Hägendorf
Raiffeisen-Chefökonom Neff: «Der Frankenschock bleibt»

Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisen-Gruppe, äusserte sich am Finanzanlass zweier Raiffeisenbanken zur wirtschaftlichen Lage und den Finanzaussichten fürs kommende Jahr.

Jürg Salvisberg
Drucken
Teilen

Patrick Lüthy

Der Frankenschock ist für die Exportindustrie trotz des wieder gestiegenen Euro-Kurses nicht ausgestanden, meinte Martin Neff am zweiten Finanzanlass der Raiffeisenbanken Untergäu und Gäu-Bipperamt.

Nach der Premiere vor Jahresfrist in Oensingen wartete der Chefökonom der Raiffeisen Gruppe diesmal in Hägendorf vor über 200 Personen mit seiner wirtschaftlichen Lagebeurteilung und seinen Perspektiven für 2018 auf.

Wachstumsdynamik hinkt

 Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisen-Gruppe

Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisen-Gruppe

salvisberg

Martin Neff präsentierte zuerst die Argumente der Experten, welche die Folgen des Nationalbank-Entscheids zur Aufgabe des Euro-Mindestkurses für verdaut halten. Vom Wachstum des BIP, das er selber für das Jahr 2018 auf 1,5 Prozent prognostiziert, von der Aussenhandelsentwicklung mit dem Überschuss in der Ertragsbilanz und vom stabilen Arbeitsmarkt will sich der Research-Chef von Raiffeisen aber nicht blenden lassen. «Die Schweiz hinkt in der Wachstumsdynamik der Eurozone und den USA hinterher.»

Es stelle sich grundsätzlich die Frage, wie viel Wachstum die Schweiz angesichts der zu Ende gehenden Migration überhaupt noch generieren könne. Obwohl: «Stagnation ist gar nicht so schlimm», wagte Neff zu sagen. Es sei immer auch eine Frage des Ausgangsniveaus, und dieses sei in einer satten Gesellschaft mit einem Medianalter von Mitte 50 hoch. Halte die Entspannung in Europa aber an, bekomme die Schweiz die Impulse deutlich zu spüren.

Pharma verzerrt die Bilanz

Den Handelsbilanzüberschuss der Schweiz will Martin Neff deshalb nicht überbewerten, weil er immer mehr durch den Erfolg der Pharmaindustrie verzerrt werde. «Ohne sie wären wir ein Defizitland», sagte der Raiffeisen-Chefökonom. Das beschworene «Beschäftigungswunder» relativiert er, weil neben der Schaffung neuer Stellen gleichzeitig ein Aderlass in der Industrie stattfinde. «Der Frankenschock ist noch nicht überwunden», outete sich Neff klar als Zweifler. Dieses Fazit gelte auch für den problematischen Einkaufstourismus, denn kaufkraftmässig müsste der Euro eigentlich noch von 1,16 auf gegen 1,40 Franken steigen.

Keine Bedrohung für die Kaufkraft sieht Neff in der Inflation, welche in der Schweiz und in allen reifen Industrieländern weiter kein Thema sei. Herumgeisternden Wünschen nach einer sanften Rückkehr der Teuerung zur Vermeidung einer Deflation erteilt er eine klare Absage. «Mein grösster Horror war immer die Inflation. Das brauchen nur die Schuldner.» Wenig Veränderung erwartet Neff auch an der Zinsfront und am inländischen Arbeitsmarkt, wo der Mangel an Hochqualifizierten als auch Langzeitarbeitslosigkeit anzutreffen seien.

Politisch unsensible Börsen

Der Raiffeisen-Fachmann bestärkte das Publikum im Eindruck, dass die Börsen abgestumpft auf politische Beben (Trump, Brexit, Nordkorea) reagieren. «Börsen sind politisch nicht sensibel», meinte Neff. Wirtschaftlich gesehen schloss er angesichts der hoch bewerteten Aktien und der ungelösten Verschuldung eine scharfe Korrektur wie vor zehn Jahren nicht aus, obwohl die Wachstumsmärkte derzeit global recht gut verteilt seien. Wer in risikobehaftete Anlagen investieren wolle, müsse dazu die Nerven habe, gab er den Kunden auf den Heimweg mit.

Aktuelle Nachrichten