Olten
Rolex – ETH – und dann folgten 36 Jahre an der Kanti

Urs Stämpfli, Konrektor der Fachmittelschule, ist Ende Schuljahr in den Ruhestand getreten; langweilig wird dem 64-Jährigen mit Bestimmtheit nicht; Hobbys jedenfalls hat er genug.

Urs Huber
Merken
Drucken
Teilen
Urs Stämpfli war 36 Jahre lang an der Kanti Olten in den unterschiedlichsten Funktionen aktiv.

Urs Stämpfli war 36 Jahre lang an der Kanti Olten in den unterschiedlichsten Funktionen aktiv.

Kolleginnen und Kollegen an der Kantonsschule Olten beschreiben den 64-jährigen Urs Stämpfli als Menschenfreund. Ein sympathisches Attribut, welches der gewesene Konrektor der Fachmittelschule (FMS) mit der Bemerkung untermauert, eine seiner Hauptintentionen als Lehrkraft sei die gewesen, Schülerinnen und Schülern Vertrauen entgegenzubringen.

«Das geht natürlich auch mal daneben», sagt er. Aber im Grossen und Ganzen sei er damit gut gefahren. Überhaupt: Menschen bedeuten dem Mann, der in Biel gross wurde, Uhrmacher lernte und dann kurze Zeit bei Rolex arbeitete, viel.

Deswegen wurde im Laufe seines Studiums an der ETH in Zürich auch klar: Der Physiker und Mathematiker sah seine berufliche Ausrichtung im höheren Lehramt. Und so begann für den Seeländer Stämpfli 1977 an der Kanti eine Karriere, die diesen Sommer, nach 36 Jahren, ein Ende fand; altershalber.

Wer fast vier Jahrzehnte an der Kanti in den unterschiedlichsten Funktionen wirkt, der wird Zeitzeuge des ewigen Wandels. Das ist auch bei Urs Stämpfli nicht anders, der zu Beginn der Neunzigerjahre mit dem Aufbau der Diplommittelschule (DMS) beauftragt wurde und ab 1991 als deren Schulleiter wirkte.

Ab 2004 wurde er Konrektor der aus der DMS hervorgegangenen FMS. Beides Schultypen, welche die Absolventinnen und Absolventen hinführt zur Arbeit mit Menschen. Da wären wir wieder beim Kernanliegen Stämpflis, dem Menschen.

Das heisst aber nicht, dass er die Welt durch die rosafarbene Brille betrachtet. «Was sich verändert hat in den letzten 20, 30 Jahren?», fragt er zurück. Da müsse er ein bisschen differenzieren. «Aus der Sicht auf den Lehrkörper fällt auf, dass der Lehrberuf heute von vielen eher als Job verstanden wird», hebt er an.

Auch würden Identifikations- und Integrationsfiguren mehr und mehr fehlen. Ein Zeichen der Zeit halt, wie der 64-Jährige findet. Ebenso hält er fest, dass «der Lehrkörper in seiner Gesamtheit eher durch Individualismus denn durch Standesbewusstsein geprägt ist.»

Aber was ihn unbestrittenermassen besonders schmerzt: der erheblich gestiegene administrative Aufwand. «Der lässt das eigentlich Handwerk, das Unterrichten, manchmal fast in den Hintergrund treten.»

Das ist es von Vorteil, wenn sich die gemeine Vorstellung, den Lehrberufenen hafte ein Quäntchen Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit an, bestätigt. «Für mich ist das eine mitbestimmende Berufsvoraussetzung, aber ich möchte das nicht verallgemeinernd verstanden wissen.»

Dies sagt einer, der den Lehrberuf als einen «wunderbaren» bezeichnet, wenn sich daneben noch eine andere Aufgabe findet, bei der man noch Energie tanken könne für die eigentliche Lehrtätigkeit.

«Mir ist das mit den verschiedenen administrativ-leitenden Aufgaben als Schulleiter und Konrektor doch recht gut gelungen», bilanziert der Seeländer, der seit 1980 in Starrkirch-Wil lebt.

Dies wäre die Seite des Lehrkörpers. Und wie hat sich die Schülerschaft zwischenzeitlich verändert? Stämpfli überlegt kurz. «Ich glaube, im Bewusstsein der Schüler hat sich insofern ein Wandel ergeben, als dass Schülerinnen und Schüler die Schule lediglich noch als Nebenbeschäftigung sehen.»

Stämpfli macht dies fest an der in Schülerkreisen offenbar verbreiteten Praxis, alles nachschlagen zu wollen, ohne sich dabei in eine Problematik zu vertiefen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse zu verinnerlichen. Erschwerend komme hinzu, dass heute ein noch nie da gewesenes Mass an Freizeit- und Unterhaltungsmöglichkeiten genutzt werden könne.

Aber auch hier versteht der Lehrer zu relativieren. «Das sind halt einfach die Zeichen der Zeit; aber die ändern im Grundsatz nichts am Bildungsauftrag.» Hilfreich sei halt auch eine Portion Zuversicht, bewusst auf Distanz gehen, Abstand nehmen, den Überblick gewinnen.

«Dann lässt sich schnell erkennen, dass viele Probleme eigentlich gar keine sind.» Stämpfli lacht.

Vorbei also nun die Schul- und Lehrerzeit, über die Urs Stämpfli sagt, er sei immer gerne zur Arbeit gegangen. «Das ist ein Privileg», meint er abschliessend. Ob er gerührt war er bei der offiziellen Verabschiedung? «Ja, sicher», sagt er.

«Wissen Sie: Am schlimmsten ist der Umstand, dass sie dauernd auf den bevorstehend Ruhestand angesprochen werden, da kommen immer wieder Emotionen hoch.» Seine Rührung bei der Verabschiedung jedenfalls hat der Seeländer mit einem kleinen Konzert am Klavier kaschiert.

«Ich habe bei der Verabschiedung gesagt, ich könne jetzt nicht sprechen», erklärt er lächelnd.

Dass Urs Stämpfli künftig langweilig werden wird, ist unwahrscheinlich. Klavier spielen, das nennt er in der Reihenfolge seiner vielen Hobbys zuerst. Und als wolle er die Erwartungen Dritter dämpfen, fügt er hinzu: «Also nicht konzertant, bloss für den Hausgebrauch.»

Aber es bleibt nicht beim Musizieren. Fotografieren nennt er an zweiter Stelle. Und dann: Modell-Helikopter fliegen. Die alte Modellfliegerweisheit «übers Wochenende fliegen - fünf Tage reparieren» gilt auch für diese Sparte.

«Ja, ja, das ist bei uns genauso», lacht er. Dennoch: «Helikopter faszinieren mich enorm.» Deren Technik, deren Einsatzmöglichkeiten; Insider verstehen. Und: «Helikopterpilot zu werden, das war mal so etwas wie ein Traum für mich.»

Und er ist es geblieben, bis heute, wie der Mann verrät. Gleiche Begeisterung bringen die Stämpflis fürs Tessin auf. Den Kanton haben sie schon vor vielen Jahren als eigentlichen Kraftort entdeckt.

Und dann fügt der 64-Jährige unter der Rubrik Hobby noch die beiden Enkelkinder auf, an denen er sich freut, und mit denen er Zeit verbringt. «Ich weiss nicht, ob man so etwas überhaupt als Hobby bezeichnen kann», sagt er.

Sicher ist nur: Stämpfli sieht den Menschen im Mittelpunkt. Da macht er zwischen Enkel und Schülern keinen Unterschied.