Olten
Rhaban Straumann macht auf Johann Sebastian Bach: «Ich bin seit 272 Jahren tot; da bleibt viel Zeit zum Nachdenken»

Beim Orgelkonzert in der Oltner St.-Martinskirche wird Johann Sebastian Bach vom Oltner Rhaban Straumann eigenwillig zum Leben erweckt. Ein Erlebnis fürs Auge und fürs Ohr.

Denise Donatsch
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Johann Sebastian Bach, vom Oltner Rhaban Straumann eigenwillig zum Leben erweckt.

Johann Sebastian Bach, vom Oltner Rhaban Straumann eigenwillig zum Leben erweckt.

Denise Donatsch

Die drei katholischen Kirchen St. Martin, St. Marien (beide Olten) und St. Mauritius (Trimbach) haben sich 2017 etwas ganz Besonderes vorgenommen: die Aufführung von Johann Sebastian Bachs gesamtem Orgelwerk. Im Rahmen dieses Projekts, das sich über mehrere Jahre erstrecken wird, wurde am Sonntag in der Kirche St. Martin das Programm «Recreation – Bitte!» gezeigt. An den Mathis-Orgeln spielten der Oltner Hansruedi von Arx und die Oltnerin Renata Derendinger.

Aber nicht nur die Ohren der Anwesenden kamen auf ihre Kosten, auch optisch bot das musikalische Spektakel diverse Leckerbissen. Denn Schauspieler Rhaban Straumann verkörperte definitiv keinen 08/15-Bach. Er erweckte den virtuosen Komponisten in ganz eigener Manier zum Leben: direkt, kritisch und mit einem Schuss zynischem Humor.

Mitten in der Kirche, an einem kleinen geschmackvollen Rednerpult aus Holz, referierte Straumann als Bach – mit Dreitagebart, weisser Perücke und Schreibfeder. Die Texte verfasste der Oltner mit Wohnsitz in Leipzig – einst auch Heimat und Arbeitsort Bachs – selbst.

Bach wollte dem Publikum etwas zumuten

«Ich bin seit 272 Jahren tot; da bleibt viel Zeit zum Nachdenken, in sich kehren, recreieren», rezitierte Straumann Bach. Der von 1685 bis 1750 lebende Komponist schrieb seine Musik zum Zwecke der Recreation, also zur Erholung des Gemüts, und forderte, dass es ohne Kultur keinen Seelenfrieden gebe. Zeit seines Lebens komponierte er über 1100 Werke, weshalb man sich wundern könnte, wann er wohl noch Platz für Pausen und Erholung fand. Ein barockes Genie und noch dazu ein ziemlich rebellisches.

Bach verfocht die Meinung, dem Publikum etwas zumuten zu können, es herausfordern zu dürfen – ja sogar zu müssen. Alles andere hatte für ihn mit Kunst wenig zu tun. Dennoch war er auch immer wieder gezwungen, der Obrigkeit Honig um den Mund zu schmieren, um seine Arbeitsstelle nicht zu verlieren, was von Straumann herrlich ironisch mokiert wurde.

Zwar las er in ernstem Tonfall sein wohlformuliertes Bewerbungsschreiben vor, nur um im Anschluss zu bemerken, dass vermutlich niemand im «tugendbegabten» Publikum auch nur ein Wort verstanden habe.

Heitere Stimmung in der Kirche

Doch nicht nur berühmte Kompositionen gehören zu Bachs Errungenschaften, welche bis heute Anklang finden. «Das wohltemperierte Klavier zählt zu meinen bekanntesten Werken», erzählte Straumann als Bach und schlug in seiner Rolle eine Brücke in die Gegenwart, in welcher man den Ausdruck «wohltemperiert» anders versteht. «Dass dieser Begriff heute mit Bier und nicht mit Klavier in Verbindung gebracht wird, lässt mich fragen: Was ist los mit euch?»

Rhaban Straumann alias Johann Sebastian Bach umrahmt von den beiden Orgenspieler Renata Derendinger (links) und Hansruedi von Arx.

Rhaban Straumann alias Johann Sebastian Bach umrahmt von den beiden Orgenspieler Renata Derendinger (links) und Hansruedi von Arx.

Denise Donatsch

Die Stimmung in der Kirche war ausgesprochen heiter. Dies war nicht nur dem gut gelaunten Publikum zu verdanken, sondern auch der frühlingshaften Abendsonne, welche durch die grossen Fenster schien. Von den beiden Orgeln her erklangen zarte Choräle, begleitet von Worten Straumanns als Bach, nur um dann wieder dynamischeren Klängen Platz zu machen, wie beispielsweise bei der «Fantasie in G-Dur».

Dabei wechselten sich Derendinger und von Arx mit dem Orgelspiel entweder ab oder gaben ein Duett zum Besten – ein Klangerlebnis, das durch Mark und Bein ging.