Olten
Oltner Hochschule für Wirtschaft steht mit einem Bein im Reich der Mitte

Seit Jahren pflegt die Wirtschaftshochschule in Olten Kontakte mit China. Ab August will die Fachhochschule in Harbin ein «Swiss Center» betreiben. Dies stellt den Direktor Ruedi Nützi vor Herausforderungen.

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Ruedi Nützi, Direktor der Hochschule für Wirtschaft in Olten, kennt China.

Ruedi Nützi, Direktor der Hochschule für Wirtschaft in Olten, kennt China.

Bruno Kissling

Schon seit 20 Jahren pflegt die Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten intensive Kontakte nach China. Das unterschriftsreife Freihandelsabkommen mit der Schweiz verleiht den Beziehungen jetzt zusätzlichen Schub: Bereits ab August will die Fachhochschule in der Fünf-Millionen-Stadt Harbin ein «Swiss Center» betreiben - eine Herausforderung für Schuldirektor Ruedi Nützi.

Wie oft waren Sie schon in China?
Ruedi Nützi: In den letzten 10 Jahren war ich wohl an die 15 Mal in China. Seit 15 Jahren haben wir jedes Jahr zwischen zwei und sechs Delegationen aus China hier in Olten.

Was sind das für Leute?
Wir bieten Ausbildungsprogramme für chinesische Führungskräfte an. Es sind Kaderleute aus staatlichen Institutionen und Firmen, aber auch von privaten KMU. 25 Personen werden jeweils während dreier Wochen an der Fachhochschule ausgebildet. Wir organisieren nebst der Ausbildung und Unternehmensbesichtigungen auch Unterkünfte und das Sightseeing-Programm.

Wie stark sind Sie persönlich involviert?
Ich bin Dozent in diesen Kursen, habe aber auch Repräsentationsaufgaben gegenüber den Delegationen. Ich kann sagen, dass ich in den letzten Jahren fast täglich in irgendeiner Form mit China zu tun hatte.

Wie verständigen Sie sich?
Chinesisch kann ich leider nicht. Viele Studierende sprechen aber englisch. Meine persönliche Assistentin ist zudem Dozentin für Chinesisch an unserer Hochschule. Inzwischen haben wir zwei weitere eigene Dozierende, die Chinesen sind, plus ein Netzwerk von etwa zehn weiteren Personen, die chinesisch sprechen und für unser Management-Programm arbeiten.

Ist dieser Austausch eine Einbahnstrasse oder gehen auch Schweizer nach China?
Wir haben inzwischen sieben Partnerschaften mit Ausbildungsinstitutionen in sechs chinesischen Provinzen, darunter mit vier Universitäten. Es gibt sowohl Dozenten als auch Studierende, die Gastaufenthalte in China machen.

Wie kam es eigentlich zum China-Engagement der Fachhochschule?
Ganz Chinesisch, das heisst dank persönlichen Kontakten (lacht). Mein Vorgänger, HWV-Rektor Peter Abplanalp, lernte an der Hochschule St. Gallen an einem Kadertraining vor 20 Jahren den Ausbildungsverantwortlichen der Provinz Gansu kennen. Dieser fragte ihn an, ob er nicht Kaderleute zur Ausbildung in die Schweiz schicken könnte. Anfänglich hing alles an diesen beiden Personen und Abplanalp wurde manchmal für sein «Steckenpferd» kritisiert. Heute sind wir extrem froh für seine Vorreiterrolle. Sein Freund, Herr Chen ist inzwischen Aussenminister dieser Provinz und dank ihm haben wir immer wieder Delegationen hier in Olten. Mittlerweile haben wir allein aus der Provinz Gansu 600 Personen weitergebildet.

Suteria: Solothurner Confiserie will in China Fuss fassen

Die Solothurner Confiserie-Kette Suteria möchte im Zusammenarbeit mit der Hochschule für Wirtschaft FHNW in China Fuss fassen. Suteria-Chef Michael Brüderli bestätigt, dass man im Rahmen des geplanten Swiss Center in der nordchinesischen Stadt Harbin einen Spezialitäten-Shop für Schokolade eröffnen möchte. Dank der bewährten Zusammenarbeit mit der Fachhochschule sei er interessiert, diesen Schritt zu wagen, erklärt Brüderli. Schon wiederholt hätten chinesische Kaderleute die Produktion bei Suteria besichtigt und Gespräche hätten gezeigt, dass Schweizer Schokolade auch in China einen guten Ruf geniesse.

«Wir wollen zwar nicht unter dem Namen Suteria auftreten, aber unsere Qualitätsstandards behalten.» Der Transport der Ware sei heute dank mehrerer Flüge pro Tag nach China kein Problem mehr. Eine Ausbildung des Personals in der Schweiz dürfte ebenfalls zu bewerkstelligen sein. Suteria mit 80 Angestellten und vier Standorten in Solothurn und Olten ist heute erst in kleinem Ausmass im Ausland tätig - als Lieferant für einen Jura-Kaffeemaschinen-Shop in Deutschland. «Auch in China wollen wir klein beginnen, sozusagen die Fühler ausstrecken. Doch wer weiss, was daraus wird», meint Brüderli. (at.)

Und bezahlt das der Steuerzahler?
Nein! Die Ausbildungsprogramme werden von China bezahlt. Die Kurse inklusive Rahmenprogramm sind mindestens selbsttragend. Wir berechnen je nach Ausbildungsbedarf etwa 6500 Franken pro Teilnehmer und erzielen inzwischen rund 1 Million Franken Umsatz pro Jahr damit. Kursabsolventen, die in China Karriere gemacht haben, können uns weitere Studenten vermitteln. Ein Absolvent des Jahres 2004 ist heute Gouverneur und Parteisekretär von Heilongjiang, einer Provinz mit 45 Millionen Einwohnern.

Und er kennt die Fachhochschule in Olten.
Genau. Herr Wang schickt uns die nächsten fünf Jahre jährlich 100 Personen zur Ausbildung. Natürlich verdienen wir etwas Geld damit. Aber viel wichtiger ist das Netzwerk, das wir aufbauen können für Schweizer KMU, die in China tätig werden wollen. Unsere Studierenden können reale Erfahrungen vor Ort machen und die Chinesen profitieren von unserem Know-how . . .

. . . das sie anschliessend kopieren und ihre Produkte zu Dumpingpreisen verkaufen.
Das kann man nie ganz ausschliessen. Es gibt Firmen, die aus diesem Grund ihr China-Engagement beendet haben oder rote Zahlen schreiben. Die Chancen sind aber meines Erachtens grösser als die Risiken. China ist ein Riesenmarkt, und wenn eine Schweizer Firma hier Fuss fassen kann, eröffnen sich enorme Möglichkeiten.

Haben Sie konkrete Beispiele?
Die Bauerngenossenschaft Nordostmilch in Winterthur mit 3000 Mitgliedern konnte dank unserer Hilfe in China am 10. Mai ein Geschäft in Qingdao eröffnen und so einen Absatzweg für ihren Käse. Sie verkaufen Fondue (mit adaptiertem Rezept). Geschäftsführer ist ein ehemaliger Student von uns. Eine weitere Erfolgsgeschichte: Ich habe vorgeschlagen, dass wir in der Hauptstadt von Heilongjiang, in Harbin, ein Swiss Business Center eröffnen. Der Gouverneur unterstützt die Idee, und da das Freihandelsabkommen jetzt steht, will er die Nase vorn haben. Er forderte uns auf, das Center bereits im Juli zu eröffnen. Dieses Jahr versteht sich. Und er bietet uns gratis Büroräume an. Ich musste ihm mitteilen, dass wir erst im August bereit sind.

Wer macht noch mit?
Wir suchen interessierte KMU. So hat Michael Brüderli, Chef der Solothurner Suteria, hat sein Interesse angemeldet. Wir werden die Business-Plattform des Swiss Center und unser Netzwerk zur Verfügung stellen können.

Waren Sie am Freihandelsabkommen in irgendeiner Form beteiligt?
Nein. Das ist eine rein politisch-diplomatische Schiene. Universitäten und Fachhochschulen waren meines Wissens nicht involviert. Ich habe allerdings sehr wohl Politiker über unsere bestehenden und geplanten Aktivitäten informiert und auch in die Delegation eingeladen, welche im August nach Harbin reist. Ich hoffe beispielsweise, dass ein Vertreter des Vorstands des Gewerbeverbandes dabei sein kann.

Trotzdem: Welche Bedeutung messen Sie dem Abkommen bei?
China hat die Schweiz als Testmarkt für Europa auserkoren und will sich Zugang zur Hochtechnologienation Schweiz verschaffen. Das Land sucht einen Paradigmenwechsel: Weg von der Billigware zu besserer Qualität. Dieser Schritt ist teilweise schon erfolgt. China kauft weltweit strategische Wirtschaftspositionen ein, ist der grösste Gläubiger der USA und Leader in Asien. Deshalb ist das Freihandelsabkommen für ein kleines Land wie die Schweiz ein sehr wichtiger Schritt.

Gibt es auch Gefahren?
Die grösste Gefahr ist, dass die Schweiz ihre eigene Lage überschätzt. Man wähnt sich im Zentrum, ist es aber nicht. Die klassischen Risiken gibt es durchaus: Chinesen sind gut im Verhandeln. Das zwingt Dich, sehr genau zu überlegen, was Du willst. Wenn die Schweiz es gut macht, kann sie am grossen Partner wachsen, wenn nicht, wird es auch Rückschläge geben. Das Freihandelsabkommen erlaubt es, sich dem Risiko dosiert auszusetzen und unkonventionelle Lösungen zu suchen. Warum nicht in den Handel mit CO2-Emissionen oder in den Bereich Umweltmanagement einsteigen?

Hatten Sie schon Kontakte mit der Landbevölkerung?
Ja, durchaus. Und es ist schon so: Der Grossteil der Leute ist mausarm und lebt in für uns fast unvorstellbar bescheidenen Verhältnissen. Wir haben dieses Frühjahr eine Schule auf dem Land in der Provinz Gansu besucht und Trainingsanzüge, Schulbücher und Computer gebracht.

Die Chinesen lernen von uns. Was können wir von ihnen lernen?
Dass es ein «sowohl als auch» gibt in fast allen Bereichen des Lebens. Zum Beispiel traditionelle Werte und Freude an modernsten Technologien. Das wird von uns oft als Widerspruch empfunden, für Chinesen nicht. Ying und Yang heisst das Prinzip, das wir als Symbol ja auch bestens kennen. Es ist auch als Denkanstoss zu verstehen, dass wir nicht unbedingt immer nur die richtige Weltsicht haben müssen und die richtigen Kategorien bilden.

Gilt das auch für die Menschenrechte? Können Sie diese thematisieren?
Ja. Das einzelne Individuum hat allerdings in China eine ganz andere Bedeutung als bei uns. Menschenrechte aus unserer Sicht können thematisiert werden, in Gesprächen mit Menschen, zu denen man schon ein vertrautes Verhältnis hat. Das Thema kommt auch immer wieder vor in Gesprächen mit Studierenden.