Olten
«Männer und ihre Gurken, eine Geschichte für die Ewigkeit»: Die Turmrede von Lisa Christ im Video und Wortlaut

Am Samstagnachmittag gab es in Olten zwar keine 1.-Mai-Manifestation, dafür hielt Bühnenpoetin, Satirikerin, Moderatorin und Autorin Lisa Christ auf Einladung der in diesem Jahr abgesagten Oltner Kabarett-Tage die Turmrede. Bei strömendem Regen sprach sie zum Thema Frau, Gender und Feminismus. Die Rede im Wortlaut.

Patrick Lüthy
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Turmrede von Lisa Christ am 1. Mai 2021 auf dem Ildefonsplatz in Olten.

Patrick Luethy

Das 1. Mai-Fest in Olten musste infolge Corona abgesagt werden. Das Leitungsteam der Oltner-Kabarett-Tage setzte die Turmrede – nach Absage der 34. Oltner Kabarett-Tage – jedoch just am Tag der Arbeit auf ihr Programm und lud die Bevölkerung auf den Ildefonsplatz ein. So begaben sich gegen 15 Uhr – bei Kälte und Regen – nicht nur Kabarett-Fans zum Oltner Stadtturm, vereinzelt waren auch Regenschirme mit einem SP-Logo zu sehen. Als Turmrednerin wurde die Bühnenpoetin, Satirikerin, Moderatorin und Autorin Lisa Christ engagiert.

Anspielend auf das Fokusthema Frauen der abgesagten Oltner Kabarett-Tage, sagte Christ, dass dieses Jahr «kein Gross-Kabarettist, kein Autor und auch sonst kein Mann von Welt, sondern eine Frau diese Rede halte, und erst noch eine ohne künstliche Hüftgelenke!». Das Thema Frau, Gender und Feminismus spannte die Slam-Poetin in ihrer 17-minütigen Rede weiter, indem sie betonte, dass das «Oltner Gürkli schon mal an 26 Preisträger und erst an sechs Preisträgerinnen vergeben wurde. Männer und ihre Gurken, eine Geschichte für die Ewigkeit.»

Die Zuhörerinnen und Zuhörer der Turmrede von Lisa Christ.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer der Turmrede von Lisa Christ.

Patrick Lüthy

Die Turmrede von Lisa Christ im Wortlaut

Hallo zäme

Schön, dass so vöu vo euch der Wäg dohäre gfunde hei – trotz Corona, trotz Wätter und obwohl das Johr net öpe e gestandene Grosskabarettischt, ke Autor und au sösch ke Ma vo Wält, sondern e Frau die Red haltet. Und denn ersch no eini, wo no kei künschtlechi Hüftglänk het.

Haaach. D’Turmred vode Oltner Kabarett-Täg. Und eg darf si halte. Schono geil. Das Festival get’s scho länger, as eg uf der Wäut be. Dass i säuber mou chönt Teil dervo si, eschmer ehrlechgseit bes vor es paar Johr gar nie i Senn cho. Velech, weu set minere Geburt 1991 bes zum Start vo minere Bühnekarriere 2007 kes einzigs mou e Frou das Gürkli gwonne het. Aber velech lit’s au dra, dassi während dene Johr nie schwanger gsi be und d’Aziehigschraft vo Essiggürkli drom relativ überschaubar blebe esch.

Apropos Gürkli: Das Johr esch’s gschichtsträchtige, giftgrüene Cornichon zum 30. Mou vergä worde. Ane Ma – vomene Ma. Derbi hets 1988 so guet agfange. S’erschte Essiggürkli öberhaupt het nämli e Frau gwonne: D’Elsie Attenofer, eres Zeiche di einzig Frau ider Formation «Cabaret Cornichon». Insgesamt het’s Oltner Gürkli set denn der Wäg zu 26 Pristräger und 6 Pristrägerinne gfunde. Manne und eri Gurke – e Gschicht förd Ewigkeit.

Und wennmer scho derbi si, muessi natürli aspräche, dass s’Kernleitigsteam vode Oltner Kabarett-Täg us 8 Manne und 1 Frau bestot. Selbscht förnes Festival metemne Essiggürkli als Emblem stosst das es betzeli suur uf. Natürli esches emmer e uhuere heikli Sach, die Lüt z’kritisiere, wo eim guet gstimmt si. Undankbar eschme denn, e blödi Schnäpfe etc. pp. Aber e cha euch beruhige: E cha gar net Männerfeindlech si. E be sogar metemne Ma inere Beziehig und es paar vo mine beschte Fründinne si Manne.

Usserdem get’s au Lob usz’spräche: Se si nämli es riesigs Risiko igange, die Verastaltende vode Kabarett-Täg. Öper so Unerfahrnigs, Jungs und – e zititere jede Artikel wo jemals ider Press öber me erschine esch ­– «frächs» iz’lade! Chapeau! Das getraue sech net aui. Jo und grad i Zite wie höt, wo überall d’Cancel Culture um sech schlot und me grad als wisse, alte Man eifach nüt, eifach gar nüt, eifach absolut überhaupt nüt me darf säge, niene me! Aso wörkli GAR NÜT DAFME ME SÄGE! Aso, das säg net eg, das säge die, wo nüt me dörfe säge. Aso ebe: Grad i somene Klima e Feministin ufne Kanzle iz’lade und ere e Carte Blanche z’gä – das esch jo quasi en Iladig! Abkanzle uf der Cancel-Kanzle! Aber e zensiere natürli niemer, ke Angscht. Vom er us chöi aui säge, was si wei. E muess jo net aune zuelose.

Aber ebe: Es brucht Eier ide Hose zum öper ilade, wo die eigene Eier no ide Stöck treit. Schliesslech esch Frou si uf der Büni au 2021 emmerno met vellne Hindernis verbunde: Je nach dem i welem Winkel und i welere Höchi s’Pult ufbaut esch, chöme eim nämli d’Brüscht i Wäg. Be mer esch das Risiko gottseidank relativ chli. Aber trotzdem wetti mi a dere Stell för d’Iladig bedanke, das esch net sälbschtverständlech und do sett me au dankbar si – grad als Frau.

Weu, mer dörfe jo noni so lang. Das Johr esch nämli ersch 50 Johr Frauestimm- und Wahlrechts-Jubiläum. Das heiter jo secher aui scho gmerkt, oder? Es get jo kes Dra-Verbi-Cho, a dem Jubiläum! Öberau redet me drüber. Aui schöttle Händ und tippe Elleböge und tüe so, wie wenn das eifach emmer scho so gsi wär und aui scho emmer absolut on Board gsi wäre met dere Glichberächtigung! Derbi hei üsi Müetere und Grossmüetere üsi Vättere und Grosvättere lang und müesam dervo müesse öberzüge, dass Froue net nome gäbigi Gebärmaschine und Putzchräft si, sondern au Grundrecht verdient hei. Jo und was hemmer jetzt dervo? 50 Johr spöter sisi plötzlech öberau, die cheibe Wiiber! I jedere Talkshow, i jedem Medium und a jedere Online Verastaltig hets Froue. Froue wo rede, Froue wo Platz inäme, luschtig, gschid, wortgwandt, total dernäbe, dumm und pinlech si. So wie halt sösch d’Manne emmer.

Eigentli komisch: Wi usem Nüt hets plötzlech öberall Froue! Do frogt me sech scho: Wohär chöme die jetzt aui? Es schint fasch, as heibs die scho emmer ergendwo gä. Als hätesi nome druf gwartet, iglade z’wärde. Derbi esches doch emmer so schwerig, zum Fraue fende. «Die wei net, die chöi net, die si schwanger – am Essiggürkli ässe! Weisch, deheim am stöue. Neei, die muess grad wickle. Usserdem: Kennsch de Markus scho? Dä esch aso super!»

Apropos Markus. Im Johr, wo d’Schwiz eres Frauestimmrächts-Jubiläum fiiret, wird i üsem Nochbersland velecht e Ma nöchschti Bundeskanzlerin. En absurdi Vorstellig. Wie wörd me däm äch säge? Bundeskanzlerin-er? Ei Schritt före, zwe Schritt zrug? Fortschritt oder Rückschritt? Hauptsach es got um e Schritt! Weu was im Schritt passiert esch Usschlaggäbend. Aso wenns usschlot. Jo, öb öper e Penis het oder net, entscheidet i erstunlech vöune Fäll emmerno öber d’Möglechkeite. Eg wär zum Bispel das Johr met Penis äuä net iglade worde förd Turm-Red. Derför wäre mini Chance i jedem andere Johr gstige. E Penis esch nämli – au wenns die meischte net direkt met em Penis mache – e Türöffner.

Aber me muess scho ou säge: Ide leschte Johr hetsech, was Toleranz und Anti-Diskriminierig agot, vöu veränderet. Sogar üsi Exekutive het das mittlerwile verinnerlicht: Selbscht be usser-cherchleche Schwurbler got me hötzutags met Samthändschli as Werk. A sogenannte «Corona-Demos» eschme wahnsinnig umsechtig, was d’Wahrig voder Meinigsfreiheit agot.

Natürlech gsehts es betzeli andersch us, wenns um Sache got, wo net der Meinig vom gemeine Volk entspräche: Feministischi Kampftäg zum Bispel. Das tönt jo scho so aggressiv. Rechtig unwiblech. «Kampftag». Met dene got d’Polizei denn aso au net zimperlich um. Es esch jo ou gföhrlech a sonere feministische Demo! Die cheibe Feminazis löisech ebe gar ned so liecht als Radikali lo identifiziere! Mängisch gsäi si us wie ganz normali Fraue, sogar met Chinderwäge! Vorsicht esch abrocht! Usserdem, nur fair esch fair: Die meischte Polizischte säge vo sech, se wörde privat kei Froue schlo, aber wenn die Feministinne uf das bestöi, tüege si si halt glich behandle, wie aui andere lengge Sauhünd.

Apropos Sauhünd: Wennmer im vergangene Johr öpis glehrt hei, denn Händ richtig wäsche. Abstand bhalte. I Ellboge Niesse. D’Pandemie esch emmer no im Gang und d’Folge überall spürbar. Ou Olte het’s schwär troffe. S’Coq d’Or, e unersetzbari Quelle vo Kultur und Kater, het sini Türe för emmer müesse schliesse. D’Nochbere freuts, se chöi jetzt näb de Bahngleis endlech weder ruhig schlofe.

E bsonders schlemmi Näbewörkig vo zuenige Restaurants und Bars esch – näbem Verluscht vo Läbensfreud, Gmeinschaftssinn und guetem Ässe– der Wegfall vo unzählige Stammtisch. Dä macht sech vor allem im Internet bemerkbar: Chum e Wortmäudig oder e Post, wo net metem virtuelle Äquivalent zu klassische Stammtisch-Parole kommentiert wird. Der Umgangston im World Wide Web esch ruucher worde, d’Belästigung het zuegno, der Hass wachst. Gfühlt pisse sech aui nome no gägesitig a Scheiche, sachlechi Diskussione si zunere absolute Rarität worde. Im Hebeleck uf die Entwecklig müesse mer üs als Gsellschaft igesto, wie sehr d’Care-Arbet grad au ider Gastronomie unterschätzt worde esch. D’Azahl vo sexistische Sprüch, rassistische Parole und schlächte Wetz wo s’Servicepersonal tagtäglech abgfange und dermet schlemmeri Eskalatione verhenderet het, esch enorm. Und das alles stets metemne Lächle uf de Lippe und der Bereitschaft, de Aggressore jederzit no es Bierli z’bringe.

Und natürlech schaffe au i dem Berich überproportional oft Fraue zu schreckliche Konditione: Dumping-Löhn, churzfreschtigi Arbetsplän und e schlächti Vereinbarkeit metem Privatläbe all inclusive.

Velech wärs en Idee, s’Gastro-Personal zu Demonstrations-Betreuer*inne umz’schuele. Dört chöntesi allne Mensche, unabhängig voder politische Gsinnig, Bier usschänke und usfällig werdendi Gäscht höflech z’rächtwiise. Der einzig Untersched wär, dass si zuder Sperrstund d’Lüt net müesste use-, sondern inestelle.

Ou inestelle tuet s’SRF neuerding öpis: Nämlech der Doppelpunkt. Met däm werd in Zuekunft bem Service Public genderet. D’Akündigung uf Social Media het durs Band für Irritation gsorgt. So werd ide Kommentär vor allem vo männlecher Site emmer weder betont, wie sehr gendere der Läsefluss behenderi. Aso e gseh do d’Behenderig ganz amne andere Ort. Ehrlech: Wäm der Doppelpunkt bem Läsefluss im Wäg stot, söt richtig lehre läse! Schliesslech taucht das entsetzlech neue und fremde Satzzeiche au jetzt scho ab und zue uf und sogar ider Mathemathik chunts zitewiis vor. Aber mer wei de Gägner*inne net unrächt tue (so wörd mes öbrigens usspräche: Gägner*inne). Nei, me macht sechs z’eifach, wennme seit: Aui wo dä Doppelpunkt net chöi verwände, si dumm. Nenei, es get au wörkli intelligenti Mensche wosech dergäge usspräche. Grad im Feuilleton findet sech e grossi Anti-Fraktion. Aber au do chani d’Empörig wörklech net versto: Genau die Lüt, wo i erne Artikel met Fremdwörter und verschlungene Wendige voder dütsche Sproch nur so um sech schlöi und i jedem zwöite Satz e Aspilig ufne ergendwenn im 17. Johrhundert gössereti Gsellschaftstheorie mache, sette doch um jedes Stilmittel froh si, wo ere Text nochli kompliziert macht! E meine: Wenn öper uf dere Wält net wet verstande wärde, denn Feuilletonist*innen.

Verständnis förenand esch sowieso es seltens Phänomen worde ider hötige Zit. Kes Wunder. Früener si Fraue nämlech voder Venus cho und Manne vom Mars, meh als zwei Gschlächter hets damals noni gä. Derför Übersetzigsbüecher mitem Titel «Frau-Deutsch / Deutsch-Frau», wo drin gstande esch, dass «Nei» eigentli «Jo» heisst und «Jo» «Nei». Nach derewäg stumpfsinniger Verklärig esches kes Wunder, dassmer höt müesse Basics feschtlegge wie «Nei» heisst «Nei». E meine was zum Tüfel sölls denn sösch heisse?! Wennmer uf dem Level müesse öber Sproch diskutiere verstoni scho, dass e Doppelpunkt die puri Öberforderig darstellt. Kes Wunder rede d’Lüt nach Ewigkeite vo kommunikativer Verchrüppelig pauselos anand verbi.

Erschwärend derzue chunt die hötigi Unfähigkeit, länger als 15 Sekunde beder Sach z’blibe. Dank de Soziale Medie wird üsi Ufmerksamkeitsspanni emmer grenger, üsi Reiz wärde ständig befridigt, schnälli Videos, vöu Schnitt, möglechscht zmitz im Satz afo, so dass s’Herni permanent s’Gfühl het, öpis z’verpasse.

Es Wunder eigentli, dass der emmerno zueloset. Wer d’Wahl het zwösche ewig lange, müesame Diskussione met hundertundeim Standpunkt und luschtige Igel-Videos, wählt zemli oft d’Igel. Verständlecherwis, Igel si sehr, sehr toll. Wörkli, Igel-Videos chani nur empfäle.

Ironischerwis esches aber metem Feminismus wie metem Putze: Me muesses emmer weder mache. Me muess es emmer weder säge und emmer weder druf besto: Druf, dass aui mithelfe. Glichstellig und Glichberechtigung brucht meh als nume Fraue, wo derför kämpfe. Mer müesse alli am gliche Strick zie. Manne, Fraue, Non binäri Mensche, trans Persone, alli Hutfarbe und Körperforme. Und am gliche Strick zie heisst au: Umdänke, üebe, Trainiere. Sech säuber und aui um eim ume. Immer und immer wieder. Weu: Nur weume der Sach net im Wäg stot, eschme no lang ke Vebündete. Wer deheim sini Frau net schlot, esch net automatisch Feminist. Mer wösse aui, üebe esch asträngend und Fähler mache nervig. Aber mer mache aui Fähler und im Optimalfall lehre mer drus.

Erenneret der euch no a die Zit vor öpemne Johr, wo die ganzi Sach met der Pandemie agfange het? Die erschte paar Woche Lockdown, wo die ganzi Welt plötzlech ruhig worde esch? Wo Bilder vo Delphin ide Kanäl vo Venedig im Internet kursiert si, d’Luftverschmutzig es All-Time-Low erreicht het und d’Natur e tüüfe Atemzug gno het? A dä Moment, womer aui realisiert hei: Wenn mer wörkli wei, und aui zäme a eim Ziel schaffe, denn gots. Denn chömmers. Klimakrise, Ungerechtigkeite, e neui Weltordnig – schaffemer.

E schöne Momänt esch das gsi.

Eine, wo aprubt verschwunde esch, wo d’Schwizer Nationalmannschaft «Imagine» gsunge het.

Nur mängisch, wennme sech – fürne chline Augeblick – us allem cha usenä – uf der Veranda, em Balkon oder je nach Budget au ufem WC – metemne erfröschende Essiggürkli ider Hand – schafftmes, sech a das Gfühl z’erennere. S’Gfühl voder Verbundeheit, der Glaube as Guete im Mönsch. Und wer weiss. Velech längt das jo.