Die Interessengemeinschaft für das Kantonsspital Olten «Pro KSO» bereicherte ihre Mitgliederversammlung mit einer öffentlichen Informationsveranstaltung. Dabei waren drei Fachleute eingeladen, das Thema «Medizin und Qualitätsmessung» von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

Oliver Peters, der Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit (BAG), vertrat die Sicht der Behörden, Michel Romanens, Präsident des Vereins Ethik und Medizin Schweiz (VEMS) die medizinethische Sicht, und Markus Zuber, der Ärztliche Direktor der Solothurner Spitäler (SoH) die klinische Praxis.

Qualitätsmessung darf nicht zum Selbstzweck werden, betonte Oliver Peters einleitend. Vielmehr soll man messen, was den Patienten eine Verbesserung bringt. Man wolle auch keine Erhebungsbürokratie, sondern Daten auswerten, die ohnehin anfallen. Die Zahlen müssen aber tatsächlich aussagekräftig, zuverlässig und frei von Zufallseffekten sein, um die Leistungserbringer vergleichen zu können.

Er begrüsste die Initiative Qualitätsmedizin (IQM), die eine Kultur der ständigen Verbesserung auf der Basis von selbstkritischen Analysen der Patientendossiers pflegt. Die Arbeit mit Checklisten in der Chirurgie ist ein Erfolg. Solche von der Luftfahrt übernommene Kontrollblätter sind jedoch noch nicht überall Standard, obwohl damit Fehler vermieden werden können. Peters verteidigte das Erheben von Messgrössen wie Sterberaten, Fallzahlen und weiteren Indikatoren. «Qualitätsmessungen sind keine einfache Sache», gab Oliver Peters zu, «trotzdem sind sie eine notwendige Sache».

Aus fremder Sicht

Michel Romanens, der Oltner Arzt und Präsident des Vereins Ethik und Medizin Schweiz (VEMS), ging mit dem BAG-Vizedirektor beim sogenannten Peer-Review-Verfahren einig. Hier werden Audits nach dem Zufallsprinzip durchgeführt, das heisst, Experten von andern Kliniken kommen unangemeldet und überprüfen die Patientenakten mit analytischen Methoden. Dabei profitieren nicht nur die geprüften Institutionen, indem sie Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten erhalten, sondern auch die prüfenden Experten, die von den gemachten Erfahrungen anderer wiederum lernen können.

Statistik – auf welcher Zahlenbasis?

Hart ins Gericht ging Romanens jedoch mit den Statistiken. Mit Blick auf den Vergleich von Mortalitätszahlen machte der VEMS-Präsident deutlich: «Die Behandlungsqualität ist nicht an Sterberaten ablesbar». Verfügungen von Patienten, gewisse Eingriffe an ihnen nicht mehr vorzunehmen, erhöhen naturgemäss die Sterbefälle. Gravierender ist das Mislabeling: Durch den Druck der Statistik besteht die Gefahr, dass die Spitäler eine Risikoselektion vornehmen und schwer Kranke nicht mehr behandeln. Michel Romanens rief auch das Simpson-Paradox in Erinnerung. Dieses besagt, dass bei Prozentzahlen völlig gegensätzliche Resultate herauskommen, je nachdem, welche Zahlenbasis man beizieht.

Spitaldirektor Markus Zuber berichtete aus seinem Alltag. Ziel ist nicht irgend ein Rating in der Sonntagspresse. Es bringe nichts, Mortalitätszahlen zu vergleichen zwischen Spitälern, die nicht den gleichen Auftrag haben. Vielmehr gelte es, den Patienten eine fehler-, komplikations- und schadenfrei Behandlung zu garantieren. Deshalb nehmen die SoH an Audits durch Fachexperten aus andern Spitälern teil. Auch werden statistische Daten erhoben, um daraus Massnahmen abzuleiten.

Dies kann dazu führen, dass man vorbeugende Medikamentierung überdenkt, dass Operationen durch zwei Chefärzte gemeinsam durchgeführt werden oder dass man – um genug Fallzahlen zu erreichen – bestimmte Fälle an einem Standort konzentriert und an einem andern nicht mehr selbst behandelt. Immer ein Thema ist die Schulung des Personals und die Trainingsmöglichkeiten von Eingriffen. «Die menschliche Gesundheit ist etwas sehr Komplexes, und komplexe Systeme können Stück für Stück verbessert werden».