Peter Gomm sitzt am Tisch im hinteren Teil der Galicia Bar. Schwarzes Sakko, dunkelblaues Hemd, ohne Krawatte. Es ist halb elf Uhr morgens. Barbesitzer und Schriftsteller Alex Capus hat extra für uns geöffnet und fragt nach den Getränken: «Ein Espresso?» Gomm bejaht. Der Alt-SP-Regierungsrat beginnt von seinen Reisen zu erzählen.

Letztes Jahr Segelferien in Kroatien, dann zweieinhalb Monate auf Rundreise in Argentinien, Chile und Uruguay, dieses Jahr in Tansania und kürzlich zwei Wochen in Marokko. «Ich bin in den ersten Monaten gereist. Das wollte ich schon immer mal machen.» In seinen zwölf Jahren als Regierungsrat sei es aber nicht möglich gewesen, mehrere Wochen auf einmal weg zu sein. Heute Samstag, wenn er seinen 59. Geburtstag feiert, hat er als Turmredner bei den Oltner Kabarett-Tagen seinen ersten öffentlichen Auftritt nach dem Abgang als Regierungsrat vergangenen Sommer.

Zanetti im «besten Senatorenalter»

«Ein paar Sachen fangen wieder an», sagt er. Und tönt an, dass er zwar eine «Wettkampfpause» mache, wie er es nennt, aber für die Zukunft nichts ausschliesse. Er sei von einigen Leuten angesprochen worden, aber spruchreif sei noch nichts. «Offene Fragen klären sich im Laufe der Zeit», sagt er verschmitzt. Auch zum Thema Roberto Zanetti, der möglicherweise nächstes Jahr mit dannzumal 64 Jahren nicht mehr als Ständerat antreten könnte, vermerkt er mit einem Lächeln: «Er ist im besten Senatorenalter.»

«Ich war und bin ein politischer Mensch», sagt Gomm von sich. Da spricht nicht nur der langjährige Politiker, sondern auch der Turmredner der Oltner Kabarett-Tage. Der Grund, weshalb wir uns in seinem Lieblingslokal treffen. Politik wird nämlich auch in seiner Rede ein Thema sein. Er werde aber eine «Vogelperspektive» einnehmen und über den kantonalen Tellerrand hinausschauen. Kollegenschelte wolle er vermeiden, auch aus dem Nähkästchen werde er nicht plaudern. Mehr will er nicht verraten.

Zumindest darf er diesmal mehr wagen als in seinen Reden damals als Regierungsrat. Als Politiker war Selbstironie immer erlaubt, sogar erwünscht. Es zeige, dass man sich nicht immer ganz ernst nehme. Satire hingegen – das typische Merkmal dabei ist die Übertreibung – oder Ironie – man meint das Gegenteil von dem, was man sagt – waren tabu. «Die Menschen wollen ernst genommen werden und hätten es nicht verstanden.» Diesmal ist das aber anders: «Heute Nachmittag ist für mich Satire auch als Politiker Pflicht.»

Auch Satire hat seine Grenzen

Bereits letztes Jahr war Gomm zu Gast bei den Kabarett-Tagen. Er hat bei der Eröffnung des Quai Cornichon eine Ansprache gehalten. Damals noch als Regierungsrat. Er verglich die Satire mit der Politik und sprach Sätze wie: «Die Übertreibung ist das Privileg der Satire, nicht der Politik.» Die Rede kam gut an. Er sagte auch, dass die Satire «nicht nur dem Zwerchfell, sondern auch der Politik» guttue. Und betont die Wichtigkeit im Gespräch nochmals: «Die Kabarettisten sollen einen kritischen Blick auf die Politiker werfen.» Letztgenannte müssten die Kritik ertragen können. Die Beleidigten zu spielen, geht in seinen Augen gar nicht.

Gomm gibt aber zu, dass er am Anfang als Regierungsrat selbst Mühe mit dieser Vorgabe hatte. «Im Amt des Exekutivpolitikers, in dem man mehr in der Öffentlichkeit steht, muss man zuerst lernen, mit Kritik umzugehen.» Er lernte es und kann heute über die kritische Berichterstattung etwa des Wochenmagazins «Weltwoche» über die «Aufblähung des Sozialstaats im Kanton Solothurn» oder des Boulevardblatts «Blick» über den «Lotterknast» und die laschen Zustände in der ehemaligen Strafanstalt Schöngrün in Biberist mit einem Lächeln hinwegsehen. Der ehemalige Sozialdirektor schiebt allerdings nach: «Kritischer Journalismus ist gut und er soll auch auf Missstände hinweisen, aber», so Gomm, «der Journalist als Wachhund der Demokratie darf nicht zum Pitbull werden und zum Rudelverhalten übergehen.»

Auch bei der Satire gibt es aus seiner Sicht Grenzen: Sie dürfe fast alles, solange sie als solche erkennbar sei. Geht es aber um Straftatbestände der Beschimpfung oder Ehrverletzung sowie um das Lächerlichmachen ganzer Bevölkerungsgruppen, gibt es für den studierten Juristen kein Erbarmen. «Satire darf gerade noch Thiel, aber nicht immer Böhmermann», heisst es in seiner Ansprache vom letzten Jahr.

Gomms Lieblingssatiriker

Es ist mittlerweile kurz vor zwölf Uhr. Alex Capus hat uns alleine gelassen. Er mahnte uns daran, wir sollten die Eingangstüre richtig zuziehen, damit sie geschlossen wäre. Gomm erinnert sich an seinen ersten Besuch vor knapp dreissig Jahren an den Oltner Kabarett-Tagen: Es sei in der Färbi gewesen, dem damaligen Jugendkulturzentrum, dem Vorläufer des heutigen Provi 8. «Der Kabarettist mit Brille, ein Ostschweizer, wie hiess er gerade noch einmal?»

Nach einer kurzen Google-Recherche auf dem Handy: «Ah ja, Joachim Rittmeyer. Die Vorstellung war furchtbar langweilig.» Gomm ist regelmässiger Besucher der Kabarett-Tage, liebt «bitterböses politisches Kabarett» wie Alfred Dorfer, Urban Priol oder Georg Schramm. Nun ist er selbst ein Teil des diesjährigen Programms mit Grössen wie Lorenz Keiser oder den Cornichon-Preisträgern Schertenlaib & Jegerlehner. Bahnt sich da mit der Turmrede eine zweite Karriere als Kabarettist an? Gomm lacht und schüttelt den Kopf. Er bleibt doch lieber Politiker – derzeit einfach in «Wettkampfpause».