Olten
Ein Formwandler sondergleichen: Joachim Rittmeyer tritt erstmals nach dem Kulturlockdown wieder auf

Für sein Programm «Neue Geheimnische» bringt Joachim Rittmeyer einen speziellen Gast mit auf die Bühne des Oltner Theaterstudios.

Denise Donatsch
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Kabarettist Joachim Rittmeyer mit seinem neuen Solostück „«Neue Geheimnische» im Theaterstudio Olten.

Kabarettist Joachim Rittmeyer mit seinem neuen Solostück „«Neue Geheimnische» im Theaterstudio Olten.

Patrick Lüthy

Nach 15 Monaten des kulturellen Stillstands stand Joachim Rittmeyer vergangenen Freitag und Samstag mit seinem aktuellen Programm «Neue Geheimnische» auf der Bühne des Oltner Theaterstudios. Für ihn war es eine «Quasi-Premiere» nach der langen Bühnenabstinenz. Live mit dabei war ein «Tiefschläfer», der mitten auf der Bühne hinter einem Vorhang sein dauerschlafendes Dasein fristete.

«Paraosmotisch» ernährt, lediglich durch ans Bett gestellte Schrumpf-Boskopäpfel – mit jeder anderen Apfelsorte sei diese Form der Ernährung nicht möglich –, liegt dieser seit einem Kornfeld-Vorfall da und ist nicht mehr wach zu kriegen. Die Reaktionen altbekannter, von Rittmeyer verkörperter Bühnenfiguren auf den Schlafenden, liessen derweil nicht lange auf sich warten, was das Publikum erfreut zur Kenntnis nahm.

Altbekannte Figuren erheitern die Gemüter

Der in die Jahre gekommene Freigeist Theo Metzler, mit seiner stets schief getragenen Brille, gab wie immer unkonventionelle Wortakrobatik zum Besten; dies nach dem Motto: «Verstehen ist freiwillig.» Bereits hier wurde klar, dass Rittmeyers Soloprogramm nicht dazu gedacht ist, die Seele baumeln zu lassen und den Kopf abzuschalten. Wer Metzlers Pointen nicht verpassen wollte, kam nicht darum herum, Ohren und Oberstübchen eingeschaltet zu lassen.

Etwas mehr kognitive Entspannung auf Zuschauerseite liess die aufgeblasene, wichtig vor sich hin lamentierende Figur des «Linus Leupi» zu. Mit nichts als einem auf den Titel reduzierten Gedicht, war er im Begriff, eine Lesung zu halten – was jedoch nie geschah. Viel zu sehr war er damit beschäftigt, sich selbst zu huldigen. Dem Ostschweizer Künstler gelang es, einmal in Leupis Haut geschlüpft, diese wohlbekannte Untugend der lieben Mitmenschen auf delikate Weise in Szene zu setzen.

Überhaupt ist die Fähigkeit des Urgesteins der Schweizer Kabarettszene, verschiedene Charaktere innerhalb von Sekunden zum Leben zu erwecken, bemerkenswert. Lediglich ein paar wenige Kleidungsstücken, links auf der Bühne positioniert an einem Kleiderständer hängend, halfen dem Künstler dabei, seine Figuren zum Leben zu erwecken. Alles andere sind Kunst und Können des Gewinners diverser Kulturpreise, darunter auch der Prix Cornichon.

Infolge Corona wurde die Besucherzahl beschränkt und mit einem Maskenobligatorium belegt.

Infolge Corona wurde die Besucherzahl beschränkt und mit einem Maskenobligatorium belegt.

Patrick Lüthy

Um in die Rolle des nach wie vor ungeschlagenen Publikumslieblings «Brauchle – der ewig Brütende» zu schlüpfen, benötigte Rittmeyer einzig einen verwaschenen Pullover und den allseits bekannten, verpeilten Gesichtsausdruck. Der hoch- neurotische Eigenbrötler liess auch in diesem Programm seine Gedanken in einer Endlosschleife um immer die gleichen Themen kreisen. Dies waren für einmal die ungenügend begangenen Wanderwege, die zu verwildern drohen, und eine zutiefst unerwünschte schwarze Fliegenklatsche.

Wie gewohnt versank er in innere Debatten, in welche er sich zunehmend verrannte und kaum mehr herausfand. Das Publikum schwitzte und litt förmlich mit Brauchle mit; gleichzeitig entlockte keine andere von Rittmeyers Figuren den Zuschauenden derart laute Lacher. Möglicherweise, weil jeder Mensch ein Quäntchen dieser so dramatisch zur Schau gestellten Neurose in sich trägt.

Mit der Vorstellung von Rittmeyer endete die Saison 2020/21 des Oltner Theaterstudios.

Mit der Vorstellung von Rittmeyer endete die Saison 2020/21 des Oltner Theaterstudios.

Patrick Lüthy

Der Tiefschläfer, der immer mal wieder von den einzelnen Figuren begutachtet und kommentiert wurde, verschlief derweil das Spektakel um ihn herum. Auch vom Slaven «Jovan», der stets darum bemüht ist, aus allem das Beste rauszuholen – und zuverlässig damit scheitert, bekam der Schlafende nichts mit. Zum Beispiel davon, wie dieser ein ödes Wahllokal in einen blumigen Ort verwandeln wollte, um das Fest der Demokratie zu feiern; stattdessen richtete er ein Desaster an. Mit Rittmeyers fulminanten Auftritten endete auch die Saison 2020/2021 des Theaterstudios Olten.