterilen Bereich bis auf die Stirn des operierenden Chirurgen oder des liegenden Patienten.

Patienten haben keine grosse Ansprüche

«Heute hatte ich den schwierigsten Fall meines Lebens», sagt Dr. Gian-Marco Sarra, der die Herausforderung meistern konnte. Seinen Kollegen geht es nicht viel anders. «Hier habe ich sehr viele schwierige Fälle gesehen», berichtet Kaspar Heldstab. Die Arbeitsbedingungen im Operationssaal seien teilweise auch nicht einfach. Dabei denkt er beispielsweise an das laute Geschrei von Müttern und Neugeborenen, welches in regelmässigen Abständen aus dem Gebärsaal von nebenan zu vernehmen ist.

«Es ist unglaublich, wie viel Vertrauen uns diese Patienten entgegenbringen. Schliesslich können nicht mal alle von uns Spanisch sprechen», wundert sich Dr. Gian-Marco Sarra. In einem Gespräch mit einem lokalen Arzt erfuhr der Schweizer, dass die meisten Patienten keine grossen Ansprüche und Erwartungen haben: «Sie denken, sie hätten nichts mehr zu verlieren, und hoffen höchstens auf eine kleine Besserung; niemals auf eine völlige Genesung.» Dies ist aber für den Schweizer Chirurgen kein Grund, nicht eine einwandfreie Arbeit zu leisten. «Mir ist es sehr wichtig, ein perfektes Resultat zu erzielen - bei jedem Patienten», sagt er entschlossen.

Mehr Eingriffe durchgeführt als geplant

Nach einer Woche hat das Schweizer Team 160 Eingriffe durchgeführt - mehr als ursprünglich geplant. Da die Kapazität vorhanden war, konnten einige Patienten auch am zweiten Auge operiert werden. Wie sehr ihre Bemühungen und Arbeit geschätzt wurden, zeigte die Abschlusszeremonie auf einer speziell errichteten Bühne vor dem Spital. Vor öffentlichem Publikum bedankten sich der Bürgermeister, die Gouverneursehefrau sowie die Spitaldirektion beim Schweizer Team für den Einsatz und die Spende eines Sterilisationsgeräts und weiterem Material im Wert von insgesamt 35 000 Schweizer Franken.

«Den operierten Patienten ist noch nicht bewusst, welche Auswirkung der Eingriff auf sie haben wird. Sie wissen noch nicht, dass dieser ihr Leben verändert hat», zeigt sich der Bürgermeister gerührt. «In Salina Cruz werdet ihr immer Freunde und ein Zuhause haben», fährt er fort. Für das Schweizer Ärzte-Team steht fest: «Wir kommen nächstes Jahr wieder.»