In der «Kirchen-Info», dem gedruckten Publikationsorgan für die Mitglieder der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Olten, gibt sie eine Liebeserklärung an die Pauluskirche ab. Eine Kurze? Beileibe nicht. Aber auf jeden Fall eine, der man die Liebe abzunehmen geneigt ist. Vielleicht auch deshalb, weil sie kurz vor ihrer Amtseinsetzung Ende Januar 2013 dieser Zeitung verriet, die Oltner Pauluskirche sei wirklich die Schönste der Kirchen. Die das sagte: Katharina Fuhrer, seit sechseinhalb Jahren Pfarrerin an der Pauluskirche. Ende April geht die 65-Jährige in den Ruhestand, verlässt Kirche, Haus, Gemeinde, ja gar Stadt und zieht nach Winznau. «Die Wohnung dort, einfach toll. Ich konnte nicht gut Nein sagen.» Das muss ihrem Gegenüber genügen, der nach dem Grund ihres für Aussenstehende überraschenden Wohnortwechsels fragt.

Eine Zäsur, wie man so sagt

Aber: «Es ist schon ein grosser Einschnitt», sagt sie dann. «Unser Beruf bringts mit sich, mit der Pensionierung Tätigkeit und Wohnung aufzugeben.» Das überlegt man sich als Aussenstehender eher weniger. Kommt hinzu, dass Frau Pfarrerin in ihrer Wohnung auch seelsorgerische Gespräche führte, so quasi am Stubentisch, wie man dies früher praktizierte. Das verbindet. Kann man verstehen. Andererseits war da aber auch eine räumliche Nähe, die Katharina Fuhrer belastete, vereinnahmte. Und prompt zu einer Reaktion veranlasste. «Ich musste das Setting so einrichten, dass zwischen Privat- und Arbeitsbereich, ich meine das Büro in der Pfarrwohnung, so etwas wie ein kleiner Arbeitsweg entstand.» Das schaffte die notwendige Distanz im Innern wie im Äussern, sagt sie.

Schon damals meinte sie gegenüber dieser Zeitung, «sich selber bleiben» sei eine ihrer Lebensaufgaben. Heute formuliert sie Ähnliches: «Ich habe mir treu zu bleiben versucht.» Das wirkt authentisch, auch wenn die Pfarrerin in Olten erfahren musste, dass die Dynamik zwischenmenschlichen Seins manchmal auch Kompromisse abverlangt, für die man sich um der Harmonie willen ein bisschen winden muss. Warum soll das bei kirchlichen Würdenträgern anders sein? Jenseits dieser Kalamitätchen aber kommt sie zum Schluss: «Ich habe mich eigentlich immer frei gefühlt.»

Was sie als Pfarrerin in den letzten gut sechs Jahren erreicht habe? Katharina Fuhrer stutzt kurz. «Dass die Kirchentür tagsüber offen steht, ist mir wichtig», sagt sie. Das sei sonst nur bei Katholiken üblich. Dabei könne ein Kirchenraum ein vorzüglicher Rückzugsort für Besinnung sein, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Zudem habe sie das Interieur der Kirche schlanker und die Sakristei in einen Ort verwandelt, der informelle Gespräche besser ermögliche, stimmiger wirke, Atmosphäre bekommen habe. Und ein bisschen stolz sei sie auf die Gründung einer Palliativ-Care-Begleitgruppe für die gesamte Kirchgemeinde. Eine Gruppe, die «natürlich aus lauter Frauen besteht», wie die Pfarrerin keck formuliert. Und dass die Zusammenarbeit mit ihrem Berufskollegen auf der rechten Aareseite, Uwe Kaiser, und mit ihren sozialdiakonischen Kolleginnen eine Gute gewesen sei, dafür sei sie besonders dankbar.

Ideelles als Konterpart

Und in ideeller Hinsicht? Katharina Fuhrer schaut kurz belustigt auf. «Das müssen Sie andere fragen. Das kann ich schlecht beurteilen.» Sie habe die Kirche stets auch als Konterpart einer materialistischen Welt verstanden, wo Platz für das Gute, Schöne, das Optimale, das Menschenfreundliche sein muss. «Wo soll es denn sonst Platz haben?», fragt sie rhetorisch. «Natürlich braucht es nicht wirklich Mut, bei uns an einer Demonstration für Menschenrechte teilzunehmen; aber es ist trotzdem wichtig zu zeigen, an den Menschenrechten festhalten zu wollen.» Katharina Fuhrer sagt so etwas in einen menschenfreundlichen Ton, ohne gereizte Untermalung, ohne bedeutungsschwangere Gestik. So als wolle sie untermauern, was sie im Januar 2013 dieser Zeitung erklärte: «Wir als Christen sind aufgefordert, ein Stück Gottespräsenz, ein Stück Liebe in dieser Welt zu verkörpern.»

Aber zurück zum Weltlichen: Was denn an Hobbys hinzugekommen sei in ihrer Oltner Zeit? Geblieben ist die Kalligrafie. «Am Leben erhalten», wie es die Pfarrerin nennt, wurde die Pflege des Neugriechischen. Zudem hat sie sich eine Geige angeschafft. «Ich spiele zwar zur Zeit zu wenig, aber…» sagt sie. Und wenig später fallen ihr noch die sechs Enkel ein, die Grosskinder ihres Lebenspartners. Die Pfarrerin lacht.

Das Leben feiern

Natürlich werde sie Kontakte zu Menschen in Olten aufrecht halten. Keine Frage. Und wie sie so da sitzt, am Stubentisch, wo die seelsorgerischen Gespräche stattgefunden haben und man griechischen Kaffee serviert bekommt, da wirkt sie mit einem Mal so leicht, heiter, fast fröhlich. «Ich wollte immer das Leben feiern in der Kirche. Das muss ja nicht laut geschehen.» Und dass sie das Denken der Menschen nie normieren wollte, wie sie sagt, glaubt man ihr aufs Wort. Ende April wird sie mit einem Gottesdienst verabschiedet. In der Pauluskirche. Mit anschliessendem Apéro riche. Sie lacht.