«Die Vergangenheit holt mich immer wieder ein. Ich kann die Tat nicht vergessen und denke noch viel daran», erzählt Selina S. gegenüber TeleM1. Als Achtjährige amüsierte sie sich an jenem Tag in Starrkirch-Wil auf einem Trampolin, als sie von William W. davongelockt wurde. In einer Baubaracke wurde sie schlussendlich brutal vergewaltigt. An die ganze Tat sowie W.s letzte Worte kann sich die heute 20-Jährige sehr genau erinnern. «Erzähl es niemandem, das ist unser Geheimnis.» 

Nun soll W. mutmasslich zum siebten Mal ein Kind missbraucht haben. In Olten wurde der 45-Jährige Kinderschänder verhaftet. Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen ihn wegen sexueller Handlungen mit einem Kind eröffnet. 

«Es geht im Wesentlichen um die Abklärung, ob der Beschuldigte einem achtjährigen Knaben in die Hose gegriffen und ihn am Glied berührt hat», präzisiert der Solothurner Oberstaatsanwalt Hansjürg Brodbeck in der SonntagsZeitung. Der Bub soll achtjährig sein.

Lange Liste

«Das Opfer tut mir so leid», sagt Selina unter Tränen. Sie habe es wirklich verhindern wollen, dass so etwas noch einmal passiere. Die 20-Jährige ist enttäuscht von der Solothurner Justiz und kann nicht verstehen, wieso die Behörden William W. 2016 freiliessen. «Das Gericht hatte ein A4-Blatt zur Hand mit all den Gefahren und auch den Taten, die er bereits in den 90er Jahren begangen hatte. Zudem hatte der Gutachter ausgesagt, dass W. mittel bis hochgradig rückfallgefährdet sei.

Wie Recherchen der «Sonntagszeitung» zeigen, lebte W. nach der Entlassung aus dem Gefängnis Ende 2016 in einem offenen Wohnheim. Nur vier Kilometer von Selina entfernt. Trotz Fussfessel konnte er sich gemäss Fotoaufnahmen sehr frei bewegen.

Selina besucht immer noch regelmässig Therapiesitzungen. Die 200 Franken, die dafür monatlich anfallen, muss sie aus ihrer eigenen Tasche bezahlen. William W. hatte vom Kanton noch eine Genugtuung von 50'000 Franken erhalten, weil er zu lange im Gefängnis sass. Nach 239 Therapiestunden galt er als untherapierbar. SVP-Nationalrat Christian Imark spricht von einem «Skandal». 

Der Solothurner Justizdirektor Roland Fürst ist «sehr betroffen von der Entwicklung im vorliegenden Fall», wie er gegenüber der «Sonntagszeitung» sagt. Der Fall zeige die grundsätzlichen Herausforderungen der Zusammenarbeit von Justizbehörden auf. «Dieses Regelwerk muss kritisch hinterfragt und allenfalls überarbeitet werden.»

1999 war der gebürtige Südamerikaner William W. verurteilt worden, weil er fünf Kinder sexuell missbraucht hatte. Er kam frei und wurde 2006 rückfällig. (ldu)

Justiz in der Kritik: Kinderschänder William W. erneut verhaftet

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Obwohl der mehrfache Kinderschänder als „nicht therapierbar“ galt, wurde er 2016 zum zweiten Mal freigelassen — jetzt wurde er rückfällig. Hat die Solothurner Justiz versagt?