«Es gibt keinen Grund, ihm irgendwelche Steine in den Weg zu legen», sagt Toni von Arx, Geschäftsleiter des Busbetriebs Olten Gösgen Gäu (BOGG). Und weiter: «So etwas kommt ja nicht alle Tage vor.» Wohl wahr. Die Rede da ist von Ian Räz, gelernter Metallbauer, seit einem Monat bei der BOGG als Wagenwart angestellt und seines Zeichens amtierender Europameister im WIG-Schweissen, Einzelwettkampf.

WIG-Schweissen? Räz lacht, rutscht auf dem Sessel eines Linienbusses amüsiert hin und her. «Das heisst so viel wie Wolfram-Inertgas-Schweissen.» Er hält inne, wartet, ob sein Gegenüber die Sache auch verstanden hat. Hat nicht. «Beim WIG-Schweissen brennt ein elektrischer Lichtbogen zwischen dem Werkstück und einer Elektrode aus Wolfram», sagt er. Aha. Und Inert-Gase? «Das sind Schutzgase, die keine chemischen Reaktionen mit den beteiligten Werkstoffen eingehen.»

Im Juni nach Peking

Der junge Mann aus Langenthal weiss Bescheid und fährt Anfang Juni für neun Tage an die Weltmeisterschaften im Schweissen nach Peking. Er stutzt, als er darüber spricht: «Also freiwillig würde ich bestimmt nicht hinfahren», sagt er, der Erdverbundene, Mitglied der Guggemusik haub-haub aus Langenthal, aktiv bei der dortigen Feuerwehr, bei der Gesellschaft der Militärmotorfahrer des Kantons Bern - Sektion Oberaargau und Motorradliebhaber. Aber als amtierender Europameister ist er dafür qualifiziert.

Den Titel hat er sich in Düsseldorf geholt, letzten September, durchgesetzt gegen ein knappes Dutzend Mitbewerbende in seiner Kategorie. Und warum jetzt nicht Weltmeister werden? Räz lacht. «Also wenn’s dann soweit ist», sagt er, «also dann. Dann geb ich eine Runde aus im Betrieb.» Eine noble Geste für einen Weltmeister, der mit Ausnahme eines Diploms und einer Medaille vom Titel gar nichts zu spüren bekommt.

Klar, die Reise nach Peking ist auch was. Gerade mal 140 Minuten wird Räz dort als Schweisser aktiv sein, den Rest des neuntägigen Aufenthalts steht mehr oder weniger zur freien Verfügung. Vielleicht würde der Titel bei einer allfälligen Stellensuche behilflich sein, mutmasst der 21-jährige, der überraschenderweise aus einem wenig handwerklichen Milieu stammt. Der Vater Informatiker, die Mutter gelernte Köchin. Aber der jüngere Bruder Räz’ läuft auf fast derselben Schiene wie der Wagenwart. Gelernter Anlagen- und Apparatebauer. Na also.

Aus elf Schweissaufgaben wird Räz in Peking deren drei zugewiesen bekommen. Diese sind innert gut zwei Stunden zu bewältigen. Wen er gegen sich haben wird? «Keine Ahnung», sagt er heiter. Darum habe er sich bis jetzt noch gar nicht gekümmert, das laufe alles über den Schweizerischen Verband für Schweisstechnik. Auch die Reiserei und das andere Drum und Dran sei dessen Sache. Das Schweissen dagegen ist seine Sache. «Verbindungen herstellen, die augenblicklich stabil sind», sagt er. Das sei der Reiz. «Leimen dagegen», er winkt ab, «das braucht Zeit. Man muss ständig warten, bis alles trocken ist.»

Wurzel-, Füll- und Decklage

Schweissen ist nicht einfach schweissen; in der Fachsprache, die Räz gerne und mit einem satten Verständnis für sein Gegenüber braucht, ist da noch von Zwangslage, der Wurzellage oder -naht, der Fülllage und der Decklage die Rede. Man bekommt dabei den Eindruck, es sei eigentlich ein bisschen wie beim Zahnarzt. Schicht um Schicht Material in einen solchen füllen. Räz lächelt. «Mit Zwangslage ist eigentlich die nicht übliche Arbeithaltung des Schweissers gemeint, oder andersrum: Die Schweisspositionen ergeben sich aus der Lage der zu schweissenden Werkstücke und der Zugänglichkeit des Brenners zur Naht», sagt Räz.

Für Laien vielleicht am einfachsten zu verstehen: Hat ein Schweisser über Kopf zu arbeiten, bezeichnet man dies in der Branche als Zwangslage, je nach Winkellage der zu schweissenden Verbindung ebenfalls. Die Wurzelnaht ist der eigentliche Anfang, die erste Verbindungsnaht zweier zu koppelnder Teile, die Unterseite der Schweissnaht sozusagen. Die Fülllage bezeichnet den Mittelteil einer Verbindung, während die Decklage den Abschluss bildet. «Diese darf ein bisschen vorstehen», sagt Räz. «Aber es gilt grundsätzlich aufzupassen, dass in den einzelnen Lagen keinerlei Einschlüsse, also Hohlräume entstehen. Solche würden die Schweissnaht schwächen.»

Vielleicht auch Chauffeur

Wer ihn so reden hört, glaubt, einen Schweissprofi vom Scheitel bis zu Sohle getroffen zu haben. Vielleicht. Aber der Mann hat noch anderes im Kopf. Derzeit arbeitet er am Erwerb des Führerscheins der Kategorie DE, (für Motorwagen zum Personentransport mit mehr als acht Sitzplätzen plus Anhänger). Als Chauffeur für die BOGG unterwegs zu sein würde ihn durchaus reizen, sagt Räz. Vielleicht wird er bald schon im Linienverkehr anzutreffen sein.
Und selbstständig in der Industrie tätig werden? Keine gute Idee, der Wagenwart winkt ab. Büroarbeit ist ihm ein Graus, theoretischer Unterricht ebenso. «Zudem», sagt Räz, «habe ich gerne geregelte Arbeitszeiten.»