Olten

Oltner Chilbi: Nichts für müde Beine und leere Geldsäckel

Sie beginnt scheinbar etwas zögerlich am gestrigen Abend, die Oltner Chilbi. Eine gute Stunde Aufwärmzeit nimmt sie sich, bis sie so richtig ins Rollen kommt. Dann gehts los. Und nach anderthalb Stunden sind schon die ersten müde und setzen sich hin.

Nein, nur wirklich echte Professionals können das grösste Volksfest der Region in aller Ruhe angehen. Alle andern, die absolute Mehrheit, stolpert an der Oltner Chilbi mir nichts dir nichts in die Verderbnis lasterhafter Völlerei unterschiedlichster Provenienz. Essen, reden, trinken, erleben. Der Geldsäckel ist noch gut gefüllt, eh ein steter Tsunami der Unbekümmertheit daher schwappt und zwischen Papier- und Hartgeld keinen Unterschied macht. Er schwemmt alles von dannen.

Die Meisten möchten mehr als einmal dabei sein

Klar; das ist nur die Traumvorstellung aller Schausteller und Budenbesitzer. Aber immerhin: Die allermeisten der befragten Chilbibesucher sind mindestens an zwei Tagen in Olten anwesend oder wären es, hätten sie denn genügend Zeit. Das trifft auf jene Frau aus Olten zu, die sich kurz nach halb acht Uhr schon auf einen Stuhl beim Autoscooter setzt. «Leere Beine – aber noch längst kein leeres Portemonnaie», gibt sie zu verstehen und will partout anonym bleiben. Vielleicht wird sie noch an einem andern Tag vorbeischauen, verrät sie. «Kommt drauf an, wie ich arbeiten muss.»

Das trifft auf Annelies Estermann und Gatte Kurt aus Kölliken ebenfalls zu: «Könnte ich, ich würde mehrfach vorbeischauen», sagt Annelies Estermann bestimmt. Als ehemalige Oltnerin müsse man einfach an die Chilbi, denn da treffe man viele ehemalige Bekannte, die man sonst nie sehe.» Als Hardcore-Chilbibesuche schätzt sich das Paar allerdings nicht. «Nein, das mit den Bahnen, das ist passé», sagt Annelies. «Früher war das anders», erwähnt Kurt, der in der einstigen «Berna» die Lehre machte und so seine jetzige Frau kennenlernte. Alte Geschichten, die das Herz erwärmen.

Aber nicht jedem stehen die Sinne nach Herzensgeschichten, jedenfalls nicht solchen. Einer der Übermütigen nämlich, die dem schaustellerischen Idealbild ganz gut entsprechen, ist Miran Gök, 6-jährig. Eben tobt er sich in einem grossen Wasserball aus, schlägt darin Purzelbaum um Purzelbaum. «Walk on Water» heisst das Ding, «Spaziergang auf Wasser». 10 Franken kostet der Ball, Aufenthalt vielleicht fünf Minuten. Kaum aus den Fluten befreit, treibt er die Mutter an. Die nächste Eroberung wartet.

Omar Musanovic aus Dulliken übt sich derweil am Starball-Schiessstand. Aus einer mit Pressluft betriebenen und mit Plastikkugeln geladenen Pistole schiesst er gleich reihenweise Büchsen vom Gestell. Ein metallener Klang läutet jeweils den Fall der Büchse ein. «Vielleicht kommen wir während der Chilbi jeden Tag nach Olten», sagt Vater Mahir. «Wenn es sich ergibt: Wieso nicht?», meint er heiter.

Einfach ein bisschen flanieren und geniessen

«Vielleicht zweimal», sagt Helen Rutz aus Fulenbach. Und damit deutet sie an, womöglich am Sonntag noch einmal in Olten aufzukreuzen. Heute Abend will sie ein «bisschen flanieren und geniessen», wie sie meint. Ausgang, nennt sie das. «Und dabei vielleicht ab und zu mal jemanden treffen, den man kennt.» Bahnen besuche sie in der Regel nicht. Aber für Helen Rutz hat nicht ausschliesslich die grosse Chilbi ihren Reiz. «Auch jene im Dorf hat ihren Charme. Dort kennt man halt mehr Leute.»

Hin und wieder ist auch eine Entscheidung nötig. Fahren oder essen? Es gibt die kleine Portion Mini Donuts für 6 Franken drunten auf der Schützi. Fürs selbe Geld lässt man sich vom Hit der heurigen Chilbi, Phönix, sprichwörtlich aus der Asche ziehen oder macht drei Fahrten mit Formule Indy, dem Karussell mit ovalförmigem Circuit, von dem aus sich bequem jemandem zuwinken lässt. Am besten dran ist da natürlich, wer vielleicht leere Beine, aber keinen leeren Geldsäckel hat.

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