Kantonspolizei
Oltens Segway-Polizisten sind eine Attraktion – ernten aber auch kritische Blicke

In der Dreitannenstadt fahren Beamte momentan auf den Stehroller. Die Polizei soll so wieder näher an der Bevölkerung sein. Die Segways führen auch zu kritischen Blicken.

Deborah Onnis
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Segway Polizei Olten
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Die Polizei testet in der Stadt derzeit zwei Segways. Die Gefährte eignen sich vor allem für präventive Einsätze.
Die Polizisten auf den Stehrollern sorgen für überraschte Blicke
Mit den Segways können und dürfen die Polizisten maximal 20 km/h fahren.

Segway Polizei Olten

Bruno Kissling

Blauer Himmel, strahlende Sonne, zwitschernde Vögel – die Kulisse in der Oltner Innenstadt ist für die Kantonspolizisten an diesem Mai-Morgen perfekt, um ihre unkonventionellen Testgefährte zu präsentieren. Mit geradem Rücken und ernster Miene steigen Raphael Giaccari, Chef des Polizeiposten Olten City, und Francesco Mauro, Verantwortlicher Quartierpolizei und Aarerettung, auf die Stehroller Segway, und sind dann gleich einen Kopf grösser.

Kopfnicken von Mauro. Es kann losgehen. Praktisch geräuschlos befördern die Stehroller die beiden Polizisten mit ernstem Scanner-Blick Richtung Altstadt. So schnell, dass man sie nicht im Gehen aufholen kann und so langsam, dass sie locker von einem Mofa überholt werden könnten. Maximal 20 km/h können und dürfen die Polizisten damit bei der Patrouille durch die Fussgängerzone fahren.

«Und jetzt mit Anlauf», sagt Giaccari und lehnt sich leicht nach vorne. Als der Segway beschleunigt, entgeht ihm ein Lächeln. Dasselbe wie bei einem Kind, der sich an einem neuen Spielzeug erfreut. «Ja, der Spassfaktor ist natürlich schon auch da», sagt Giaccari und wird dann gleich wieder ernst. Auf der Kirchgasse drehen sich Passanten nach den Uniformierten auf den futuristischen Transportmitteln um. Schmunzeln, Kopfschütteln, Kichern, aber auch überraschte Blicke und Lächeln.

Polizisten wirken steif wie Roboter

Ein Passant hält an und schaut sie mit grossen Augen an. Die beiden Polizisten mit Leuchtweste und Helm halten elegant an und grüssen den Mann vom Segway aus freundlich. Der Passant lacht «Ja, Grüezi!» und mustert die stehenden Segways. «Bi Ihne isch aues guet?» – «Jojo», antwortet der Passant und strahlt. «Es ist schön, dass die Polizei wieder präsenter ist», sagt dieser später und weist auf die Eingliederung der Stadtpolizei in die Kantonspolizei hin. «Vorher kannte ich halt fast alle Polizisten der Stadt. Heute kenne ich niemanden mehr», sagt er. Wenn die Polizisten mit den neuen Fahrzeugen nun in der Stadt präsenter seien, finde er das gut. Dann lerne er vielleicht bald auch neue Polizisten kennen.

Giaccari und Mauro setzen ihre Runde fort und fahren an weiteren Passanten vorbei. Das Fahren auf den Segways sieht gemütlich aus. In der Tat empfinden Giaccari und Mauro das Fahren als angenehm. Während der Fahrt wirken die beiden fast regungslosen Polizisten aber steif wie Roboter. Immer wieder halten sie dafür kurz an und werden wieder zu Menschen – lächeln, schwatzen und scannen die Umgebung ab.

Beim Platz neben der Stadtkirche, ein «Hotspot», schaut ein Mann die Polizisten «verdächtig» an, wie Mauro später erklärt. Eine Personenkontrolle ist angesagt. Sie nähern sich einem träge wirkenden Mann Mitte 40. Mauro steigt ab und führt höflich die Kontrolle durch. Wegen den Segways erhält der Mann gleich doppelte Aufmerksamkeit. Zum Mann: Falscher Alarm. Die Polizisten ziehen mit den Segways weiter. Stets begleitet von neugierigen Blicke von allen Seiten.

Für präventiven Einsatz vorgesehen

«Segways eignen sich vor allem für präventive Polizeieinsätze», so Mauro. Also zum Beispiel, um Präsenz zu markieren und Personenkontrollen durchzuführen. «Ideal sind die Segways auch bei Demos, denn damit haben wir einen sehr guten Überblick», sagt Mauro, der den Einsatz der Segways befürwortet.

Segways bei anderen Korps

Sicherheitseinsatz auf zwei Rädern

Nicht nur in der Stadt Olten werden derzeit Segways von Sicherheitsverantwortlichen eingesetzt, wie der regionale TV-Sender Tele M1 berichtet. In Bern zum Beispiel rollen Angestellte einer Sicherheitsfirma im Auftrag der Kantonspolizei auch auf zwei Rädern durch die Stadt.
Und in Solothurn patrouillierte die
Polizei am letzten slowUp Solothurn-Bucheggberg auf Segways. Bei der
Stadtpolizei Aarau hingegen steht der Einsatz von Segways momentan nicht zur Debatte. (AZ)

«Für Notsituationen aber eignet sich ein Segway grundsätzlich weniger», sagt Harry Niggli, Chef der Polizei Region Ost. Mitführen können die Polizisten nur ein kleines Kästchen für Formulare und kleinere Utensilien. Und im Fall einer Verhaftung könnten sie auch niemanden selber mitnehmen, sondern müssen Verstärkung rufen. Auch Absperrmaterial haben sie nicht dabei. Trotzdem: Laut Giaccari konnten sie mit dem Segway schon einem Ladendieb durch Hinweise genug schnell entgegenfahren, sodass sie ihn erwischen konnten. Wäre der Dieb aber über Zäune geklettert oder über eine Treppe verschwunden, wären die Polizisten im Nachteil gewesen.

Eine ältere Passantin, im Gedanken versunken, schüttelt leicht den Kopf und mustert mit kritischem Blick die Polizisten auf den fahrenden Segways. «Jetzt haben sie sich modernisiert, das ist schon recht», sagt sie. «Im Alter erschrickt man aber schon bei vorbeiflitzenden Velos. Diese neuen Dinger sind ja noch leiser. Jetzt kommt halt wieder eine Gefahr dazu.»

Doch für die Polizei haben die Segways einen grossen Vorteil: «Seit wir die Segways testen, werden wir von allen viel öfter angesprochen», sagt Mauro. Das ist das Hauptziel der Quartierpolizei. «Wir wollen Nähe schaffen zu den Einwohnern», sagt er. «Sie sollen wissen, dass wir für sie da sind und sie mit ihren Anliegen vor Ort direkt zu uns kommen können.» Regionen-Chef Niggli ergänzt: «Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Polizei seit der Fusion mit der Kapo gar nicht mehr in der Stadt ist», sagt Niggli. Das stimme aber nicht. Sie seien hier und würden es auch vermehrt zeigen, nach dem Motto «community policing» (dt. Bürgernahe Polizei).

Giaccari und Mauro machen Halt vor einem Café, wo zwei Frauen sie anstrahlen, als hätten sie irgendwelche Musikstars gesehen. Euphorisch wollen sie mit den beiden Polizisten ein Foto machen. Die Polizisten haben nichts dagegen und lachen in die Kamera. Derzeit sind sie noch eine Attraktion für sich.