Wangen
Otto Kauf AG: Stets im Schatten von «Kleider Frey»

Mit Gebäudeabbruch und Wohnungsneubaubeginn ging in Wangen die Ära der Hemdenfabrik Kauf zu Ende. Ein Unternehmen, das in einem kleinen Gebäude vis-à-vis des Bahnhofs Herrenwäsche produzierte und verkaufte.

karin schmid
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Letztes Überbleibsel in Wangen: Das Fabrikgebäude der Otto Kauf AG wurde Mitte März abgebrochen.

Letztes Überbleibsel in Wangen: Das Fabrikgebäude der Otto Kauf AG wurde Mitte März abgebrochen.

zvg

Im Jahre 1909 gründeten Arthur und Emma Frey in Wangen ihren Betrieb zur Fertigung von Herrenhosen. Die Arthur Frey AG war im Volksmund bis zu ihrem Ende Mitte der 1990er-Jahre vor allem bekannt unter dem Markennamen «Kleider Frey». Nur wenigen Wangnern auf Anhieb ein Begriff – und wenn, dann vor allem den älteren, branchen- und historisch interessierten – war die Otto Kauf AG, die in einem kleinen Fabrikgebäude vis-à-vis des Bahnhofs Herrenwäsche produzierte und verkaufte.

Einer dieser historisch speziell interessierten Einwohner ist der pensionierte Versicherungsvertreter Karl Frey (77). Er kennt und erzählt die Firmen- und Fabrikgeschichte der Kauf AG gerne. Sie begann 1904, als Wilhelmine Kauf-Frey – verwandt mit den «Kleider-Freys» – zwei Näherinnen beschäftigte und über die Gasse im Dorf Schürzen verkaufte. Damit legte sie, zusammen mit ihrem Mann Jakob Kauf, den Grundstein für die Otto Kauf AG. «Als die Kauf AG anfing, wurden die einen Hemden dort genäht, die anderen bei Kleider Frey», erzählt Karl Frey. 1909 wurden bei Kauf die ersten Herrenhemden hergestellt. 1917 erwarb Jakob Kauf das Gebäude an der Bahnhofstrasse, das er zuvor als Mieter genutzt hatte. 1924 übergab er das Unternehmen an seine Söhne Werner und Otto Kauf.

«Keine Konkurrenz»

Zwischen Kauf und Kleider Frey herrschte laut Karl Frey «keine Konkurrenz, obwohl jemand das Gerücht in Umlauf brachte, dass Otto Kauf Geld angeboten wurde, damit er von Wangen wegzieht. Belegt ist jedoch, dass der Umzug mangels Arbeit stattfand.» Aufgrund der schlechten Auftragslage in den Kriegsjahren verliess die Kauf AG 1940 Wangen und begann in Ebnat-Kappel SG erneut mit der Produktion. 1992 wurde die Produktion ins tschechische Hradec-Kralove verlegt. Ein Jahr später übernahm der Urenkel des Gründers, Michael Kauf, zusammen mit seiner Frau Gaby die Geschäftsführung der Otto Kauf AG. 2000 wurde die Produktionsstätte in Tschechien aufgegeben und die Firma in Kauf AG umbenannt. 2007 folgte die Konzentration der Produktion im türkischen Istanbul.

Während das Unternehmen in Wangen laut Einwohner Karl Frey in Hochzeiten mit 30 bis 40 Personen tätig war, sind aktuell rund 200 Mitarbeitende in der Schweiz und im Ausland bei der Kauf AG beschäftigt. Ein Blick auf die Firmen-Website kauf.ch zeigt einen Produktionsumfang von 250 000 Serien- und Masshemden pro Jahr und einen stück- und wertmässigen Anteil von sieben Prozent am Gesamtmarkt.

Kauf-Haus im März abgebrochen

Und wie ging es nach dem Wegzug der Otto Kauf AG nach 1940 mit dem Gebäude an der Wangner Bahnhofstrasse weiter, das während all der Jahre nicht nur als Gewerbe-, sondern auch als Wohnraum genutzt wurde? Nach Angaben von Karl Frey kaufte der Niederbipper Edwin Wildi die Liegenschaft 1941 und betrieb darin eine Druckerei. 1947 holte Arthur Frey Wildi in die Firma Kleider Frey und machte ihn zum Leiter der Spedition sowie des Lagers von gefertigten Kleidern; Wildi blieb der Arthur Frey AG bis zu seiner Pensionierung treu. Grund für Wildis Wechsel war der Übergang der Liegenschaft an Friedrich Rickli, der darin ebenfalls eine Druckerei betrieb.

1982 verkaufte Rickli Gebäude und Land an die Radio Müller AG, die die Liegenschaft an der Bahnhofstrasse bis 2002 als Reparaturwerkstatt nutzte. Danach stand das Gebäude leer. 2014 erwarb das Baukonsortium Bahnhofplatz Wangen die Liegenschaft. Sie ist ein Teil des vom Regierungsrat genehmigten Gestaltungsplans Zentrum Südwest. Dieser sieht auf dem Grundstück einen Neubau vor. Dafür wurde in der zweiten Hälfte März das alte Kauf-Gebäude abgerissen. Das Architekturbüro Della Giacoma & Krummenacher hat das Neubauprojekt entwickelt. Die Bauarbeiten für die zwei neuen Mehrfamilienhäuser mit 16 Dreieinhalb-zimmerwohnungen sowie gemeinsamer Einstellhalle begannen am 15. April. Bei einem planmässigen Arbeitsverlauf sind die Wohnungen laut Architekt Carlo Della Giacoma im Herbst 2016 bezugsbereit.