50 Jahre Schulreise
Schulreise mit Ross und Wagen und Jesse James vor Augen

Vor 50 Jahren machten Kappeler Oberstufenschüler eine zweitägigen Schulreise der ganz besonderen Art. Mit Ross und Wagen zogen sie von Kappel nach Riken und wieder zurück.

Urs Huber
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Mit Ross und Wagen und gekleidet im Westernstyle auf Schulreise durch die engere Heimat: Die gut 20 Oberstufenschüler aus Kappel mit ihrem Lehrer Ferdinand Nideröst.

Mit Ross und Wagen und gekleidet im Westernstyle auf Schulreise durch die engere Heimat: Die gut 20 Oberstufenschüler aus Kappel mit ihrem Lehrer Ferdinand Nideröst.

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Wer die Filmaufnahmen des Schweizer Fernsehens vom Freitag gesehen hat, kommt aus dem Staunen kaum heraus: Da zieht doch tatsächlich eine Schulklasse von 14- und 15-Jährigen mit Ross und Wagen auf ihrer zweitägigen Schulreise auf freiem Feld an der Kamera vorbei. Was Wunder? Während andere Oberstufenschüler im Sommer 1968 über die Gemmi zogen, die Schynige Platte erkundeten, den Nationalpark im Bündnerland besuchten oder den Hohen Kasten bestiegen, hatten die Kappeler mit ihrem Lehrer anderes im Sinn: Nämlich mit Ross und Wagen die Region entdecken.

«Es war irgendwie halt auch die 68er-Atmosphäre.» Ferdinand Nideröst damaliger Lehrer, lebt heute in Spanien. 

«Es war irgendwie halt auch die 68er-Atmosphäre.» Ferdinand Nideröst damaliger Lehrer, lebt heute in Spanien. 

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Ferdinand Nideröst, der damals 25-jährige Lehrer, war eigentlicher Drahtzieher des «Projekts», wie man heute sagen würde. «Ich weiss noch, dass ich den Schülern so die engere Heimat näherbringen wollte», sagt der heute 75 Jährige. Und weil im Geschichtsunterricht zuvor die Besiedlung Nordamerikas behandelt wurde, lag auch das Transportmittel für diese aussergewöhnliche Reise nahe. Ein mehrteiliger Konvoi aus Planwagen mit vorgespannten Pferden, die Planen waren jeweils beschriftet mit Namen einstiger Westernhelden wie Jesse James, führte die gut 20 Kinder samt einer Handvoll Erwachsener innert zweier Tage von Kappel über Boningen, Fulenbach, Murgenthal nach Riken, wo auf einem Bauernhof die Tiere versorgt, die Gefährte zur Wagenburg formiert, am Lagerfeuer das Essen zubereitet und später in Stroh und Heu geschlafen wurde.

Tags darauf gings weiter nach Oftringen, Bad Lauterbach, Aarburg Höfe und Olten wieder nach Kappel zurück. «Exakt zur Stosszeit, gegen 18 Uhr, durchquerten wir die Stadt. Das gab schon ein bisschen ein Hallo», lacht Nideröst heute, der die Route auch nach knapp 50 Jahren noch so genau aus der Erinnerung abrufen kann, als sei er eben erst zurückgekehrt oder habe die Eltern am Elternabend darüber informiert.

Erleben und nicht dozieren

Es sei eine einfache Schülerschaft gewesen seinerzeit, begründet Nideröst den Wagemut, den es aus heutiger Sicht für ein Projekt dieser Machart brauchte. Er habe als Lehrkraft stets die Maxime vertreten: Erleben und nicht dozieren. «Natürlich war die Idee einer solchen Schulreise eine spezielle», erklärt er heute. Und sie könne nicht so ohne weiteres in die Gegenwart transferiert werden. Zu individuell sei heute die Schülerschaft, zu hoch das Sicherheitsbedürfnis von Eltern und anderen Verantwortungsträgern. Aber der einstige Oberstufenlehrer brachte als Pfadfinder damals beste Voraussetzungen mit, um derartiges umzusetzen. «Was ebenfalls gesagt sein muss: Es war halt auch irgendwie die 68er-Atmosphäre.» Er sei zwar kein typischer Vertreter jener Zeit gewesen. «Aber es herrschte Aufbruchstimmung und vieles wurde möglich.» Nideröst nickt, als er dies bemerkt. Dass die Reise ein medial derart breites Echo fand, nahm der Lehrer damals gelassen hin. Heute erst recht. Ein paar Ausrisse von Printmedien hat er aufbewahrt. Das Schweizer Fernsehen sendete seinerzeit einen sechsminütigen Beitrag, es erschienen etwa Fotobeiträge im «Gelben Heft», in der «neuen Presse» oder im «Badener Tagblatt». In der Rückblende meint er, dafür sei sicher der legendäre Kaplan Alfred Flury verantwortlich gewesen.

Nicht mehr eruierbar, aber womöglich ist der Ponyreiter Kuno Schaub.

Nicht mehr eruierbar, aber womöglich ist der Ponyreiter Kuno Schaub.

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Reisetauglich in Westernmanier

Im Vorfeld der Reise hatten Schüler und Lehrer Fahrzeuge und Zugpferde aufgetrieben, die Wagen in Westernmanier reisetauglich gemacht. «Das war nicht wirklich schwierig», erinnert sich Nideröst. «Kappel war ein Bauerndorf, Ross und Wagen waren noch geläufig.» Weniger einfach sei gewesen, die Handvoll Begleiter zu finden, die damit umzugehen verstanden. Aber sie liessen sich finden, während die Schüler die Sitze herrichteten, Rundeisen montierten und Blachen spannten, die Holzräder im Bach wässerten, bis sie aufgequollen wieder satt im Reifen sassen und an frisch gefetteten Achsen befestigt werden konnten.

Hühner zur Zier

Verpflegung hatte die Pioniere aus dem «Wilden Westen» natürlich auch dabei: Der letzte Wagen des Konvois führte den Kochherd für Suppe und Morgenkakao mit; ebenfalls ein Fass Most und Fleischwaren wie Poulets, Speckseite und Servelas, die «vom Dorfmetzger gespendet wurden», wie die Presse damals schon schrieb. Die in einem Gatter mitreisenden Hühner dagegen waren bloss zur Zier und überlebten die Reise unbeschadet; wie alle Teilnehmenden übrigens auch.

«Es war eine Reise ohne Probleme», erinnert sich Nideröst, der sich seinerzeit für die Atmosphäre rund ums abendliche Lagerfeuer noch zwei, drei Attraktionen ausgedacht hatte. Zum einen erschien der bereits erwähnte und umtriebige Kaplan Alfred Flury, zum andern Wildwest- Autor Werner Egli. Der zeigte einer staunenden Schülerschaft auch einen «echten Revolver» her, wie sich Kuno Schaub, damals Reiseteilnehmer und heute Instrumentenbauer, gerne erinnert. Das sei natürlich eine Sensation gewesen. «Die Reise ist mir in sehr positiver Erinnerung geblieben», sagt Schaub, der abwechslungsweise mit einem Schulkollegen auf dem mitgeführten Pony reiten konnte.

Lehrer Ferdinand Nideröst mit Zylinder führte den Treck an.

Lehrer Ferdinand Nideröst mit Zylinder führte den Treck an.

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«Überhaupt: Das Vorhaben war ein echtes Dorfereignis», erinnert er sich. Skeptiker gabs keine. Und die Schüler fanden diese Wildwest-Maskerade, etwa die angeklebten Schnauzbärte der «Männer» (fürs Fernsehen übrigens, wie Schaub bemerkt) überhaupt nicht doof, wie man heute etwa meinen könnte. «Wir fanden das, ums in der heutigen Sprache auszudrücken, richtig geil», weiss Schaub, dessen Vater übrigens ebenfalls mit von der Partie war und auch Sequenzen der Reise filmte. «Aber der Streifen liegt tief in den Archiven vergraben; ich müsste lange danach suchen», gesteht Schaub.

Und was sich auch noch herausdestillieren lässt nach knapp 50 Jahren: Ferdinand Nideröst galt spätestens nach dieser Schulreise unter Kappels Schülerschaft als Ikone. Bereits im Winter 1966 hatte der mit der Abschlussklasse das erste Skilager im Dorf lanciert. Der Einwohnergemeinderat hatte dafür einen Unterstützungsbeitrag von 200 Franken gesprochen.

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