Kantonsspital Olten

Notfallübung «Stanislaus»: Hier geht’s lang zur Dekontamination

Einweiserinnen in Schutzanzügen nehmen sich als erste der kontaminierten Personen an und leiten sie an die richtige Stelle weiter.

Einweiserinnen in Schutzanzügen nehmen sich als erste der kontaminierten Personen an und leiten sie an die richtige Stelle weiter.

Die Notfallübung Stanislaus brachte rund 40 Verletzte und mehrere Schwerverletzte ins Kantonsspital Olten.

Man hatte gelegentlich zwei mal hinzuschauen, ob es sich bei «Stanislaus» tatsächlich um eine Notfallübung handle oder nicht doch um einen Ernstfall am Kantonsspital Olten? Jedenfalls wurden geladene Journalistinnen und Journalisten mehrfach der Räumlichkeiten verwiesen und am Fotografieren gehindert, was für eine Übung doch einigermassen verblüffend anmutete. Da nützten auch die entsprechenden Gilets nichts, welche von Personen in diversen Funktionen getragen wurden und diese eindeutig markieren sollten. Aber trotz allem: Stanislaus war eine gemäss Drehbuch über acht Stunden anhaltende Übung, auch wenn da gelegentlich die Ebenen von Schein und Sein durcheinandergerieten. «Stanislaus» hiess die gestrige Unternehmung übrigens deshalb, weil Stanislaus Kostka, polnischer Jesuit und Heiliger der katholischen Kirche, jeweils am 13. November seinen Namenstag feiert.

Lastwagen kollidierte mit Reisecar

Damit hatte es sich dann aber mit der Heiligkeit am Oltner Kantonsspital. Die Taten wurden manifest. Um 13.07 Uhr ging der Alarm raus. In der Nähe des Oltner Bahnhofplatzes nämlich war ein Lastwagen mit einem gut besetzten Reisecar kollidiert. Faktencheck: Der Lastwagen war mit einer unbekannten und stark markierenden Flüssigkeit beladen, welche dabei freigesetzt wurde und mit der die Fahrgäste des Reisecars und zufällig anwesende Passanten auf der Strasse in Kontakt kamen. Gut 40 Personen wurden direkt oder indirekt Opfer der Kollision und begaben sich aus eigenem Antrieb zu Fuss, transportiert von Passanten oder der Ambulanz (es gab mindestens zwei Schwerverletzte) ins Kantonsspital, wo sie erstversorgt werden sollten. «Dabei entsteht eben immer eine Chaosphase», erklärte Christian Lanz, Chefarzt des rechtsmedizinischen Dienstes am Bürgerspital Solothurn und in Stanislaus involviert. Das Überraschungsmoment des Vorfalls entfaltet eben seine eigene Dynamik. Deswegen sei das Üben auch wichtig, weiss der Chefarzt. Natürlich gab’s im Vorfeld eine Orientierung der Mitarbeitenden, doch sollten diese, so verrieten die allgemeinen Weisungen, nicht zu gut vor-orientiert sein.

Lässt sich die Situation eigentlich stemmen?

Ziel der Anlage sollte unter anderem sein, zu prüfen, inwieweit der Krisenstab des Kantonsspitals Olten eine akut eingetretene Lage mit einem Massenanfall von Ereignisbetroffenen bewältigen kann oder inwieweit die Krisenkommunikation im und mit dem Spital funktioniert. Dass dabei der reguläre Notfallbetrieb in Olten nicht beeinträchtigt werden durfte, versteht sich von selbst. Zudem verrieten die Übungsbestimmungen auch, dass der Besucherverkehr phasenweise umgeleitet, aber prinzipiell gewährleistet bleiben müsse.
So viel zum theoretischen Aspekt des Übungsszenarios, dessen Eintreten nur eine halbe Stunde später doch für ziemliche Emsigkeit im und rund ums Kantonspital Olten sorgte. In Windeseile etwa wurde die Dekontaminationsstelle eingerichtet: In der Vorfahrhalle der Ambulanzen wurden Duschvorrichtungen installiert, Vorhänge aufgezogen, Wasseranschlüsse eingerichtet. Aber nicht bloss fürs Auge. Was den Beobachter am meisten überraschte: Die kontaminierten Personen wurden effektiv dekontaminiert, sprich entschmutzt, dann in weisse Laken gehüllt und später, falls notwendig, von Fachpersonal mit Mundschutz weiter betreut. Zuvor schon waren deren Kleider in dichten Plastiksäcken entsorgt worden.

Überzeugende Figuranten in bitteren Rollen

Wer mit aufgemalten Wunden oder einfach eingeschwärztem Gesicht auf dem Gelände des Spitals eintraf, war eine gute Stunde zuvor als Figurant zurechtgemacht worden. In den Räumlichkeiten der Feuerwehr Olten gab’s für jeden die richtige Wunde, Farbe und Verletzten-Rolle. Es war so etwas wie ein familiär-fröhliches Casting, woraus sich später zum Teil hervorragende Darstellende entpuppten, die mit leicht wirrem Blick auf dem Gelände des Spitals auftauchten und von fürsorglichen Wächtern am Haupteingang zur Notaufnahme geleitet wurden. Dort wiederum warteten in gelbfarbenen und luftdichten Anzügen steckende Damen auf die Figuranten, um auf die Dekontaminationsstelle hinzuweisen.
Gleichzeitig tagte auch der Krisenstab, der zwei Stunden nach Eintreffen des Grossereignisses am Bahnhofplatz gegenüber den anwesenden Medienvertretern noch keine Einschätzung der Lage abgeben wollte. Supponiert oder doch nicht? Allerdings bleibt festzuhalten. Die angekündigte Chaosphase war für Aussenstehende eigentlich nicht wahrzunehmen. Dem heiligen Stanislaus sei Dank?

Autor

urs huber

urs huber

Meistgesehen

Artboard 1