Neugeborene mit zu kleinen Schädeln – diese Bilder haben sich durch die konstante Berichterstattung in unseren Köpfen eingebrannt, genauso wie das Wort «Zika». Solche Missbildungen seien schlimm, sagt der Oltner Tropenarzt Roland Weibel, trotzdem lässt er sich nicht zu stark beeindrucken: «Man sollte die Relationen nicht vergessen: Malaria tötet heute immer noch mehr als Zika.» Ein bestimmter, fast wütender Unterton schwingt bei dieser Aussage mit. Der 68-Jährige hat schon viele Malaria-Tote gesehen.

Tropenarzt Roland Weibel am neuen Standort der Gruppenpraxis Neuhard

Tropenarzt Roland Weibel am neuen Standort der Gruppenpraxis Neuhard

Roland Weibel verbrachte insgesamt vier Jahre in Zentralafrika. Er arbeitete in Kamerun und in Gabun jeweils in einem kleinen Spital. Während in der Schweiz ein Hausarzt durchschnittlich 25 Patienten am Tag untersucht, hatte Weibel in Afrika mit bis zu 100 Fällen am Tag zu tun. Darunter auch viele Malaria-Kranke.

Da sich die meisten den Arztbesuch nicht leisten können, warten sie oft zu lange. So lange, dass es oftmals zu spät ist. Vor allem für Kinder und Babys. «Die Mütter können dann nur noch mit kleinen Leichen das Spital verlassen.»

Die gesamte Infrastruktur des Spitals sei damals wie heute sehr bescheiden. Auf die Elektrizität kann man sich nicht verlassen. Ein Ausfall ist jederzeit möglich und nicht selten. «Um weiterzuoperieren, setzten wir Stromgeneratoren ein.» Und auf den Krankenstationen bei nächtlichen Notfällen wurde das Licht von Stalllaternen gespendet.

Auf seine schlimmste Arzterfahrungin Afrika angesprochen, schweigt Weibel einige Sekunden. Er lehnt sich zurück, atmet leise tief durch, schaut kurz zum Fenster hinaus und umfasst mit einer Hand seinen Kiefer. «Da war ein Junge», beginnt er. «Er war wohl von einem Baum gefallen und hat sich dabei schwer am Kopf verletzt.

Seine Mutter fand ihn verbogen und erstarrt am Boden.» Der Junge hatte einen sogenannten Streckkrampf. Ein Hinweis dafür, dass das Hirn stark verletzt worden war. «Wir hätten dem Jungen helfen können, wenn er rechtzeitig gekommen wäre und wir die nötigen Instrumente gehabt hätten, um seinen Schädel zu öffnen», erzählt er. «Nur leider hatten wir sie nicht.» Der Junge starb in den Armen seiner Mutter. Weibel schweigt und schaut nochmals kurz aus dem Fenster. «Es ist hart, aber man lernt, mit solchen Situationen umzugehen.»

Weibel erlebte in Afrika auch Erfolgsmomente. Obwohl er damals noch Allgemeinmediziner war, brachte er viele Babys erfolgreich zur Welt. Während zweier Jahre führte er eine chirurgische Klinik. «In Afrika müssen einige Ärzte praktisch alles können, von der Chirurgie bis zur Kindermedizin. Teilweise sind sie genauso gut wie hiesige Spezialisten», sagt Weibel. In der Schweiz hingegen setze man für jedes Gebiet nur Spezialisten ein. «Obwohl einige Allgemein-Chirurgen oft genauso gut das Problem beheben könnten.»

Wie gross ist eigentlichdie Nachfrage nach Tropenärzten in der Schweiz? «Nicht gross», sagt Weibel, einer der 74 Tropenärzte der Schweiz. Trotz Pensionierung berät er eineinhalb Tage in der Woche Patienten, die in ferne Länder reisen wollen. Einige seiner Patienten hingegen leben im fernen Ausland; Schweizer Expats, die alle zwei Jahre für ein Check-up in seine Oltner Praxis kommen. «Einige wohnen in sehr abgeschotteten Orten, wo sie keinen Zugriff auf eine vollumfängliche medizinische Versorgung haben.»

Diese Leute könnten die häufigsten Krankheiten selber behandeln, wie zum Beispiel Malaria. «Erst kürzlich erzählte mir ein Patient so nebenbei, er habe vergangene Woche leichtes Fieber gehabt. ‹Wohl wieder mal Malaria.› Er habe dann gleich die Tabletten genommen und jetzt sei es wieder gut», erzählt er. «Sie sind sich gewohnt, mit dem Malaria-Risiko zu leben.» Sie würden aber auch so reagieren, weil sie eben auch gesehen haben, wie Leute daran sterben können. Zum Beispiel, wenn man mit der Behandlung zu lange wartet.

Oder wenn man die Gefahr unterschätzt. «Einer meiner Patienten war oft geschäftlich in Afrika», erzählt Weibel. Dieser habe zum Vorbeugen immer im Voraus Malaria-Tabletten eingenommen. Nur einmal, ganz nach dem Motto «ist ja bis jetzt nie etwas passiert», verzichtete er auf die Tabletten. Wieder zu Hause, merkt er, dass er leichtes Fieber hatte. Er wartete. «Ist ja nur leichtes Fieber.» Das Fieber stieg und Fiebersenker wirkten nicht. Tage später meldete er sich bei Weibel, der dann gleich eine Malaria-Infektion diagnostizierte. «Er hatte nur noch sehr wenige rote Blutkörperchen», sagt Weibel. «Hätte er einen Tag länger gewartet, wäre er möglicherweise gestorben.»