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Oltner Lehrer will das kritische Denken von Kindern fördern — dafür hat er zwei Lehrmittel publiziert

Der Oltner Lehrer Patrick Berger hat zwei Lehrmittel publiziert und erzählt, warum gutes Argumentieren bereits im Kindesalter geübt werden soll.

Denise Donatsch
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Ungeplant, aber bereits zum zweiten Mal realisiert: Die beiden Lehrmittel «Schreib mir deine Meinung!» Teil 1 und 2 waren spontane Einfälle des Lehrers Patrick Berger.

Ungeplant, aber bereits zum zweiten Mal realisiert: Die beiden Lehrmittel «Schreib mir deine Meinung!» Teil 1 und 2 waren spontane Einfälle des Lehrers Patrick Berger.

Denise Donatsch

Das Medienangebot wird immer unübersichtlicher. Jeder Person ist es möglich, ihre Ansicht online publik zu machen. Daher ist es enorm wichtig zu lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden – und diese vernünftig zu begründen. Dies sollte Patrick Bergers Ansicht nach bereits im Primarschulalter geschehen.

«Schon bevor ich im Jahr 2012 auf die Idee kam, selbstkreierte Arbeitsblätter zu einem Lehrmittel zu bündeln, habe ich immer wieder Übungen in meinen Unterricht eingebaut, in denen sich die Kinder mit einem komplexeren Thema auseinandersetzen und dazu schriftlich Position beziehen mussten.» Vor kurzem ist nun Teil 2 von «Schreib mir deine Meinung!» im Verlag der Zürcher Kantonalen Mittelschule ZKM erschienen.

Auch kontroverse Themen werden angesprochen

Dass dies keine einfache Aufgabe ist, das weiss der Lehrer, der in Olten aufgewachsen und der Kleinstadt bis heute treu geblieben ist, nur zu gut. Auch uns Erwachsenen falle es ja nicht immer leicht, die nötige gedankliche Klarheit zu gewissen Gegebenheiten zu erlangen. Umso wichtiger sei es, so der erfahrene Pädagoge, dass man bereits in der Kindheit anfange, sich kritisch mit der Umwelt auseinanderzusetzen.

In seinen Lehrmitteln, die sich auch bestens für den individualisierten Unterricht nutzen lassen, würden deshalb auch anspruchsvolle und kontroverse Themen angegangen. In seinem neu erschienenen Werk wird beispielsweise das Thema Geschlechtsänderung im Kindesalter angesprochen.

Eine solche Änderung ist bis dato nur in Malta und Norwegen erlaubt. «Da war ich mir anfangs nicht ganz sicher, ob es die Kinder nicht überfordern wird.» Mitnichten sei das jedoch der Fall gewesen. Die Schulkinder aus Bergers Klasse hätten allesamt Mitgefühl und Verständnis gezeigt für das betroffene Kind und seien sich einig gewesen, dass die Verwandlung von Adrian zu Anna die alleinige Entscheidung des Kindes sei.

Lesemotivation als willkommener Nebeneffekt

Das Lehrmittel stellt den Kindern für jede Übungsepisode eine Lesegrundlage zur Verfügung – in der Regel einen Zeitungsartikel. So wird das Interesse der Kinder sehr schnell weckt, da der Autor auf speziell kindergerechte Themen geachtet hat.

Im Anschluss werden den Schülerinnen und Schülern Fragen gestellt, die ihnen helfen sollen, ihre eigene Meinung zu bilden. «Auch das Erkennen von ‹Fake News› ist eine wichtige Kompetenz», so der Kreativkopf, der über die Jahre geeignete Zeitungsartikel aus der Tagespresse gesammelt hat.

Und einen weiteren, ganz besonders wertvollen Effekt habe das Lehrmittel auf die Lesemotivation der Kinder. «Die Themenauswahl weckt die Neugier bei fast allen Kindern dermassen, dass die Tätigkeit auch den Wenig-Lesern auf einmal gar nicht mehr so viel ausmacht.» Zugegeben, er habe zu diesem Zweck auch dann und wann eine Art «Sensationsschlagzeile» in Kauf genommen – aber auch das immer mit Bedacht. Wenn dafür die Lust am Lesen aufblühe, dann sei bereits ein wichtiger Schritt geschafft.

Kindern ginge es in dieser Hinsicht ähnlich wie uns Erwachsenen: Nur was wirklich interessiert, werde auch aufmerksam gelesen. «Um sich eine eigene Meinung zu bilden und gut argumentieren zu können – das ist ein Lernprozess, der seine Zeit braucht. Nur wenn dies regelmässig geübt und in den Unterricht eingebaut wird, können die Kinder langfristig davon profitieren.»

Kinder haben definitiv etwas zu sagen

Berger will den Kindern bezüglich Meinungsbildung und Argumentationsfähigkeit eine Grundlage verschaffen, um für die zunehmend chaotische Medienwelt gerüstet zu sein. Das war für den bald 46-jährigen Mann allerdings nicht der einzige Beweggrund, warum er sich diesem Thema stärker zuwandte.

«Ich habe als Kind sehr oft erlebt, dass meine kindliche Meinung nicht gefragt war.» Oft war seine Sicht der Dinge in der Welt der Erwachsenen nichts wert, was ihn immer wieder stark betrübt hat. «Ich bin überzeugt, dass auch die Ansichten von Kindern angehört werden sollten; sie sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft.» Und sie hätten definitiv etwas zu sagen. Das erlebe er täglich an seinem Arbeitsplatz.

Teil 1 und 2 von «Schreib mir deine Meinung!» sind insbesondere für Kinder ab der 5. Primarklasse geeignet und werden vom ZKM-Verlag publiziert – dem Verlag von Lehrern, für Lehrer. Erhältlich beide Teile ebenfalls im Online-Shop des ZKM-Verlags.