Forstexperte

Oltner prophezeit: «In unabsehbarer Zeit werden wir Regenwälder nur noch in Bildarchiven bestaunen können»

Regenwald in Guinea: Vor allem die jüngere Generation setzt sich für den Erhalt ein.

Regenwald in Guinea: Vor allem die jüngere Generation setzt sich für den Erhalt ein.

Ernst Nydegger ist in Olten aufgewachsen und kennt die Wälder schier aller Kontinente. Der Forstexperte im Ruhestand warnt vor dem zunehmenden Verschwinden des Regenwaldes.

Er klemmt seine Zigarette für gewöhnlich zwischen Daumen und Zeigefinger. Und: Er wirkt mit Jahrgang 1953 nicht nur weitgereist. Er ist weitgereist, lacht zwischen den Sätzen, die von Geschichten aus Pakistan, Kirgisistan, Malaysia, Brasilien, Guinea, Simbabwe oder Marokko erzählen. Und wird’s dabei dramatisch, sagt er eindringlich: «Do kenne si de nüüt!» Ernst Nydegger, 67-jährig, in Olten aufgewachsen und jetzt in Balsthal wohnhaft, ist zurück.

Die grosse weite Welt hat ihn zwar nicht ganz aus der Hand gegeben, aber immerhin: Die Papiere sind an seinem jetzigen Wohnort hinterlegt. «Ich bin immer noch aktiv», sagt der Mann, der mit dem Aggregatszustand «Ruhestand» nichts anfangen kann. Und für Hobbys, so meint er beiläufig, habe er keine Zeit. Er blickt eher heiter in die Welt und sagt über sich selbst: «Ich bin rund um den Globus zu Hause.» Denn die Forstwirtschaft biete viele Herausforderungen. Er habe gar nicht müde werden können. «Zudem war für mich die Arbeit immer Berufung und nicht Job.»

In Olten gross geworden und in den Wäldern der Welt erfahren

Nydegger wuchs in Olten auf. Lange her, wenn man mit ihm drüber redet. Er machte eine Lehre als Forstwart. Später bildete er sich zum Förster weiter, absolvierte die Fachhochschule für Forsttechnik und Management natürlicher Ressourcen. Nach Studienabschluss arbeitete er bei Wald Schweiz, dem Verband der Schweizer Waldeigentümer, wo er als Redaktor einer forstlichen Fachzeitschrift sowie für die Weiterbildung der forstlichen Kursleiter und Instruktoren tätig war. So weit – so normal.

Und dann, 1989, begann eigentlich die Laufbahn dieses Kosmopoliten in Waldfragen. Ob er nicht als Experte eines Projektes im Norden Pakistans wirken möge, fragte ihn die Intercooperation Bern, heute Helvetas. Nydegger mochte. «Es war ein Ort am Ende der Welt», erinnert er sich. Im Rücken die nahen Siebentausender des Himalajas, der forstwirtschaftliche Alltag unterbrochen von Begegnungen mit Mudschaheddin samt Kalaschnikows, die in grossen Mengen Waffen vom Norden Pakistans nach Indien schmuggelten. Eine Begegnung mit den Glaubenskriegern kostete ihn bei dem einen Mal den mitgeführten Fotoapparat. «Do kenne si de nüüt!», sagt Nydegger darüber. Der Satz fällt noch mehrere Male, wenn er aus dem Berufsleben erzählt.

Liberianische Rebellen, meist unter Drogen

Auch später in Guinea blieb der Forstexperte nicht von unseligen Gesellen verschont. Als Geschäftsführer eines grosser privaten Forstunternehmens kam er auch mit liberianischen Rebellen in Kontakt. «Üble Burschen», sagt Nydegger, «standen meist unter Drogen.» Da ertrage es nicht viel. Keine falsche Bewegung. Und eben: «Do kenne si de nüüt!» Später stand das Gebiet unter verstärkter militärischer Kontrolle Guineas. «So waren wir etwas besser geschützt», resümiert der Mann, der eines Tages auch einen Mitarbeiter an den Dschungel in Malaysia verlor. Vorübergehend, wie sich später zeigen sollte. Gottlob hatte der sich nach sieben Tagen zu einem Dorf durchgekämpft. Dass er selber mehrmals an Malaria litt und zweimal vorübergehend in die Schweiz zurückkehren musste, erzählt er eher zurückhaltend. Ein Amöbenbefall hatte seine Leber angegriffen.

Holzrücken mit Ochsen: eine Form nachhaltiger Waldbewirtschaftung.

Holzrücken mit Ochsen: eine Form nachhaltiger Waldbewirtschaftung.

Nydegger ist kein Verklärter, beileibe nicht. Wer während mehr als drei Jahrzehnten als freiberuflicher Waldspezialist wirkt, sei’s im Auftrag von Hilfswerken oder auf privatwirtschaftlicher Ebene, kennt die Tücken. Zwar bedauert er den Umstand, dass in den letzten drei Jahrzehnten kaum noch Entwicklungsgelder für forstwirtschaftliche Projekte gesprochen wurden, renommierte Hilfsorganisationen aber jährlich milliardenschwere Hilfspakete schnürten, «um das schlechte Gewissen zu beruhigen», wie er sagt. Denn die Erfahrung zeige: Je grösser ein Projektbudget, desto geringer die Chancen auf einen Erfolg des Vorhabens. «In der Regel sind bei Grossprojekten regierungsnahe wie lokale Projektverantwortliche in erster Linie mit der Frage beschäftigt, wie, wann und wo kann ich mich persönlich finanziell am meisten bereichern», fasst Nydegger deren Intention zusammen. Der Erfolg des Projektes dabei: meist zweitrangig.

Handlungsbedarf macht der Forstexperte nämlich schon aus. Brandrodungen bezeichnet er als die grösste Gefahr für Tropenwälder, ob auf dem malaiischen Archipel oder in Südamerika.

, bilanziert er. Die frei gewordenen Flächen werden meist für Plantagen mit Ölpalmen genutzt. Knapp 70 Prozent des weltweit produzierten Palmöls finden sich in Lebensmitteln, 27 Prozent werden für industrielle Zwecke und 5 Prozent zur Energiegewinnung genutzt. Palmöl steckt heute in jedem zweiten Produkt, das in Schweizer Supermärkten zu kaufen ist. «Somit sind wir in Europa indirekt an der Vernichtung der Regenwälder beteiligt», sagt Nydegger. Der so gerodete Boden ist aber nur wenige Jahre landwirtschaftlich nutzbar. Aber statt sich um die Aufforstungen zu kümmern, ziehen Bauern und Plantagenbesitzer weiter: Der Boden fällt der Verödung anheim.

Gerodete Tropenwaldfläche in Malaysia: Der Ölpalmenanbau frisst den Dschungel förmlich auf.

Gerodete Tropenwaldfläche in Malaysia: Der Ölpalmenanbau frisst den Dschungel förmlich auf.

Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Zauberwort

Sein Rat? «Es ist nicht Nydeggers Rat», sagt der Mann. Es gelte etwa die Maxime, dass Afrika seine infrastrukturellen Probleme zu lösen habe. «Nehmen wir Guinea als Beispiel», sagt er. «Ist gesegnet mit Bodenschätzen: Bauxit, Eisenerz, Uran, Gold, Diamanten. Aber die Infrastruktur ist praktisch inexistent.»

Vernachlässigte Infrastruktur: Nationalstrasse in Guinea während der Regenzeit.

Vernachlässigte Infrastruktur: Nationalstrasse in Guinea während der Regenzeit.

Landwirtschaftliche Güter wie Bananen, Ananas oder Mango über 800 Kilometer müssten auf unwegsamen Wegen transportiert werden, sodass nach 6 bis 8 Tagen die Hälfte des Transportgutes Schäden erleidet und nicht mehr verkauft werden kann. «Damit die Verluste kompensiert werden können, werden weitere Brandrodungen ausgelöst», so Nydegger, der sich stets für die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes einsetzt. «Nicht mehr schlagen als nachwächst», heisst das.

Aber: Auch die in Afrika verlangte Holzkohle ist eine Gefahr für den Wald. In mehreren Subsahara-Ländern befriedigt Holz zu 90 Prozent den Energiebedarf der Haushalte. An sich weniger tragisch, aber: «Mehr als die Hälfte der weltweit gefällten Bäume, so die Angaben der Vereinten Nationen, wird zur Holzkohle verarbeitet. Dreiviertel der weltweiten Holzkohleproduktion fällt in Afrika an, und auch in Europa findet sich solches aus Tropenholz im Handel», sagt Nydegger.

Holzkohlemeiler aus Tropenholz: Hauptsächlich der Export dieses Naturprodukts bis nach Europa gilt als Bedrohung des Regenwaldes.

Holzkohlemeiler aus Tropenholz: Hauptsächlich der Export dieses Naturprodukts bis nach Europa gilt als Bedrohung des Regenwaldes.

Aufforstungen von 100'000 Hek­taren Wald pro Jahr würden das Klima weltweit verbessern helfen, den langersehnten Regen zurückbringen, Tausende von Arbeitsplätzen ermöglichen, die wiederum den Kindern der Angestellten zur schulischen Ausbildung verhelfen würden. «Wenn dies nicht geschieht, werden wir in unabsehbarer Zeit Regenwälder nur noch in Bildarchiven bestaunen können und ein Grossteil der Bevölkerung Afrikas wird den Kontinent aus wirtschaftlicher Not verlassen», sagt der Oltner.

Nydeggers Erfahrungen: durchzogen. Aber er legt, selbst im Schatten düsterer Prognosen, positives Denken an den Tag. «Klar, die Bemühungen um eine nachhaltige Waldbewirtschaftung ist eine Sisyphusarbeit und oft nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Nach meiner jahrelangen Arbeit sehe ich aber nicht nur das Negative, sondern auch die erfreulichen Entwicklungen.»

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