Bis vor einigen Tagen waren die Rigolo-Artisten Karyna Konchakivska (26) und Suren Bozyan (33) noch am «Festival Mondial du Cirque de Demain», dem Zirkusfestival für Nachwuchskünstler, und holten sich für ihre Hochseilnummer zwei Preise. Seit Montag bereiten sie sich in Olten für ihre «Wings»-Premiere am Donnerstag in der Schützi vor.

Ihr seid vor ein paar Tagen, in der besten Jahreszeit, in Olten angekommen. Habt ihr Fasnacht gefeiert?
Suren: Wir haben in Olten leider nicht gross mitfeiern können, da wir bis Montag noch unterwegs waren und dann beim Aufbau in der Schützi geholfen haben. Durch die vielen Konfetti auf den Strassen am nächsten Morgen haben wir aber schon gemerkt: Da war wohl was Grosses los.

Auch bei euch wird morgen viel los sein.

Karyna: Ja, wir sind schon ein bisschen nervös. Jeder Auftritt ist einzigartig. Jedes Mal kommt etwas Neues, Unvorhersehbares dazu. Hier in Olten wird es wieder spezieller, weil es eher ein kleinerer Raum ist. Das heisst, die Zuschauer sind viel näher an uns, sehen nicht nur unsere Technik, sondern können uns viel näher begegnen. Es ist alles viel intimer.
Suren: Wir mögen diese Auftritte, weil dann erfahrungsgemäss das Publikum wirklich in die Geschichte eintaucht und sie mit uns mitlebt. Also nicht die ganze Zeit das Handy vor sich hat, wie das oft bei grossen Events der Fall ist. Zudem gesellen wir uns nach der Show auch gerne zu den Leuten an der Bar. Oft erhalten wir dann ein direktes Feedback.

Was liebt ihr am meisten an eurem Job?
Karyna: Die Freiheit, Gefühle so auszudrücken, wie wir es wollen. Und diese auch an einem Publikum weitergeben zu können. Das ist ein grosses Privileg.
Suren: Es ist auch sehr toll, so viele verschiedene Leute aus so unterschiedlichen Ländern zu treffen und kennenzulernen. Wir leben quasi in einer anderen Welt, wo deine Herkunft, Religion etc. völlig egal ist.

Du und Karyna seid seit Jahren ein Paar. Du bist Russe (Moskau) und Karyna ist Ukrainerin (Kiew). Wie erlebt ihr den aktuellen Konflikt in euren Heimatländern? Beeinflusst er irgendwie eure Beziehung?
Karyna: Nein, gar nicht. Politik ist in unserer Artistenwelt egal. Komplizierter denken aber unsere Familien, die der anderen Nationalität gegenüber eher misstrauisch sind. Aber sie schränken uns nicht ein. Da wir meist auf Tour sind, sehen wir sie ohnehin nicht so oft. Nur in unseren unregelmässigen Show-Pausen.
Suren: Die einzige Einschränkung, die ich persönlich erlebe, ist das Einreiseverbot in die Ukraine. Hat man keine Verwandten in der Ukraine, kann man als Russe – vor allem als junger Mann – nicht das Land betreten. Karyna kann aber ohne Problem nach Russland reisen. Das macht sie auch gerne, da sie Moskau mag.

Habt ihr eine Meinung zum aktuellen Konflikt?
Karyna: Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen verwirrt. Die Medien berichten über etwas und dann erfährt man von Direktbetroffenen, dass es nicht ganz so ist. Ich finde es generell traurig, dass es diesen Konflikt überhaupt gibt.
Suren: In der heutigen Zeit müssten wir eigentlich in der Lage sein, Konflikte im Gespräch zu lösen. Ich kann einfach nicht verstehen, wie es zu Kriegen kommen kann. Ich denke, wenn Krieg herrscht, dann nicht, weil es nötig ist, sondern ganz einfach, weil jemand es so will.

Habt ihr eigentlich einen festen Wohnort?
Karyna: Wir leben dort, wo wir arbeiten. Grundsätzlich also auf Tour. Seit letztem Jahr, seit der Gründung von «Wings», haben wir in der Schweiz unsere Base. Aktuell wohnen wir in Luzern.

Wie viele Auftritte habt ihr im Jahr?
Karyna: Schwierig zu sagen – es variiert von Jahr zu Jahr. Normal sind rund 10 Auftritte in der Woche. Das Maximum, das wir bis jetzt erlebten, war zwischen 500 und 600 Auftritte im Jahr.

Das ist aber eine Menge. Woher nehmt ihr die Energie dafür?
Suren: (lacht) vom Essen und von der Liebe.
Karyna: Ja, das Essen ist für uns natürlich sehr wichtig. Diäten gibt es bei uns nicht. Wir brauchen genug Energie, um unsere Show abzuliefern. Wir essen alles, was uns diese nötige Energie gibt. Wir essen zum Beispiel viel Fleisch und Gemüse. Ausser kurz vor dem Auftritt, dann essen wir nicht. Damit wir uns auch richtig fit fühlen.

Was ist das Wichtigste in eurem Job?
Karyna: Die Besten zu sein. Dem Publikum also ein unvergessliches Erlebnis zu bieten.

Ihr habt aber sicher auch mal einen schlechten Tag.
Karyna: Natürlich. Wir sind auch ganz normale Menschen. Das Wichtigste ist bei uns aber, dass es das Publikum nicht merkt.
Suren: Fehler können passieren, das Publikum sieht sie aber im besten Fall nicht. Man muss auf der Bühne eben gute Schauspieler sein. Meist gelingt uns das. Wir ziehen nach jeder Show aber selber auch ein Fazit.

Wann hat euere Artisten-Karriere angefangen?
Karyna: Ich hatte meinen ersten Auftritt mit sieben Jahren. Dank meinen Eltern, die selber Zirkusakrobaten sind, lernte ich diese Welt sehr früh kennen. Oft reiste ich mit ihnen mit. Erst mit 17 Jahren schloss ich aber an der staatlichen Zirkusschule von Kiew als Akrobatin ab.
Suren: Ich fing erst mit 14 Jahren mit der Akrobatik an und schloss im 2001 an der staatlichen Zirkusschule von Moskau ab.

Wie viele Stunden am Tag trainiert ihr?
Karyna: Wir trainieren auf ganz viele Weisen. Es gibt eine persönliche körperliche Vorbereitung, dann spezielle Trainings für besonders anspruchsvolle Akrobatik-Elemente. Dazu kommt zum Beispiel noch mentales Training, Diskussionen über den Show-Aufbau..
Suren: All diese Vorbereitungen benötigen Zeit. Manchmal auch den ganzen Tag. Aber unser Chef Mädir Eugster gibt uns dafür an anderen Tagen frei. Dann können wir uns erholen – bei gemütlichen Stunden oder an Partys.

Auf was kann sich euer Publikum besonders freuen?
Suren: Unser Stück «Relation» ist für uns sehr emotional. Diese Emotionen wollen wir dem Publikum weitergeben und hoffen natürlich, dass sie es mögen werden. Erfahrungsgemäss wird man unser Stück entweder gar nicht mögen oder lieben.

(Interview auf Englisch)