Olten
Schulische Integration: Vom Sonder- zum Regelfall

An einer Veranstaltung über die Integration von Schulkindern in Regelklassen zeigten sich in Olten beiden Seiten der Medaille.

Urs Amacher
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Die Protagonistinnen des Abends: von links Heidy Kilchenmann, Lea Illi, Laura Nyfeler und Nina Menzi.

Die Protagonistinnen des Abends: von links Heidy Kilchenmann, Lea Illi, Laura Nyfeler und Nina Menzi.

Urs Amacher

Wie gelingt die erfolgreiche Integration eines Kindes mit einer Behinderung in die Regelschule? Zu dieser Frage lud der Elternverein insieme Olten in die Aula der Heilpädagogischen Sonderschule (HPSZ) zu einem Fachvortrag ein. Die Präsentation teilten sich drei Referentinnen: Laura Nyfeler ist Klassenlehrerin an einer Primarschule in der Umgebung von Olten, Lea Illi ist schulische Heilpädagogin und wirkt in der speziellen Förderung an der gleichen Primarschule, Heidy Kilchenmann ist die vom Kanton beauftragte Koordinatorin der Integrativen Sonderpädagogischen Massnahmen im Raum Olten. Die Moderation besorgte Nina Menzi, Vorstandsmitglied von insieme Olten.
Einleitend wies Lea Illi darauf hin, dass mit dem Behindertengleichstellungsgesetz von 2004 die Kantone verpflichtet sind, die Integration durch den Schulbesuch in der Regelklasse umzusetzen.

Fesselnd und lebendig

Die drei Referentinnen gestalteten den Vortrag fesselnd und lebendig, indem sie ihre Erfahrungen mit der Integration in Regelklassen anhand eines konkreten Beispiels veranschaulichten. Tim – er heisst in Wirklichkeit anders – konnte beim Start in den Kindergarten 2015 bereits lesen und rechnen, fand sich aber mit den «Gspänli» nicht zurecht und geriet ständig in Streit, berichtete Lea Illi. Nach Abklärungen durch den Schulpsychologischen Dienst erhielt er eine spezielle Förderung zum Aufbau seiner sozialen Fähigkeiten.
Beim Übertritt in die erste Klasse hatte Tim zwar den Schulstoff intus. Er zeigte aber kein besseres Verhalten. Nach wie vor hatte er Schwierigkeiten, sich sozial einzufügen. Schliesslich stellte der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) im Sinne eines Aspergersyndroms fest. Tim fehlte also unter anderem die Fähigkeit, nichtsprachliche Signale wie Mimik und Gestik des Gegenübers zu deuten und reagierte ungeschickt darauf. Es gelang ihm nicht, konfliktfrei Kontakt mit Klassenkameraden aufzunehmen. Gleichzeitig verfügte er über Stärken im Bereich Gedächtnis oder Wahrnehmung.
Nach der Diagnose wurde im Januar 2018 entschieden, Tim in die Parallelklasse zu Laura Nyfeler zu versetzen. Nyfeler kam dabei zugute, dass sie ein Jahr in einem Praktikum im HPSZ gearbeitet hatte. Mit dem Wissen um die ASS war es ihr auch möglich, entspannter mit der Situation umzugehen. Und Lea Illi arbeitet ohnehin stundenweise in Nyfelers Klasse. Tims Verhalten ist während der Schulstunde soweit akzeptabel, bilanzierte Nyfeler. Nach wie vor eckt er in den Pausen und auf dem Schulweg an. Inzwischen ist er für Integrative Sonderpädagogische Massnahmen angemeldet. Dort, so Heidy Kilchenmann, wird entschieden, ob Tim ab der dritten Klasse mit noch stärkerer Unterstützung wie Arbeit im Einzelunterricht oder in Kleingruppen in der Regelklasse integriert bleibt.
In der Diskussion äusserten sich betroffene Eltern im Publikum positiv über die Integration, umso mehr als diese für Kinder mit kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen einfacher ist als bei Kindern mit auffälligem sozialen Verhalten. Kritischer kommentierte ein Mitglied einer Behindertenorganisation und eine Lehrerin im Publikum Tims Fall. Dass er sich verbesserte, sei ein Glücksfall, weil zwischen Tim und der Lehrperson die Chemie besser stimme, die Klassenlehrerin aber auch über nicht selbstverständliche zusätzliche berufliche Erfahrung im HPSZ verfüge und sich zudem stärker engagiere als man eigentlich von ihr erwarten dürfte. Über eine entsprechende Ausbildung sollten hingegen alle Lehrpersonen verfügen; und wird die Mehrbelastung zur Regel, besteht ein Burnout-risiko. Bei allen drei Punkten sind Bildungsdirektion, Regierung und Parlament in Solothurn gefordert