Olten

Schwagertheater: Claudine im einsamen Gespräch mit der Schreibtischlampe

Claudine verliert den Kampf um die Ordnung in ihrer Wohnung.

Claudine verliert den Kampf um die Ordnung in ihrer Wohnung.

Marjolaine Minot, die momentan mit ihrem Stück «Mir stinkt das Glück» durch die Schweiz tourt, trat am Samstag in der ersten Aufführung im neuen Jahr im Schwagertheater auf.

Eine alte Frau hinkt auf die Bühne – mit verstrubbelten Haaren und einer Brille, in einem gepunkteten Kleid mit einer Blümchenschürze und Pantoffeln. Sie sieht ein bisschen so aus, wie man sich eine böse Hexe vorstellt. Sie beginnt, sich mit einer Schreibtischlampe zu unterhalten. Das ist Claudine. Verkörpert wird sie von Marjolaine Minot.

Von den Gegenständen bedrängt

Claudine wohnt alleine. Der Schauplatz des Theaterstücks ist ihr Wohnzimmer, das vollgestopft ist mit Möbeln, Schreibtischlampen und Büchern. An allen möglichen Stellen türmen sich die Bücher. Wenn Claudine etwas sucht, dann räumt sie die Bücher von einem Ort an den andern. Es entstehen immer neue und immer höhere Büchertürme. Wenn Claudine einen Tee trinken möchte, muss sie zuerst ihren Esstisch freiräumen. Dabei muss sie leider feststellen, dass keine Ablagefläche für die weggeräumten Gegenstände mehr verfügbar ist.

So muss sie andere Dinge umplatzieren oder neue Ablageflächen schaffen, um die Gegenstände vom Esstisch irgendwo ablegen zu können, um so überhaupt an ihren Tisch sitzen und ihren Tee geniessen zu können. Während sie ihren Tisch freiräumt, erhitzt sie das Wasser in einem alten Caldor. Dieser beginnt irgendwann zu pfeifen – und pfeift eine ganze Weile vor sich hin, bis Claudine ihn endlich erhört und verärgert zur Kochplatte eilt. Sie brüht ihren Tee und holt sich aus einem Schrank, der bis nach oben mit Nutella gefüllt ist, ein Glas der Süssigkeit, in die sie sogleich ihren Finger tunkt und diesen ableckt.

Claudine erzählt Geschichten

Claudine ist wohl das, was man einen Messie nennt. Sie scheint zudem ein bisschen verrückt zu sein. Genau das glaube auch ihre Nichte, erklärt Claudine. Doch dafür wendet sie sich nicht an das Publikum, sondern an eine Schreibtischlampe, die sie auf der Strasse gefunden und vor der sicheren Vernichtung gerettet hat. Ihr scheint sehr viel an ihren Lampen zu liegen. Sie bezeichnet sie als ihre Mädels, unterhält sich mit ihnen und erzählt ihnen Geschichten. Sie erzählt von ihrer Nichte, die mindestens einmal in der Woche anruft – aber sie rufe nicht wegen ihr an, meint Claudine, sondern nur, damit sie selbst keine Schuldgefühle hätte, falls Claudine einmal sterben sollte. Sie erzählt, dass sie gerne sterben möchte, wenn es sein muss, aber dass sie auf keinen Fall aus ihrem Zuhause weg und in ein Altersheim wolle. Eher bringe sie sich um. Sie hat sogar schon einen Plan, wie sie das anstellen würde.

Sie erzählt von den Ärzten, die sie im Krankenhaus untersucht haben und ihr gesagt hätten, dass sie keinen Zucker mehr essen dürfe und Medikamente schlucken müsse, weil sie ansonsten sterben werde.

Sie erzählt von ihrem toten Nachbarn, der die Frechheit besessen hatte, nicht in seinem eigenen Haus zu sterben, sondern dies vor ihrer Tür tat. Sie erzählt auch, dass ihr das Glück stinkt und dass sie mit ihm einen Pakt abgeschlossen hat: Das Glück lässt Claudine in Ruhe, im Gegenzug lässt Claudine auch das Glück in Ruhe.

Einsam – aber nicht die Einzige

Claudine scheint zwar auf der einen Seite sehr verrückt zu sein, auf der anderen Seite scheint sie aber dieselben Ängste wie viele alte Leute zu haben. In ihrem komischen Stück wirft Marjolaine Minot die Frage auf, wie viele Leute wohl wirklich so leben wie Claudine – alleine und mürrisch, die mit ihren Schreibtischlampen Gespräche führen, weil sie niemanden sonst zum Sprechen haben.

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