Am 7. Januar stand ich in der Küche und schnipselte Gemüse für eine Suppe. Mein Lieblingsfranzose hatte die Nacht davor gearbeitet und schlief. Es war kurz nach Mittag. Mit halbem Ohr hörte ich RFI (Radio France Internationale). Und verstand nur Bahnhof. Der Herr, der am Radio zugeschaltet war, wirkte sehr nervös und war nicht in der Lage, auch nur einen kohärenten Satz zu sagen. Ich wartete darauf, dass ihm das Wort abgeschnitten würde, wie es ansonsten üblich ist, wenn bei interaktiven Sendungen ein Hörer nicht in der Lage ist, sich verständlich auszudrücken. Aber die Moderatorin hakte nach, fragte anders und noch einmal. Es war sofort klar, dass der Herr am Radio ein Zeuge war, ein Zeuge eines Ereignisses, das ihn zutiefst erschüttert hatte und das die Hörerschaft interessieren musste. Ich unterbrach das Kochen, setzte mich an den Computer und erfuhr das, was wir nun alle wissen. Es war der französische 11. September.

Als Nichtfranzösin erlebe ich die Ereignisse anders als mein französisches Umfeld. Als am Mittwochnachmittag die Namen der gefallenen Karikaturisten zirkulierten, konnte ich diese nicht einordnen. Charb, Cabu, Wolinski, Honoré und Tignous waren mir nicht geläufig. Hingegen war jedem Franzosen, jeder Französin sofort klar, dass damit mitten in das Herz der Satirezeitung getroffen wurde. Und mitten in das Herz der Nation. Denn man ist hier mit diesen Zeichnungen aufgewachsen. Und obwohl Charlie Hebdo bis anhin eigentlich nur von wenigen abonniert/gekauft wurde, ist das Blatt nicht aus der Medienlandschaft wegzudenken. Seine umstrittenen Titelbilder gehören zum Zeitungs-kiosk wie die Baguettes zur Bäckerei.

Am Tag nach dem Attentat auf die Redaktion ging man in Paris vordergründig zwar seinen Tätigkeiten nach. Mein Lieblingsfranzose ging zur Arbeit und ich besuchte den Kurs, für den ich mich eingeschrieben hatte. Doch alles war anders. Man redete miteinander, auch mit Unbekannten – in der Métro, beim Mittagessen, im Supermarkt. Die Aussagen waren oft banal. Schlimm, was passiert ist. Es musste gesagt sein, wieder und wieder. Es tat einfach gut, es zu sagen und es tat gut, es von anderen zu hören. Man suchte Einigkeit, gemeinsame Werte. Um 12 Uhr schwieg man gemeinsam. Viele waren Charlie, andere drückten ihre Gefühle mit einer Trauerschlaufe aus. Man stand im Regen und weinte.

Am Freitagnachmittag, als parallel zwei Geiselnahmen stattfanden, war die Spannung fast nicht auszuhalten. Ich machte eine Runde durch unser Quartier, zu den jüdischen Läden, die bereits geschlossen waren und zur jüdischen Schule, vor der schwer bewaffnete Polizisten positioniert waren. Als dann auch noch die Meldung einging, dass die Métro-Station Trocadéro von Polizisten umstellt war, wähnte ich mich für einen kurzen Moment in der Ukraine. Nur dort habe ich erlebt, dass man seinen Tagesplan laufend den aktuellen Brennpunkten anpassen musste. Trocadéro war zum Glück ein Fehlalarm. Und dann folgte die unglaubliche Beendigung der beiden Geiselnahmen, die am Fernsehen live ausgestrahlt wurde.

Man atmete auf. Nein, falsch, man atmete nicht einfach nur auf. Es war mehr. Es war magisch. Da war Stolz. Stolz auf die Polizei, stolz auf diese Kampfeinheiten, deren Abkürzungen bisher unbekannt waren, stolz auf die vielen Menschen, die Zivilcourage gezeigt hatten, stolz aber auch auf die Regierung, auf deren differenzierte Wortwahl und die Entschlossenheit, Menschenrechte zu verteidigen. Diese Welle von Stolz erfasste auch mich. Ich habe mich noch nie so stark mit Frankreich identifiziert wie in diesem Moment. Die republikanischen Werte, an die wieder und wieder appelliert wurde, kann ich ohne Wenn und Aber unterzeichnen. In Gedanken habe ich in diesem Moment mein Einbürgerungsgesuch eingereicht.

Am Marsch habe ich trotzdem nicht teilgenommen. Ich hatte an dem Tag zwar Bleistifte in meiner Handtasche mit dabei, aber auch zwei Tickets für das Theater. Ich hatte mich auf die Flamenco-Aufführung gefreut. Unterwegs in der Métro gerieten wir in diese eindrückliche Masse von Menschen, die zur Place de la République strömte. Die Stimmung war wunderbar und mein Lieblingsfranzose zog spontan mit. Er konnte nicht ins Theater, er musste mitmarschieren. Und er hatte Recht. Der Marsch war kollektive Therapie zur Verarbeitung eines kollektiven Schocks. Ich meinerseits sass, nunmehr ohne Begleitung, im Theater und war am falschen Ort. Sara Baras konnte noch so schön tanzen, ihre fehlende Sensibilität (keine Schweigeminute, kein Wort zu den Ereignissen, kein #JeSuisCharlie am Rock) machten alles zunichte. An einem Tag, an dem alles anders ist, kann man nicht so tun, als wäre alles wie immer.

Meine Wahlheimat steht vor einer grossen Herausforderung. Es genügt nicht, die Pressefreiheit mit Maschinengewehren zu verteidigen. Ein Diskurs muss her. Die Meinungsäusserungsfreiheit ist neu zu verhandeln. Nicht einfach. Zwischen Satire und Satire liegen Nuancen, die erklärt werden müssen, möglicherweise zu überdenken sind. Auch der Gesellschaftsvertrag, das Zusammenleben der verschiedenen Gruppierungen muss neu ausgehandelt und vor allem dringendst verbessert werden. Denn die französische Gesellschaft birgt ausgesprochen viel Zündstoff und die Vorstellung, dass es zu einem Flächenbrand kommen könnte, ist einfach unerträglich.

Ich bin nicht Charlie, aber ich bin Frankreich, mehr denn je.