Olten
«No limits! Oder doch?» Das war hier die Frage

Grenzen – das übergeordnete Thema am gestrigen 7. Aare Forum der Solodaris Stiftung

Deborah Onnis
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Die Besucher füllten den Saal des Stadttheaters. bruno kissling

Die Besucher füllten den Saal des Stadttheaters. bruno kissling

Bruno Kissling

Was ist überhaupt eine Grenze? Und gibt es eine Grenzenlosigkeit? Die erste Referentin der Solodaris Charity Ursula Pia Jauch, Professorin für Philosophie, setzte sich als Einstieg mit diesen Fragen auseinander. Grenzen gehören zum Dasein per se. Eine Grenzenlosigkeit gäbe es da nicht. Das sei aber auch gut so, denn auch dank unserem Bewusstsein der Vergänglichkeit sei dem Menschen auch möglich, das Leben gut zu leben. Welchen Grund hätte der Mensch sonst, stetig sein Leben zu verbessern, wenn er es jeden Tag hinausschieben könnte?

In der heutigen «Superlativ-Gesellschaft» gäbe es keine Grenzen mehr. Immer mehr, immer schneller und immer besser müsse alles gehen. Dem heutigen Menschen fehle es an der «Tugend des Masses». Die grosse Herausforderung sei heute, den Mittelweg zu finden: nicht zu viel und nicht zu wenig.

Von einer nicht alltäglichen Grenzerfahrung erzählte die Referentin Nina Stieger, welche erst kürzlich als Transfrau ihr offizielles Coming-out hatte.

Für sie waren die Grenzen zwischen Mann und Frau immer schwierig zu ziehen. Während es in ihrer Kindheit nicht viele störte, dass sie Mädchenkleider trug, wurde dies in der Pubertät zum Problem. Von ihren Eltern wurde sie regelrecht «in die männliche Rolle geschubst». Ihre Jugend bezeichnet sie allgemein als «einsam und verkrampft». Dennoch fand sie eine Frau, mit welcher sie eine Familie mit drei Kindern gründete. Auf deren Unterstützung konnte sie auch bei ihrem Coming-out zählen.

Anders waren aber bei ihrem Coming-out die Reaktionen ihres – nun ehemaligen – Arbeitgebers, der ihr riet, damit bis zur Pensionierung zu warten oder gleich an einem anderen Arbeitsort neu anzufangen. Weiter dürfe sie, bis keine amtliche Vornamensänderung vollzogen wäre, am Arbeitsplatz ihre Geschlechtsidentität weder kommunizieren noch leben. Dank des Vereins «Transgender Network Switzerland» schaffte sie aber die vielen bürokratischen Hürden. Alles war damit aber nicht erledigt. Vom grössten Teil ihrer damaligen Arbeitskollegen erhielt sie zwar stets ein gutes Feedback, dennoch wurde sie von einigen Kollegen gemobbt.

Die Stadtentwicklerin Nina Stieger liess sich aber nicht entmutigen und ging ihren Weg – trotz Steinen – weiter. Das Coming-out sei ein Befreiungsschlag gewesen, welcher ihre Lebensqualität drastisch verbesserte. Sie erlebte es als «Wunder». Rückblickend sei sie auch froh um die bisher erlebten Krisensituationen, die für sie alle eine Lebensschule gewesen sind.

Der Solothurner Psychiater Peter Gasser zeigte in seinem Vortrag die Grenzen des Hirndopings oder treffender «Neuro-Enhancement» und präsentierte auf seiner PowerPoint-Folie eine «Bauchladen-Apotheke», gefüllt mit einigen Medikamenten und Substanzen, die zur Leistungssteigerung des Gehirns legal und illegal eingesetzt werden. Darunter sind Ritalin, Antidepressiva, Kokain, LSD, Nikotin und Alkohol. Gründe für den Konsum dieser und anderer Substanzen seien beispielsweise die Steigerung des Durchhaltevermögens und der Aufmerksamkeit oder das Aufheben von sozialen Hemmungen. Dahinter stecke häufig die Angst zu versagen oder ein starker Karrierewille.

Zwar könne mit Substanzen und Medikamenten die Hirnfunktion verbessert werden, aber die Beeinflussung des Hirns sei aufgrund seiner Komplexität immer noch begrenzt. Der leistungsforderndste Stoff sei immer noch der gute alte Kaffee.

Wie gefährlich die Leistungssteigerung sein kann, zeigte Gasser unter anderem mit einer aktuellen Statistik zum Schadenpotenzial einiger Substanzen – der Alkohol ist dabei an erster Stelle. Die Leistungssteigerung ist also nicht zu unterschätzen und wie Gasser sagte «hat ihren Preis». Immer auffälliger sei auch der seit einigen Jahren wachsende Konsum des Medikaments Ritalin in der Schweiz. Dieses wird bei Aufmerksamkeitsstörungen eingesetzt. Einer der Gründe für die Zunahme sieht Gasser in der Reizüberflutung, welcher sehr viele Leute ausgesetzt sind. Auch die oft fehlende Bewegung könnte ein Faktor sein.

Gekonnt führte der Moderator Franz Fischlin das Publikum durch das Programm und fühlte den Referenten der Charity nach ihren Vorträgen jeweils auf den Zahn. Auch der Beobachter Walter Grünspan wusste die Stimmung im zahlreichen Publikum zwischen den Vorträgen mit seinem Witz aufzulockern.

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