Es gibt sie nicht mehr, die grossen grasfressenden Tiere, welche seit der Nacheiszeit in unseren Gegenden weideten. Das Wildpferd, das in ganz Europa heimisch war, ist schon früh verschwunden.

Der Elch lebte bis ins 11. Jahrhundert im Gebiet der heutigen Schweiz; die Auerochsen wurden im 17. Jahrhundert von den Menschen ausgerottet. Vom Wisent, der noch im Hochmittelalter in ganz Mittel- und Osteuropa weit verbreitet war, überlebten bis ins 20. Jahrhundert nur noch kleine Gruppen in zwei Rückzugsgebieten. In dem einen, dem Jagdgebiet des Zaren im Urwald von Bialowieza, wurde 1919 das letzte Tier geschossen. Mit dem letzten Bergwisent im Kaukasus wurde dieses europäische Wildrind dann 1927 ausgerottet. Allerdings nur in der freien Wildbahn. Glücklicherweise gab es eine «Arche Noah»: Im Zoo überlebten gerade noch zwölf Wisente. Mit diesen züchtete man weiter, sodass 1952 die ersten Tiere wieder ausgewildert werden konnten. Mit Erfolg. Die Population entwickelt sich gut. Diesen Überblick über die Vergangenheit des Wisents gab Christian Stauffer einleitend zu seinem Referat vom letzten Montag zur Wiederansiedlung des Wisents im Jura. Stauffer ist Zoologe und Mitinitiant des Wildparks im Sihltal. Heute ist er der Geschäftsführer des Netzwerks der Schweizer (Natur-)Pärke.

Vision Wisent 2030

«Ich habe eine Vision», bekannte Christian Stauffer, «dass ich bei einem Spaziergang im Jura anno 2030 die Chance habe, auf eine weidende frei lebende Wisentherde zu treffen.» Abwegig ist es nicht. Knochenfunde belegen, dass der Wisent im Mittelalter bei uns heimisch war. Die Schweiz ist also durchaus ein Raum, in dem sich dieses Wildrind wohl fühlt. Wisente sind Raufutterfresser, sie vertilgen also Gras, Kräuter, Laub, Zweige und Rinde. Sie sind keine Steppentiere, sondern bevorzugen eine eher bergige, halboffene Landschaft mit lockerem Wald. Der heutige Bestand an Wisenten in Europa beläuft sich auf rund 4500 Tiere, davon leben je rund 1100 in Polen und Weissrussland. In der Schweiz existieren zurzeit 36 Tiere, verteilt auf die drei Wildpärke Langenberg im Sihltal, Bruderhaus bei Winterthur und Goldau. «Ohne Wisent sind unsere Wälder nicht vollständig» ist Christian Stauffer überzeugt. Oder umgekehrt gesagt: Das behornte, sanftmütige Tier ist ein wahrer Inbegriff von Natur, den unsere gepflegte Landschaft sehr gut vertragen könnte. Nebenbei könnte sich dank dem Wisent eine wenig spektakuläre Gegend zu einer Touristenattraktion entwickeln. Der Referent erinnerte daran, dass ums Jahr 1900 im Jura von den Vegetariern gerade einmal Eichhörnchen, Mäuse und Hasen anzutreffen waren. Heute teilen sich zusätzlich Rothirsche, Rehe, Gämsen, Wildschweine und Biber das Futter. Auch Fleischfresser wie der Luchs ist zugewandert. «Wir sind in der Lage, mit Wildtieren zusammenzuleben» stellte Stauffer fest. Warum also nicht auch mit Wisenten?

Schrittweise vorgehen

Natürlich muss schrittweise vorgegangen werden. Zuerst gilt es, geeignete Gebiete im Jurabogen zu finden. In einem Grossgehege (kleiner als 1 Quadratkilometer) können dann erste Tiere angesiedelt werden, um das Interesse an den Wisenten zu wecken, die Herde zu vergrössern und erste Erfahrungen zu sammeln. In einem zweiten Schritt werden die Wildrinder in kontrollierte Halbfreiheit in ein Areal von 50 Quadratkilometer entlassen. Erst nach rund zehn Jahren werden die Wisente ausgewildert. Ein ähnliches Projekt läuft zur Zeit bereits im Rothaargebirge im Rheinischen Schiefergebirge (Deutschland). Vor zwei Jahren wurden in einem grossen Privatwald des Prinzen von Sayn-Wittgenstein zwölf Wisente ausgewildert. Weder dort noch anderswo in Europa haben sich Angriffe von Wisenten auf Menschen ereignet. Das Wildrind ist ein Fluchttier. Christian Stauffer ist überzeugt: «Wir werden nichts Dramatisches erleben.»