Die OP-Mütze noch aufgesetzt, den Mundschutz um den Hals, spricht der Augenchirurg Alex Heuberger mit Falten in der Stirn ins Mikrofon. Was er am aufgehängten Flachbildschirm im Empfangsbereich der Augenklinik Heuberger sagt, ist am Ende des langen Ganges nicht zu hören. Dafür sprechen die Bilder eine klare Sprache: Mexikanische Patienten in blauer OP-Kleidung, karg eingerichtete OP-Säle und enge Wartezimmer voll mit Angehörigen.

Solche Szenen kennen Heuberger und sein Team seit 15 Jahren gut. Einmal im Jahr reisen sie in ihren Ferien in ärmere Regionen Mexikos, etwa Chiapas, und operieren kostenlos mittellose Patienten am grauen Star und bilden dazu auch medizinisches Personal vor Ort aus*. Für diesen langjährigen Einsatz verlieh die mexikanische Regierung dem Augenchirurgen Alex Heuberger vor kurzem den Orden vom Aztekischen Adler «àguila azteca», den höchsten mexikanischen Verdienstorden für Ausländer. Ein Jahr zuvor erhielt bereits Teamarzt Manuel Villalvazo aus Luzern die Auszeichnung Othli.

Ganz mexikanisch erscheint der 62-Jährige etwas verspätet zum Gesprächstermin. Dafür mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Erst kürzlich stand er noch beim Festakt in der mexikanischen Botschaft in Bern vor Freunden, Angehörigen, Kollegen und nahm das Abzeichen entgegen. Darauf angesprochen strahlt er: «Ich fühle mich irrsinnig geehrt.» Der mexikanische Staatspräsident Enrique Peña Nieto und der Aussenminister José Antonio Meade Kuribreña haben die Auszeichnung höchstpersönlich unterschrieben. «Diese Wertschätzung tut mir und dem Team sehr gut.»

Auch junge Menschen sind betroffen

Mehrere tausend Grauer-Star-Operationen hat das Team seit Projektbeginn durchgeführt. Kinder bis ältere Menschen haben davon profitiert. «Das ist für jeden im Team ein gutes Gefühl, diesen armen Leuten zu helfen», stellt er fest, «ihnen eine neue Perspektive zu geben.» Blinde Menschen werden in den ärmeren Regionen, wo die Familien darauf angewiesen sind, dass jeder zur Existenzsicherung beiträgt, als Last empfunden und in jeder Hinsicht ausgegrenzt. Die einseitige Ernährung, basierend auf Mais und Bohnen, zusammen mit schlechten Hygienebedingungen und der intensiven Sonneneinstrahlung führen dazu, dass auch junge Menschen nicht vom grauen Star verschont bleiben.

«Das ist besonders hart, da sie noch sehr viel aus ihrem Leben machen könnten», sagt der Vater von zwei erwachsenen Söhnen. «Aber natürlich ist jeder Patient wichtig, egal welchen Alters.» Häufig lässt Heuberger das Mittagssandwich unberührt, wenn er dafür, nach einer intensiven Sechs-Stunden-Schicht, noch einen spät eingetroffenen Patienten operieren kann. «Diese Patienten nehmen ja schon eine halbe Weltreise auf sich, mit dem Bus, auch zu Fuss, damit sie es aus der Pampa in das Spital schaffen.»

Zeremonie gehören dazu

Die Zahl der operierten Patienten, die Heuberger am Ende des ganzes Einsatzes immer auf ein Blatt Papier schreibt und stolz an die Fensterwand vor dem OP-Saal klebt, steigt von Jahr zu Jahr. «Auch die lokalen Ärzte, die wir weiterbilden, werden von Jahr zu Jahr besser», sagt er. Im Spital von Acapulco, wo das Hilfsprojekt seinen Anfang nahm, existiert mittlerweile eine Sonderabteilung für Augenheilkunde, die nicht mehr auf die Unterstützung der Schweizer Ärzte angewiesen ist. Neben dem Standort in Tuxtla Gutiérrez (Chiapas), der laut Heuberger «auf einem sehr guten Weg ist», operiert das Team seit zwei Jahren auch in Salina Cruz (Oaxaca).

Auch dort nimmt Heuberger mit seinem Team zu Beginn und am Schluss des Einsatzes an langen, offiziellen Begrüssungs- und Abschiedszeremonien teil, lächelt minutenlang für die Presse in die Kamera, schüttelt fremde Hände, während die ersten Patienten schon in der Hitze warten. «Das gehört in Mexiko halt dazu. Die Zeremonien sind in ihrer Kultur sehr wichtig», bemerkt er dazu nur.

«Mexikaner können auch sehr böse sein»

«Grundsätzlich mag ich die mexikanische Kultur sehr», so Heuberger, der in seinem Keller einen kleinen Vorrat an Don-Julio-Tequila hat und selbst gerne Chili con carne kocht. «Mittlerweile habe ich auch viele Freunde in Mexiko; Ärzte, Rotarier», und fügt hinzu: «Ich gehe jetzt auch ein bisschen für sie nach Mexiko.» Die Arbeit des Teams ruft aber offenbar auch Neider auf den Plan.

«Mexikaner können auch sehr böse sein», erklärt er. Eifersucht habe einen lokalen Arzt gepackt. Mit irreführenden Anweisungen an operierte Patienten und offenbar absichtlich falschen Nachbehandlungen versuche dieser, die Arbeit des Schweizer Teams zu sabotieren. «Solche Sachen können einen wütend machen», sagt er und drückt die Zähne aufeinander. Aber man könne nicht viel dagegen tun, sie seien eben immer noch die «Ausländer».

Bewusstes Verhalten

Das erlebten sie nach 15 Jahren glücklicherweise zum ersten Mal. Wahrscheinlich würden sie den betroffenen Standort dieses Jahr auslassen. «Was übernächstes Jahr sein wird, werden wir noch sehen», stellt Heuberger bestimmt fest. Um den Erfolg zu sichern, müsse sich das Team sehr bewusst verhalten. So bewusst, wie sich Heuberger grundsätzlich bewegt seit seiner Genesung vom Lymphom vor fünf Jahren. Damals konnte er die Treppe nicht mehr allein auf- und absteigen, heute könnte er Bäume ausreissen, wie er sagt.

Die Erfahrung der Krankheit habe ihn geändert: «Mir ist bewusst geworden, dass alles seine Grenzen hat.» Seine Grenzen jedenfalls kenne er jetzt. «Und ich will mich in Zukunft auch mehr an sie halten.» Während er als Klinikleiter heute nach einem 12-Stunden-Einsatz immer noch Arbeit mit nach Hause nimmt, will er sich in drei Jahren, wenn seine Pensionierung ansteht, Schritt für Schritt zurückziehen; die Leitung abgeben und das Pensum zurückschrauben. Dann wolle er sich mehr Zeit für andere Dinge nehmen: Zum Beispiel öfter mit dem Kleinflugzeug über die Alpen fliegen, auf seinem kleinen Boot die Seele baumeln lassen oder mit seiner Partnerin häufiger verreisen. Wohin auch immer.

*Die Schweiz am Sonntag und das Oltner Tagblatt waren vor zwei Jahren vor Ort und berichteten darüber.