Andrea Jakob

Oltner Künstlerin verewigt Gedanken in Glasperlen – und hat Ideen für 300 Jahre

Glasperlen und Fotografien sind ein grosser Teil ihrer Kunst, aber nicht alles. Die Künstlerin Andrea Jakob aus Wangen bei Olten fängt Gedanken und Erlebnisse in Glasperlen ein – und in metaphysischen Maschinen.

Tierärztin, Lehrerin oder Goldschmiedin wollte sie einst werden. «Jetzt fliesst alles zusammen», stellt Andrea Jakob fest. Lehrerin ist noch immer ihr Beruf, als Künstlerin verarbeitet sie unter anderem Gold, und sie bringt ihre Objekte mit Tieren zusammen. Sie scheint selber zu staunen über den Weg, den sie seit den ersten Erfahrungen als Künstlerin vor elf Jahren gegangen ist. Ein Schlüsselerlebnis sorgte damals für die Initialzündung. «Ich wünschte mir eine bestimmte Glasperle, bekam sie aber nicht. Also begann ich, selber Glasperlen herzustellen.» Sie informierte sich über Technik und Historie der Materie und legte los. Tausende Arbeitsstunden später hat sie die Kunst perfektioniert und damit einen Weg gefunden, ihren Gedanken und Erlebnisse eine Ausdrucksform zu geben. Vorher habe sie das nicht gemacht, «deshalb habe ich jetzt wahrscheinlich Ideen für die nächsten 300 Jahre».

Mittlerweile arbeitet sie die verschiedensten Formen aus und setzt die unterschiedlichsten Materialien ein, Steinchen und (Edel)Metalle zum Beispiel. Oder sie schliesst Luftblasen für immer in ihre Kunstwerke ein. Die Schubladen ihrer Werkstatt sind voll von selber hergestellten «Zutaten», die darauf warten, in die Glasperlen eingearbeitet zu werden. Ihre ausgeprägte Beobachtungsfähigkeit ermöglicht Andrea Jakob die Fabrikation der vielseitigsten Glasperlen, die man sich vorstellen kann; Kunstwerke, die bei jeder Betrachtung eine Neuentdeckung bereithalten.

Tiere sorgen für das gewisse Etwas

Als Tüpfchen aufs I dienen ihr die Fotografien, deren Sujets sie meist in der Natur findet. «Ultimative Momentaufnahmen», nennt Andrea Jakob die Zusammenführung der Glasperlen mit den verschiedensten Tieren. Die Bilder lassen sich nicht erzwingen, entsprechend viel Geduld bringt sie auf. Die Tiere kommen häufig selber, sagt sie, sei es die Spinne auf dem Gartentisch oder die Rossbräme, die sich erst schön ruhig zeigte und dann «so richtig den Töff angelassen hat». – «Das isch de no e Chilbi gsi! Aber keine Angst, die Tiere sind stressfrei und kommen alle gesund davon.» Tatsächlich scheint Andrea Jakob eine Aura zu verbreiten, in der sich die Tiere wohlfühlen, anders wären die Fotos kaum möglich. Der Rotaugenlaubfrosch sprang ihr beim «Fototermin» zuerst ans Objektiv, um danach auf ihrer Hand einzuschlafen und für einmalige Aufnahmen zu posieren. «Ich bin ein Schlafmittel», sagt Andrea Jakob lachend. «Tiere werden in meiner Gegenwart seltsam ruhig, während elektronische Geräte den Geist aufgeben.»

Spricht die 1967 geborene Andrea Jakob über ihre Kunst, strotzt sie vor Energie. Täglich vier Stunden beträgt ihr Pensum. Um 19 Uhr setzt sie sich in ihre schmucke Werkstatt mit Blick auf den Born. Wobei das Panorama bestenfalls eine nette Nebenerscheinung darstellt. Denn die Arbeit an der 1200 Grad Celsius heissen Flamme erfordert Konzentration und ungebrochene Aufmerksamkeit. Einmal begonnen, gibt es keine Pause, jede Glasperle entsteht in einem Fluss. Tönt einfach, ist aber das Resultat minutiöser Planung. Andrea Jakob hält ihre Ideen in einem Büchlein fest, schreibt, zeichnet, skizziert und trifft dann die Vorbereitungen bis ins Detail. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Andrea Jakob versenkt ihre Kugeln im Thunersee

Sie mag es, ihre Kunst, die meist in den Hosensack passt, in grossen Zusammenhängen zu denken: «Ich kann mit einer Glasperle Tausende Jahre in die Zukunft blicken – theoretisch. Kugeln gehen verloren und werden vielleicht irgendwann gefunden von jemandem, der sie betrachtet und sich wundert, so wie wir Dinge unserer Vorfahren finden und Fragen dazu stellen.» Es kommt vor, dass sie Glasperlen irgendwo vergräbt oder im Thunersee versenkt. «Man weiss nicht, was damit passiert.» Sie gibt damit sich ein Rätsel auf und kommenden Generationen sowieso.

Die Glasperlen und Fotografien sind ein grosser Teil ihrer Kunst, aber nicht alles. Seit gut vier Jahren verfolgen Andrea Jakob und der deutsche Künstler Bernd Morlock das Projekt «Teamwork», mit dem sie sich der Herstellung «metaphysischer Maschinen» widmen. Die Maschinen bestehen vorwiegend aus Metall und heissen «Hypnoseapparat», «Augenspiel» oder «Wink des Schicksals» und drücken die Welten Jakobs und Morlocks in gemeinsamen Objekten aus. «Momentan in Arbeit ist die Urknallmaschine», sagt Andrea Jakob mit einem Schmunzeln. «Das passt in die jetzige Zeit. Denn vielleicht würde es uns manchmal guttun, die Reset-Taste zu drücken.»

Meistgesehen

Artboard 1