Peter Bichsel schaffte 1964 – also vor genau fünfzig Jahren – den literarischen Durchbruch mit einem schmalen Bändchen. Sein Erstling enthält einundzwanzig Kurzgeschichten, von denen die zehnte – «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» – auch dem ganzen Buch den Titel gab. Die karge Geschichte handelt von Frau Blum und jenem Mann, der ihr morgens um vier Uhr die Milch und Butter liefert. Die beiden Personen kommunizieren nur über Zettel, und er weiss mehr über sie als umgekehrt: «Der Milchmann kennt Frau Blum, sie nimmt 2 Liter und 100 Gramm und hat einen verbeulten Topf», lautet der letzte Satz in Bichsels Erzählung. Einige Zeilen vorher gibt eine Passage etwas mehr Aufschluss: «In der ersten Mannschaft spielte einmal ein Blum, den kannte der Milchmann, und der hatte abstehende Ohren».

Der Bichsel-Biograf Hans Bänziger vermutete später, der Autor der Milchmanngeschichte habe sich von Kurt Schwitters’ Gedicht «Anna Blume» inspirieren lassen. Doch Peter Bichsel hatte das Geheimnis selber gelüftet. Als er 1966 den erstmals verliehenen Förderpreis der Stadt Olten erhielt, sagte er in seiner Dankesrede: «Auch modernes Schreiben ist immerhin so romantisch, dass es viel mit Erinnerung zu tun hat; so bleibe ich am Schreibtisch mit Olten verbunden, und wenn ich Namen suchte für Gestalten, dann fallen mir meist Namen ein, die mir als Schüler geläufig waren. Und es gab einen Blum in der Fussballmannschaft, und den habe ich verehrt und der hat den Namen geliefert für meine Frau Blum.»

Ein Ehepaar in der Nachbarschaft

Peter Bichsel verbrachte bekanntlich die Jugendjahre in Olten. Geboren wurde er aber am 24. März 1935 in Luzern. Sein Vater Willi Bichsel war gelernter Maler und wechselte im Februar 1941 als Arbeiter zu den Werkstätten der Schweizerischen Bundesbahnen. Deshalb übersiedelte die Familie von Luzern nach Olten und bezog ein Eigenheim am Pfarrweg 9. Der Pfarrweg zweigt bei der Friedenskirche von der Reiserstrasse ab, wo das Ehepaar Elsa und Hans Blum seit Mai 1942 in Nummer 46 in einem Reiheneinfamilienhäuschen wohnte.

Der Fussballer Hans Blum kam am 28. Juni 1916 zur Welt. Am Klosterplatz 21, praktisch am Oberen Graben am Rand der Oltner Altstadt, führten seine Eltern – der Vater war gelernter Bäcker – eine Bäckerei-Konditorei mit angeschlossenem Restaurant, das bekannt war für seine Käsewähen. Der Erstgeborene, Gottfried, lernte ebenfalls Bäcker und übernahm später das Geschäft. Robert, der Mittlere, wurde Schaufensterdekorateur. Jimmy, wie er sich nannte, ging 1954 als Obernaar Robert der Erste in die Annalen der Oltner Fasnacht ein. Hans, der jüngste Sohn hingegen, machte eine Lehre als Coiffeur in Basel. Auf Anfang Juni 1937 wechselte er an eine neue Stelle in Peseux, der westlichen Nachbargemeinde von Neuenburg. Von dort kehrte Hans Blum Mitte Februar 1940 wieder nach Olten zurück und trat die Stelle als Güterarbeiter bei der Güterexpedition der SBB an.

Hans Blum begann seine fussballerische Karriere 1933 beim FC Olten. Er war Mittelstürmer in der Junioren-A-Mannschaft, mit welcher er in der Saison 1934/35 Gruppensieger wurde. Im Sommer 1935 trat er zu den Aktiven über. Er tat vorerst nur in der 2. Mannschaft mit, führte aber mit 18 erzielten Treffern (vor Paul Kamber mit 10 Goals) die Torschützenliste 1935/36 des Reserventeams an. Während seiner Zeit in Peseux spielte er Fussball bei Cantonal Neuchâtel FC, jenem Club, der 1970 mit Neuchâtel Xamax fusionierte.

Star des FC Olten in den 1940er Jahren

Mit der Rückkehr in die Eisenbahnstadt wechselte Hans Blum zum Fussballclub Olten, der seit 1937 in der 2. Liga spielte. In der Saison 1940/41 verlor die 1. Mannschaft mit Blum als Mittelstürmer in den Ausscheidungsspielen keinen Match und wurde Gruppenmeister der 2. Liga, schaffte aber den Aufstieg nicht. Auch in der Saison 1943/44 erreichte Olten den ersten Gruppenrang, scheiterte jedoch erneut in den entscheidenden Matches. Erst ein Jahr später gelang der Equipe dann der Aufstieg in die höhere Spielklasse, wo sie sich bis 1960 halten konnte. Blum war ein Leistungsträger, ein Kämpfer und erfolgreicher Torschütze. Und noch in einem Bericht über die Saison 1948/49 der 1. Mannschaft heisst es: «Am 31. Oktober war Kreuzlingen in Olten zu Gast und wurde nach spannendem Spiel mit 3:0 (Halbzeit 1:0) Toren besiegt. Die Tore erzielten Casadei (Elfmeter), Blum und Diefenbacher.» Oder: «In Winterthur führten die Löwen schon kurz nach Spielbeginn 1:0, Senior Blum glich aus.» Hans Blum war damals 32-jährig – und immer noch der Goalgetter. Und auch am Fronleichnamstag 1951 im Match der englischen Profifussballmannschaft Bolton Wanderers gegen den mit Spielern aus Bern verstärkten FC Olten wurde Blum aufgestellt. Er erhielt ausserdem mehrmals das Aufgebot in die Eisenbahner-Nationalmannschaft.

Dass Blum abstehende Ohren gehabt hätte, wie Peter Bichsel schreibt, kann man nicht behaupten. Vielmehr hatte er eine hohe Stirn, und seit der Jugend Probleme mit den Füssen. Das «Tschutten» machte die Sache nicht besser, umso mehr als Hans Blum keine Zweikämpfe scheute. Im Alter musste er Operationen über sich ergehen lassen. In der 1. Mannschaft des FC Olten spielte auch Hermann Studer, der Sohn eines Bahnpostbeamten. Ob sich Hans Blum und Elsa Studer, eine Schwester von Hermann, über den Sport kennenlernten, ist sehr gut denkbar, aber nicht mehr auszumachen.

Und das war Frau Blum

Hans Blum und Elsa Studer waren beide 26 Jahre alt, als sie am 9. Mai 1942 in Olten heirateten. Elsa Studer kam am 28. Februar 1916 zu Welt. Sie absolvierte eine kaufmännische Lehre in Zürich. Dort spielte sie auch Landhockey bei den Red Sox Damen. 1945, drei Jahre nach der Hochzeit, kam die einzige Tochter Susanne zur Welt. Als diese in die Oberstufe zur Schule ging, nahm Elsa Blum eine Stelle bei der Druckerei der Dietschi AG an, wo sie von 1959 bis 1977 als Mitarbeiterin in der Buchbinderei und der Adressograph-Abteilung angestellt war.

1992, zu ihrer Goldenen Hochzeit, gratulierte das Oltner Tagblatt dem Ehepaar. «Elsa Blum erfreut sich täglich an ihrem Gärtchen, das sie mit Liebe hegt und pflegt und das gerade jetzt wieder in voller Blüte steht. Mit ihrer rüstigen Natur erledigt sie auch heute noch sämtliche Hausarbeiten mit einer Selbstverständlichkeit, die viele erstaunt. Ihre Devise im Alter: ‹Nome ned pressiere›. Den Titel Chef de Maison beabsichtigt sie auch in Zukunft noch lange nicht abzugeben. Jeden Freitag trifft sie sich mit ihren Geschwistern zum Kafi und Schwatz im Café ‹Rodeo›.»

Hans Blum wurde 81 Jahre alt. Er überlebte seine Gemahlin Elsa Blum, die am 16. August 1993 verschied, um vier Jahre.