Olten
Sie alle gaben mit ihren Maturaarbeiten virtuose Ein- und Ausblicke

Zehn Maturaarbeiten aus der Schülerschaft der Kantonsschule Olten wurden dieses Jahr prämiert.

Urs Huber
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Die Ausgezeichneten: (vl.) Anna Alexay, Noah Casot, Micha Schmid, Adis Ibrahimovic, Jessica Marti, Ayesha Gerber (hinten), Maria Nguyen (vorne), Deniz Kadioglu, Ida Krinn und Aline Temperli.

Die Ausgezeichneten: (vl.) Anna Alexay, Noah Casot, Micha Schmid, Adis Ibrahimovic, Jessica Marti, Ayesha Gerber (hinten), Maria Nguyen (vorne), Deniz Kadioglu, Ida Krinn und Aline Temperli.

zvg

Die Kantonsschule Olten kann die besten Maturaarbeiten jeweils einer Jury unterbreiten. Christoph Rast (pensionierter Leiter der Stadtbibliothek Olten), Marc Hofer (Stadtarchivar Olten), Christof Schelbert (pensionierter Institutsleiter FHNW Gestaltung und Kunst), Monique Rudolf von Rohr (Berufsschulfachlehrerin BBZ Olten), Denis Vallan (Biologe) und Corinne Saner (Juristin) prüfen und verleihen die Preise. Hier die Ausgezeichneten und Auszüge aus den Beurteilungen.

Anna Alexay Olten: «5 Variationen von Bach bis Einaudi»

Corinne Saner zur Arbeit: «Was lässt Bach nach Bach klingen? Woran erkennen wir, dass ein Musikstück von Mozart ist? Die Maturandin Anna Alexay hat es nicht bei der theoretischen Beantwortung dieser Fragen bewenden lassen. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist ein Thema in A-Dur, das auf eine musikalische Zeitreise geschickt und im Kompositionsstil von Bach, Mozart, Beethoven, Chopin und Einaudi erklingt.

Was Anna Alexay als Klavierstück einspielt, ist eine hervorragende musikalische Visitenkarte sowohl des jeweils als Inspiration dienenden Komponisten, als auch der Maturandin selber. Anna Alexay hat mit ihrer Arbeit nicht nur ein sehr gefälliges Musikstück als Tour d’ Horizon durch die Stile verschiedener Komponisten geschaffen.

Sie umschreibt im theoretischen Teil präzise und klar strukturiert, Takt für Takt den Werdegang ihrer Komposition und offenbart dabei musiktheoretische Kenntnisse, die weit über Maturitätsniveau liegen. Wie sie diese Fülle an Wissen am Klavier zu Musik umsetzt, hinterlässt begeisterte Zuhörer.»

Noah Casot, Egerkingen: «Entwicklung des Bezirks Gäu»

Christoph Rast zur Arbeit: «Das Gäu ist uns heute bekannt als ein Mix von ausufernden Dörfern, Logistik-Terminals, Autobahnsträngen, Lagerhallen und Einkaufstempeln. Diese ehemalige Agrarlandschaft und Kornkammer, aus welcher in kürzester Zeit eine zersiedelte Landschaft wurde, hat Noah Casot unter die Lupe genommen, das war keine einfache Aufgabe.

Als Egerkinger lebt er mitten in dieser rasenden Welt, welche auf dem Autobahnkreuz täglich von 110'000 Fahrzeugen durchfahren wird. Der Maturand hat sich gefragt, wie sich diese Entwicklung auf die Landschaft auswirkt. Seine Analysen basieren auf Literaturrecherchen, Interviews und auf einer quantitativen Umfrage. Diese spannende Arbeit ist Casot professionell angegangen.

Er hat als Einheimischer das Chaotische im Gäu gebündelt, beschrieben und analysiert. Zum Schluss der Untersuchungen riskiert Noah Casot einen Blick in die Zukunft und skizziert Lösungsansätze. Mit dieser Arbeit haben wir eine solide Darstellung der Gäuer Entwicklung seit den Sechzigerjahren bis zum Ausbau der Autobahn auf sechs Spuren und Cargo Souterrain.»

Ayesha Gerber, Gretzenbach. «Wie entscheidest du dich? Ein interaktiver Film»

Christof Schelbert zur Arbeit: «Ayesha Gerber setzte sich zum Ziel, einen Spielfilm zu realisieren, in dem die Zuschauerinnen und Zuschauer die zu erzählenden Geschichte und damit den Verlauf des Films beeinflussen können. Dieses Vorhaben, als Maturarbeit einen interaktiven Spielfilm zu realisieren war sehr ambitioniert und durch die Corona-Krise mit ihren Einschränkungen wurde die Aufgabe noch anspruchsvoller.

Ayesha Gerber hat all diese Herausforderungen, von der Ausarbeitung der Geschichte und des Drehbuchs mit den verschiedenen Erzählsträngen, über das Casting der Schauspielerinnen und Schauspieler, der Festlegung der Spielorte, dem Engagieren einer Crew, der Regiearbeit, der aufwändigen Aufnahmeleitung bis hin zum Schnitt und Vertonung des Films ausgezeichnet gemeistert.

Auch die Lösungen für die interaktive Steuerung des Films funktioniert und bietet für die Zuschauenden das gewünschte Filmerlebnis. Das beeindruckende Resultat vermag von den technischen Lösungen und der filmischen Umsetzung her zu überzeugen und verdient damit eine Auszeichnung.»

Adis Ibrahimovic, Trimbach: «Das späte Erbe von Dayton – Bosniaken, Kroaten und Serben auf engstem Raum»

Marc Hofer zur Arbeit: «Der Brcko-Distrikt ist ein kurioses Resultat des Dayton-Abkommens, mit dem 1995 der Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina beendet wurde. Seither ist Bosnien-Herzegowina ein Bundesstaat, der aus der Serbischen Republik und der Föderation Bosnien und Herzegowina besteht, die ihrerseits in einen kroatischen und einen bosniakischen Teil aufgeteilt wurde.

Nur der Brcko-Distrikt blieb übrig, weil sich die Konfliktparteien nicht einigen konnten, welcher Volksgruppe er zugeschlagen werden sollte. Der Autor hat diesen direkt der Zentralverwaltung unterstehenden Bezirk untersucht und dazu Interviews mit einem dort ansässigen Studenten und mit dem für Brcko zuständigen, durch die Vereinten Nationen eingesetzten Supervisor geführt.

Er zeigt auf, wie der Brcko-Distrikt zu einem Labor für das friedliche Zusammenleben der einst verfeindeten Volksgruppen werden konnte.»

Deniz Kadioglu, Olten: «Sichelzellenanämie und Hirnschlag»

Denis Vallan zur Arbeit: «Sichelzellenanämie ist eine genetisch bedingte, vor allem in den Tropen verbreitete Krankheit, welche sich in deformierten roten Blutkörper manifestiert. In Zentraleuropa ist sie seltener, kommt aber auch vor. Eine Folge der Krankheit ist eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einen Hirnschlag zu erleiden.

In seiner Maturarbeit geht den Fragen nach, ob die Wahrscheinlichkeit eines Hirnschlages von Geschlecht und Alter abhängt und ob ein Prüfen aller Neugeborenen auf Sichelzellanämie die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Hirnschlages beeinflusst. Seit 2006 werden in Grossbritannien alle Neugeborenen auf Sichelzellenanämie geprüft.

Deniz Kadioglu konnte durch geschicktes Vorgehen auf diese Daten zugreifen und seine Fragestellungen dadurch angehen. Um sich das nötige Wissen anzueignen hat er die entsprechenden Experten angefragt und Unterstützung erhalten. Die Daten wurden sorgfältig statistisch ausgewertet und anschliessend gut interpretiert. Die Arbeit ist aufgrund der spannenden Fragestellung, dem strukturierten Vorgehen und der sorgfältigen Auswertung prämiert worden.»

Ida Krinn, Hägendorf: «Konzert der Kavaliere»

Denis Vallan zur Arbeit: «Um den Transportweg für die Lagerung des anfallenden Aushubes bei der Sanierung des Belchentunnels möglichst kurz zu halten, wurde entschieden, diesen in der Tongrube Fasiswald in Hägendorf zu deponieren. In der Grube lebte aber eine der grössten schweizerischen Populationen der stark gefährdeten Geburtshelferkröten.

Die Tiere wurden in die rund 350 m entfernten Ersatzstandorte umgesiedelt. Nach dem Abschluss der Bohrung wurde die Tongrube renaturiert. Ida Krinn hat in ihrer Maturarbeit die natürliche Rückkehr der Geburtshelferkröten in die Tongrube Fasiswald untersucht. Sie hat ein für den Naturschutz wichtiges Thema gewählt. Ihre Arbeit ist sehr strukturiert und die relevante Fragestellung wurde gut herausgearbeitet. Sie hat die relevanten Experten kontaktiert, die Feldarbeit und die Auswertung mit grosser Sorgfalt durchgeführt und sich gut in die aufwändigen Methoden eingearbeitet. Aus den Resultaten hat sie die richtigen Schlüsse gezogen. Eine hervorragende Arbeit.»

Jessica Marti, Hägendorf: «NI UNA MENOS - Der Kampf der Frauen in Argentinien»

Marc Hofer zur Arbeit: «Die brutale Ermordung der 14-jährigen Chiara Paéz durch ihren ehemaligen Freund war der Auslöser für die Entstehung der Bewegung NI UNA MENOS («nicht eine weniger»). Am 3. Juni 2015 fand unter diesem Slogan in Buenos Aires eine Grossdemonstration gegen Femizide («Frauenmorde») statt.

Die Autorin hat mit mehreren Aktivistinnen dieser Bewegung Interviews geführt und kann so aufzeigen, wie die argentinischen Frauen sich Gehör verschafften und wie sich die Gesellschaft seither verändert hat. Sie hat auch die Statistik der Femizide ausgewertet und geht der Frage nach, welchen Einfluss die Bewegung NI UNA MENOS auf die an Frauen verübten Verbrechen hat.

Dass seit 2015 die Zahl der statistisch erfassten Femizide zugenommen hat, könnte damit zusammenhängen, dass Männer mit vermehrter Gewalt auf die Bewegung der Frauen reagieren. Ob dieser Zusammenhang besteht oder ob die Zunahme darauf zurückzuführen ist, dass Femizide heute stärker beachtet werden, bedürfte weiterer Abklärungen.»

Maria Nguyen, Wangen bei Olten: «Hinter der Maske – eine künstlerische Interpretation der Generation Z aus Sicht einer Kunstfigur»

Christoph Schelbert zur Arbeit: «Maria Nguyen setzt sich in ihrer Maturarbeit mit künstlerisch-gestalterischen Mitteln mit ihrer Generation, der Generation Z, auseinander. Als Resultat ihrer künstlerisch forschenden Arbeitsweise entstanden eine Vielzahl zwei- und dreidimensionaler gestalterischer Arbeiten, welche in einer raumgreifenden Installation als «Atelier der Kunstfigur» zusammengefasst und präsentiert wurden.

Die im Verlaufe der Arbeit entstanden Werke werden in diesem durchgestalteten Raum zu Erzeugnissen dieser Kunstfigur, welche die Generation Z verkörpert und diese visuell darzustellen versucht. Die Arbeit zeugt von einer eigenständigen, intensiven Auseinandersetzung, von einer ausserordentlichen forschend-suchenden Haltung, von Experimentierfreudigkeit und intelligenter Umsetzung.

Die breite Recherche, die vielseitigen gestalterischen Ansätze und der spannende Entwicklungsprozess widerspiegeln sich im eigenwilligen, überzeugenden und auszeichnungswürdigen Produkt, das zur Weiterentwicklung und Weiterverfolgung einlädt.»

Micha Schmid, Wangen bei Olten: «Erbauen eines Rechners in Minecraft»

Monique Rudolf von Rohr zur Arbeit: «Rechenoperationen dreidimensional im Computer, präziser gesagt, in einem Computerspiel dargestellt, sind eindrücklich – einen solchen Rechner nachzubauen, dies das Vorhaben der Maturarbeit von Micha Schmid: "Erbauen eines Rechners in Minecraft".

Die Idee, einen 14-Bit Rechner in Minecraft zu bauen, der die vier Grundoperationen in den natürlichen Zahlen durchführen kann, erfordert einiges an Vorwissen in Elektrotechnik und ein ausgeprägtes Gefühl für Zahlen und mathematische Operationen. Präzise Fachsprache ist unabdingbar. Unter Verwendung von einem Minecraft – Element, eine Diode ist bereits Teil des Spiels, gelingt es, die einzelnen Rechenoperationen mit Hilfe der notwendigen Bauelement umzusetzen in ablesbare Resultate. Für den korrekten Einsatz jedes dieser einzelnen Elemente braucht es ein genaues Verständnis der Funktionsweise. Dass der erbaute Rechner funktioniert, ist eine Leistung, hinter der ganz ausserordentliche Denkarbeit steckt.»

Aline Temperli, Olten: «Heimat, eine musikalische Annäherung»

Corinne Saner zur Arbeit:«Ein Konzert für einen 25-köpfigen Chor zum Thema Heimat hätte es werden sollen. Mit Eigenkompositionen und neu arrangiertem bestehenden Liedgut. Die Coronamassnahmen machten mit Sing- und Veranstaltungsverbot einen dicken Strich durch das Projekt.

Dass Aline Temperli angesichts dieses Debakels nicht einfach aufgab, ist eine grosse Stärke ihrer Arbeit. Da gemeinsames Musizieren verboten wurde, schrieb sie Stücke um und nahm sie schlussendlich ganz allein, Stimme für Stimme samt Begleitung auf.

Die Arbeit begeistert durch die grosse Bandbreite handwerklichen Könnens: Eigenkompositionen, Arrangements, tontechnische Notlösungen, Instrumentalbegleitung und vierstimmiger Gesang – alles allein und selber gemacht. «Musik, die nicht mit anderen geteilt werden kann, erfüllt ihren Zweck nicht», schreibt Aline Temperli am Schluss ihrer Arbeit.

Dass sie flexibel nach immer wieder neuen Wegen gesucht hat, ihre Musik mit anderen teilen zu können, macht sie zu einer mehr als verdienten Preisempfängerin.»

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