Anderer Zweck
Opernarien und Italo-Schnulzen im Oltner Kunstmusem

Der erste Oltner Künstlerball bot musikalische Vielfalt und ausgefallene Kostüme.

Lucien Rahm
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BRUNO KISSLING

«Freue dich auf früher», werde ich an der Eingangskasse des Oltner Kunstmuseums aufgefordert. Eine Anweisung aus der Feder der Künstlerin Esther Ernst, die mich via Begrüssungs-Glückskeks erreicht. Ernst hat wie einige andere Künstler vergangenes Jahr im Museum ausgestellt.

Heute Abend dienen die Oltner Kunsträume einem anderen Zweck: Sie sind für einmal Ballsaal. «Was für Zürich, Berlin und Paris gut ist, ist auch für Olten gut», erklärt Museumsdirektorin Dorothee Messmer einen der Beweggründe für den heutigen Anlass. Die Idee sei an sich bereits vor zwei Jahren vorhanden gewesen, musste damals aus finanziellen Gründen aber kurzfristig abgesagt werden.

An nichts gespart

Heute Abend jedoch wird an nichts gespart. Nebst einem facettenreichen musikalischen Programm bietet sich den Besucherinnen und Besuchern ein reichhaltiges Apérobuffet, eine gut ausgestattete Bar sowie eine Chili-Küche, betrieben vom Restaurant Flügelrad. Doch zunächst gilt es, sich optisch den Ballgästen anzupassen, falls man sich, wie in meinem Fall, nicht bereits kostümiert hierhin begeben hat. Dabei an die Outfit-Kreationen mancher Gäste heranzukommen, scheint jedoch schwierig.

Ein Andreas-Thiel-Double ist anwesend, dessen aufgeklebter Irokesenschnitt dem Original bezüglich Ausmass und Farbenfröhlichkeit in nichts nachsteht. Andere Gäste präsentieren sich schlichter, doch ebenso originell: Papiertragetaschen oder Kartonschachtelhüte zieren ihren Köpfe. Dennoch wage ich ebenfalls einen Kostümierungsversuch. Im oberen Stockwerk darf man sich aus dem Fundus der Tanzkünstlerin Ursula Berger eine passende Verkleidung aussuchen. Ich entscheide mich – auch mangels Alternativen – für einen beigen Anzug im Stil der Siebzigerjahre.

Roter Buzzer

Um ein Erinnerungsstück an sein nicht ganz alltägliches Erscheinungsbild an diesem Abend zu erhalten, befindet sich gleich neben der Kostümgarderobe eine «Selfie-Maschine». Man stellt sich ins Fotostudio und betätigt per Fuss einen roten Buzzer, der als Auslöser dient. Auf einem Bildschirm neben der Kamera erscheint nach Betätigung des Bodenknopfs das geschossene Bild. Nach zwei Versuchen gebe ich mich mit dem Resultat zufrieden.

Im Erdgeschoss kommt derweil langsam Tanzstimmung auf. Das «Duo Belvedere» gibt italienische Klassiker der Unterhaltungsmusik zum Besten. Mit «Ace Tone»-Orgel und zwei Gesangsmikrofonen erzeugen die beiden in schwarze Smokings gekleideten Herren eine Feieratmosphäre, wie sie in den Sechzigern oder Siebzigern jeweils in italienischen Dancings geherrscht haben muss.

Zwei weibliche Gäste lassen sich rasch von den synthetischen Klängen überzeugen und vollbringen erste Tanzschritte. Bald gesellt sich eine dritte Tänzerin in weissem Kostüm und Maske dazu, deren Bewegungen vielleicht nicht allzu elegant, ob der Entschiedenheit, mit der sie ausgeführt werden, aber einen sehr unterhaltsamen Effekt erzeugen. Zusehends füllt sich die Tanzfläche mit Gleichgesinnten.

Rund eine Stunde später unterbricht das italienische Tanzmusik-Duo seinen Auftritt, um die Bühne der Sängerin Elisabeth Studer zu überlassen. Begleitet von Pianistin Marija Wüthrich trägt diese stimmungsvolle Opernarien vor, darunter ein Stück von Johann Strauss sowie eines aus der Oper Carmen. Wüthrich demonstriert ihre Fingerfertigkeit anhand einer rasanten Klavierkomposition Chopins.

Gegen halb elf füllt sich der Ausstellungsraum im ersten Stockwerk schlagartig bis auf den letzten Platz, als Slampoetin Lisa Christ zu ihrem satirischen Jahresrückblick ansetzt. Via Powerpoint-Vortrag gezeigte Fotos letztjähriger Ausstellungen des Kunstmuseums werden von ihr mit humoristisch-frechen Kommentaren versehen. Eine Gipsbüste mit etwas verknautschtem Gesicht wird so zu Niki Lauda, das Surrgeräusch der in den Museumsgängen platzierten Raumentfeuchter wird mehrmals angeprangert – zur Freude der ungehemmt lachenden Gäste.