Das Thema ist ein heisses Eisen. Man kann sich leicht die Finger daran verbrennen. In den letzten Jahren haben es zahlreiche Anwohner in Schweizer Gemeinden trotzdem gewagt, sich gegen das nächtliche Läuten der Kirchenglocken aufzulehnen, weil sie in ihrem Schlaf gestört waren – kürzlich sogar erstmals mit Erfolg. Diese Diskussion hat nun auch Olten erreicht: Simon Aeberhard hat gegen das nächtliche Läuten der reformierten Friedenskirche die Stimme erhoben – mit einem Teilerfolg.

Der Weg dahin war allerdings mit Widerstand aus der Kirche gesät, mit bösen Briefen und E-Mails von Anwohnern, als sie von der Petition hörten, die er initiierte, und immer wieder mit Warten. Doch seit Freitag vor einer Woche ist es tatsächlich so, dass das viertelstündliche Läuten der Glocken nach einigen Startschwierigkeiten von 0.15 bis 6 Uhr ausgesetzt ist, nicht aber die Schläge zur vollen Stunde.

Angefangen hat alles mit der Sanierung des Glockenstuhls letzten Frühling. Dank neuen Glockenlagern und neuen Klöppeln sollte der Klang des Geläutes verbessert werden. Doch anscheinend wurde laut Anwohnern nicht nur der Klang besser, sondern auch die Lautstärke stärker. Im August 2015, als die Glocken nach der Sanierung wieder zu schlagen begannen, konnte Aeber-hard nachts mit offenem Fenster nicht mehr schlafen – und sie wegen der Hitze geschlossen zu halten, war für ihn keine Alternative.

«Ich lag zahlreiche Nächte wach und ärgerte mich vor allem über die viertelstündlichen Glockenschläge, die mich jedes Mal wieder vom Einschlafen abhielten», schrieb Aeberhard in seinem Blog. Der 28-Jährige hatte ein erstes Mal Kontakt mit der reformierten Kirche. Sie sagten, dass die Lautstärke des Glockenklangs im Verlaufe der folgenden Wochen zurückgehen würde. Doch anscheinend passierte nichts. Anfang Oktober startete Aeberhard mit der Unterschriftensammlung für eine Petition im Quartier. Knapp 50 Leute unterstützten sein Anliegen.

In dieser Zeit hatte er auch mit Anwohnern zu tun, die sein Begehren gar nicht goutierten. «Ich habe Beleidigungen der übelsten Sorte erhalten», sagt Aeberhard. Er sei ein «unfähiger Lehrer», «selbstverliebter Egoist (...) mit psychischen Problemen» oder «blind und schwerhörig». Er hatte plötzlich ungute Gefühle, wenn Nachbarn länger vor seiner Wohnung stehen blieben – seine Adresse kannten die Anwohner nun wegen der Petition; er bildete sich ein, böse Blicke von Leuten beim Einkaufen zu erhalten – obwohl sein Gesicht ja gar nicht bekannt war.

Doch er liess sich nicht einschüchtern. Mit der Kirche hatte er nun vermehrt Kontakt, mit dem Pfarrer Uwe Kaiser, mit Leuten aus dem Kirchgemeinderat. Die anfängliche Skepsis bei den Kirchenleuten wich gewissem Verständnis für sein Anliegen und die der Anwohner. «Wir möchten ein gutes Einvernehmen haben mit den Anwohnern der Kirche», sagt Kirchgemeindepräsidentin Karoline Siegert dazu. Trotzdem kamen die Gegenargumente auf: Das nächtliche Geläut würde als Zeitangabe dienen und sei halt einfach Tradition.

Im Januar 2016 stellte er dann schliesslich der Kirchenkommission Stadt-Olten den Antrag, den nächtlichen viertelstündlichen Glockenschlag zwischen 22 und 6 Uhr auszusetzen. Seine Argumente: Die zeitliche Orientierung sei in Zeiten von Armbanduhr, Smartphone oder Wecker überflüssig. Die Tradition werde gewahrt, weil die Stundenschläge in der Nacht nicht wegfielen. Das war für Aeberhard bereits ein Kompromiss, eigentlich wollte er diese ebenfalls abschaffen. Doch er sah, dass er damit wohl nicht durchkommen würde.

Die Kirchenkommission setzte eine Arbeitsgruppe ein, wollte zuerst bei den Anwohnern nochmals eine Umfrage machen, verzichtete dann aber darauf. Pfarrer Uwe Kaiser persönlich kam vorbei, um in Aeberhards Schlafzimmer beim Kopfkissen mit offenem Fenster den Glockenschlag zu messen. 73 Dezibel stellte er fest. Das ist laut Martin Stocker vom kantonalen Amt für Umwelt «schon übermässig laut». Gewöhnlich nimmt man die Schwelle von 60 Dezibel als Richtwert, der in der Nacht nicht überschritten werden dürfte. Die ETH kam allerdings in einer Studie 2011 zum Schluss, dass auch unter dieser Schwelle schon der Schlaf gestört würde.

Schliesslich entschied sich der Kirchgemeinderat Anfang Mai auf Antrag der Kommission, das viertelstündliche Geläut von 0.15 bis 6 Uhr auszusetzen. Wieder musste Aeberhard einen Kompromiss eingehen. Zwei Monate nach dem Entscheid folgte endlich die Umsetzung im Läutautomat. Die zuständige Firma hätte die Sache verschlafen, heisst es bei der Kirche. Nun herrscht nachts etwas Friede im Quartier, so wie es die Kirche den Besuchern beim Eingang verspricht: «Der Friede sei mit euch.» Dem Initianten bringt das nichts mehr: Er ist vor einigen Wochen aus Olten weggezogen.