Olten
Als Stadträtin verteilte Iris Schelbert aus Protest einst Willisauer Ringli

Iris Schelbert-Widmer, das erste Exekutivmitglied der Grünen in Olten, beendet nach drei Amtsperioden ihre Politlaufbahn.

Urs Huber
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Iris Schelbert, Stadträtin, Olten, an einem ihrer letzten Arbeitstage in ihrem Büro im Stadthaus Olten

Iris Schelbert, Stadträtin, Olten, an einem ihrer letzten Arbeitstage in ihrem Büro im Stadthaus Olten

Bruno Kissling

«Noch nicht», sagt sie auf die Frage nach Wehmut, die aufkommen könnte. Wehmut über eine politische Karriere, die Ende Juli ihr Ende findet. Wehmut ist wohl deshalb noch nicht aufgekommen, weil sich die Oltner Stadträtin sicher ist, ihr offizielles Politleben sei ein langes gewesen. Lang genug jedenfalls, um jetzt in die zweite, quasi informelle Reihe zurückzutreten.

Obwohl: Politmüde ist sie nicht. Sie könne sich sehr gut vorstellen, bei Gelegenheit mal als Zuhörerin einer Sitzung des Parlamentes beizuwohnen. Eine doch überraschende Bemerkung. 28 Jahre, knapp ihr halbes Leben, ist die 65-jährige Iris Schelbert-Widmer in offizieller Mission unterwegs gewesen. Sie war ab 1993 während 16 Jahren Mitglied des Oltner Gemeindeparlamentes, innert zweier Tranchen 12 Jahre Kantons- und zuletzt während 12 Jahren Stadträtin von Olten. Nun tritt sie von der Bühne, als erste Oltnerin der Grünen in der städtischen Exekutive.

«Na ja», sagt die Protagonistin heute über ihre Pionierrolle, «irgendwann musste jemand aus dem Kreis der Grünen den Anfang machen.» Und sie ist zufrieden, ja eigentlich mehr als zufrieden mit dem Ist-Zustand: «Wir haben den Sitz in der Oltner Exekutive verteidigen können; noch immer keine Selbstverständlichkeit», wie sie findet.

Die Stadtpolizei «preisgegeben»

Innert 12 Jahren passiert viel, Erfreuliches und weniger Erfreuliches. Dass in ihrer Amtszeit als Ressortverantwortliche die Stadtpolizei aus finanziellen Überlegungen «preisgegeben wurde», wie sie sagt, schmerzt noch heute. Kein Phantomschmerz übrigens. Ihre Schilderungen dazu wirken so, als wäre die Sache erst gestern über die Bühne gegangen. Dabei sind seither schon wieder mehr als sechs Jahre verstrichen.

Lebhaft in Erinnerung geblieben ist für Iris Schelbert-Widmer auch jener Moment der Fahnenabgabe in der Schützi. Auf jedem Sitzplatz lag für die Anwesenden ein Willisauer Ringli bereit. Das bekannte Hartgebäck blickte ebenso auf eine 165-jährige Geschichte zurück wie die aufzulösende Stadtpolizei. «An beidem, am Ringli wie an der Auflösung der Stadtpolizei, werden wir zu kauen haben», hatte die Stadträtin das Publikum damals wissen lassen.

Bruno Kissling

So etwas wie eine verklausulierte und halblaute Protestnote, aber dennoch leicht verständlich. «Sie war mir wichtig. Und wichtig war mir auch, dass die Mitglieder des Korps weiterhin eine beruflich befriedigende Zukunft vor Augen hatten», erinnert sich Iris Schelbert-Widmer. Und, ist das Vorhaben geglückt? «Eigentlich ja», gibt sie zu verstehen.

Teamwork – und weniger Sololäufe

Im Übrigen hält Iris Schelbert-Widmer nicht so wahnsinnig viel vom politischen Rückblick, der Bilanzierung ihrer Amtszeit als Stadträtin. Vieles sei Teamwork, da steche der Einzelne oder die Einzelne wenig heraus, räumt sie dazu ein. Und sie halte ein geeintes Auftreten der Exekutive nach aussen auch für bedeutsam. Andernfalls würde zu viel Reibungsfläche entstehen, würden sich zu viele Angriffspunkte ergeben, liesse sich Uneinigkeit von aussen instrumentalisieren.

Der Stadtrat habe die Gesamtinteressen der Kommune zu verfolgen. Oltens Credo dringt durch: Seid einig! «Nicht selten hatte ich meiner Partei zu erklären, weshalb ich einen stadträtlichen Entscheid mitzutragen hatte. Es gibt in der Regel keine aufgesetzte Parteimütze in der Exekutive.»

Auch dies habe sie die Partei wissen lassen. Und die habe auch verständnisvoll reagiert. In Extremsituationen sei manchmal auch ein Deal gemacht worden. «Ich nahm in keinem Komitee Einsitz, dafür war ich als Mitglied der Exekutive vom offiziellen Abstimmungskampf befreit.» Ihr sei dieser Handel entgegengekommen.

Iris Schelbert bei der Vorstellung der Oltner Neujahrsblätter 2021.
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Iris Schelbert mit dem Gesamt-Stadtrat an der Jahres-Medienkonferenz 2020.
2019: v.l. Thomas Marbet, Marion Rauber, Stadtpräsident Martin Wey, Iris Schelbert und Benvenuto Savoldelli.
Iris Schelbert spricht am Frauenstreik 2019 in Olten.
2018: Stadtpräsident Martin Wey, Vizepräsident Thomas Marbet, Iris Schelbert, Marion Rauber und Benvenuto Savoldelli
Iris Schelbert im Vorfeld der Stadtratswahlen 2017 im Oltner Café Ring.
... und bei einem Podium im Coq d'or zusammen mit Monique Rudolf von Rohr, Daniel Kissling und Marion Rauber.
Stadtrats-Jahresmedienkonferenz 2017: v.l. Peter Schafer, Thomas Marbet, Iris Schelbert, Martin Wey und Benvenuto Savoldelli
Iris Schelbert 2016 inmitten ihrer Stadtrat-Kollegen (v.l.) Benvenuto Savoldelli, Thomas Marbet, Martin Wey, Peter Schafer und Markus Dietler, Stadtschreiber
Sicherheitsdirektorin Schelbert ist im Dezember 2015 dabei, als die Stadtpolizei in symbolisch an die Kapo übergeben wird.
Stadtrat im 2011: v.l.: Peter Schafer, Iris Schelbert, Ernst Zingg (Stadtpräsident), Martin Wey, Markus Dietler (Stadtschreiber), Mario Clematide.

Iris Schelbert bei der Vorstellung der Oltner Neujahrsblätter 2021.

Bruno Kissling

Auf ein Tief folgt auch ein Hoch

Die Causa Stadtpolizei war womöglich ein Tiefpunkt in ihrer Laufbahn als Stadträtin, jene des neuen Schulhauses im Kleinholz dagegen ein Höhepunkt. «Ich bin sehr glücklich darüber, das Projekt ‹Neues Schulhaus im Kleinholz› von einer grossen Mehrheit an der Urne bestätigt bekommen zu haben», sagt die Stadträtin.

Dass dessen geplante Eröffnung 2024 nicht mehr in ihre Aktivzeit fällt, stört sie aber nicht. «Ja, unter solchen Prämissen könnte nie jemand zurücktreten, weil laufend Projekte zu Ende geführt werden müssen.» Und zudem: Es habe Olten vor der Ära Schelbert gegeben und es werde Olten auch nach der Ära Schelbert geben. Sie wisse das Vorhaben im Übrigen in guten Händen. «Ich bin da ganz beruhigt», nickt sie.

2013, zu Beginn ihrer zweiten Amtsperiode, trat sie als im ersten Wahlgang bestgewählte Stadträtin auch als Stadtpräsidiumskandidatin in den Ring. Dass sie gegen den Ende Juli ebenfalls ausscheidenden Stadtpräsidenten Martin Wey deutlich unterlag: keine Überraschung für die Grüne-Politikerin.

«Ich wollte nach meinem Wahlerfolg halt einfach keine Einerkandidatur ums Stadtpräsidium zulassen», erklärt sie heute. Und dabei gingen ihr auch die Augen auf. Martin Wey habe sich auf eine ganz andere Wählerbasis abstützen können. Dagegen sei die ihre eine sehr schmale gewesen.

Und was kommt jetzt, Frau Schelbert?

Tempi passati. Und jetzt? Nach fast drei Jahrzehnten politischen Engagements: Was kommt? «Ich glaube, am meisten werde ich die Zeit ohne Terminplan geniessen können», blickt die ausgebildete Heilpädagogin voraus. Gelegenheit, sich ihren beiden Enkeln vermehrt widmen zu können. «Und dann gibt’s in unserem Land eine Vielzahl an Museen, von denen ich bislang bloss hörte, aber die ich noch nie besucht habe. Das wird nachgeholt», sagt sie bestimmt.

Und da gibt’s bei der scheidenden Stadträtin offenbar auch die kleine Sehnsucht nach diesem nur schwer zu beschreibenden und gesellschaftlich eigentlich wenig akzeptierten Drang, «in den Tag hinein zu leben».

Dabei ist doch eben dies ziemlich menschennah. «Man macht nie nichts, auch nicht, wer auf dem Sofa sitzt und rein äusserlich nichts tut», sagt die Stadträtin, als die sie noch rund 14 Tage amtet, ebenso bestimmt. Womit wir wieder bei der Politik wären.

Denn Menschennähe ist in der Lebensphilosophie Schelberts ein wichtiges Etikett. «Ich glaube, die Leute auf der Strasse, jene im Parlament oder wo auch immer haben in all den Jahren gespürt, dass ich sie zum einen ernst nehme, zum andern ihr Wesen und ihr Tun anerkenne und ich authentisch aufgetreten bin.»

Noch hängt die Kunst an der Wand

Ihr Büro im Stadthaus ist im Wesentlichen geräumt. Kunst hängt noch an der Wand, damit «dies alles nicht so nüchtern aussieht», wie Iris Schelbert meint. Und da fällt ihr ein, dass auch zu Hause ein Büro wartet, welches einer Räumung harrt. Zumindest aber eines Aufräumens.

Was bleiben wird? «Von mir als Politikerin?», fragt sie zurück. Ja. Sie lacht auf. «Vielleicht das Parkleitsystem oder aber die Regelung in Olten, dass Radfahrende an bestimmten Orten auch gegen die ordnungsgemässe Fahrtrichtung zirkulieren können.» Vielleicht? Stimmt. Nichts ist wirklich in Stein gemeisselt.