Olten
Nichts wird dem Leser auf dem Silbertablett serviert

Autor Rhaban Straumann möchte mit seinem neuen Buch «Wolken melken» die Leser und Leserinnen herausfordern und zum Denken anregen. Auch geizt er nicht mit Kritik, Humor und politischen Statements.

Anja Lanter
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Rhaban Straumann mit seinem neusten Werk «Wolken melken»

Rhaban Straumann mit seinem neusten Werk «Wolken melken»

Anja Lanter

«Meine Arbeit soll anregen, weil das Leben selbst unglaublich anregend ist. Buch und Bühne sind ein Konzentrat des Lebens und dieses soll eben nicht flach sein.» Mit diesen Worten umschreibt Rhaban Straumann die Absicht seines Schaffens und auch die seines neuen Buches «Wolken melken».

Und tatsächlich: Wer sein Buch liest, der merkt, dass in dieses Konzentrat des Lebens unglaublich viel hineinpasst: Seien es Poesie, eine 1.-August-Rede oder ein Essay über einsame Bäume, die Ferntrauung durch einen Bischof, eine Reise in den äussersten Nordwesten Kanadas oder die Begegnung zweier Molche, die sich über Spekulation unterhalten. Et cetera.

Absurd? Jawohl, denn: «Die Absurditäten des Lebens stellen den verbindenden Faden des Buches sowie meines Lebensweges dar», so Straumann. Er wolle sich durch Überraschungen ablenken und herausfordern lassen, erklärt er weiter. Und Herausforderung möchte er auch den Lesern nicht vorenthalten. «Ich möchte mit diesem Buch Gegensteuer zur Unterforderung geben. Kultur tut heute einem Teil der Bevölkerung weh, weil es sich manche nicht mehr gewohnt sind, aus der Reserve gelockt zu werden», bedauert der 42-Jährige.

Was Brooklyn mit Olten am Hut hat

Der Kampf gegen die Unterforderung des Menschen – könnte Straumann nicht glatt als Oppositioneller unserer Zeit durchgehen? Im Buch wird jedenfalls deutlich, dass sein Widerstand breit gefächert ist. In einer seiner Kolumnen etwa möchte er den Schlechtrednern Oltens Paroli bieten. So stellt er einen Vergleich zwischen Brooklyn und Olten an und schreibt: «Brooklyn war ein Unwort. So wie für manche Olten ein Unwort ist.

Nicht weil gefährlich, sondern weil ... Ja, warum eigentlich?» Diese Frage ist er jedoch nicht imstande zu beantworten: «Ich höre immer wieder von Leuten aus der näheren Region Oltens, dass man nicht in diese Stadt gehen würde. Jene Haltung verstehe ich nicht», ereifert er sich. Es finde eine Zementierung der Klischees statt, fährt Straumann fort. «Vor allem auch auf Facebook wird geklagt, was das Zeug hält.»

Deswegen unterscheide er schelmisch zwischen zwei Typen von Bewohnern dieser Stadt. Es sind dies einerseits die «engagierten Oltner» und andererseits die «motzenden Oltner», erklärt der schon seit langer Zeit in Olten lebende Kleinautor. «Wenn die Leute nach dem Lesen dieser Kolumne nur schon sagen würden, dass sie mit Neugierde nach Olten gingen, dann habe ich mein Ziel bereits erreicht», gibt er sich bescheiden.

Gespickt mit Politik, Kritik, Humor

Beim Lesen von «Wolken melken» merkt man schnell, dass das Buch mit unzähligen politischen Aussagen gespickt ist. Er könne sich nicht dagegen wehren, politisch zu sein, meint er. Und: «Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute von mir Politisches auch erwarten.» Seine Haltung kommt unter anderem zur Geltung, wenn er im Buch auf Sparmassnahmen zu sprechen kommt:
In der Kolumne «Spardiktat mit Schreibfehler» betont er, dass vorzugsweise dort gespart werde, wo es nachhaltig wirke. Nämlich bei Bildung, Kultur und Natur. «Der Mensch braucht Kultur und Poesie, um wach zu bleiben», zitiert Straumann Clown Dimitri.

Gefährdet ist diese wache Haltung auch durch die Technik. Deswegen behandelt eine nostalgisch angehauchte Kolumne im Buch seine Liebe zu Schiebetüren in Eisenbahnwagen. Da sich diese nicht automatisch öffnen, würden sie für einige Leute ein Hindernis darstellen, den Wagen zu betreten, wie Straumann darin beschreibt. «Ich möchte mit meinem Buch auch das Bewusstsein der Menschen anregen und sie fragen: Entscheidet ihr noch selbst oder werdet ihr geführt?» Straumann geizt weder mit Kritik noch mit Humor; Letzteres beweist er unter anderem mit einer Abhandlung über die deutsche Sprache. Dieser schreibt er die Rolle als Befehlssprache zu – mit einem Augenzwinkern, versteht sich. «Ich finde Sprache grundsätzlich schön, spiele und arbeite gerne damit», bemerkt Straumann. Und er sei ein «Grübler», schiebt er nach.

Titel regt Fantasie an

Vielleicht ist dies der Grund für den eigenartigen Titel «Wolken melken»: Er rege die Fantasie an und bündle die Absurditäten, die es gebe, so Straumann. Absurditäten, die ihm nicht immer behagen. Wer nun über dieser Aussage von Straumann grübelt, dem sei die Kolumne «Molch Moloch» ans Herz gelegt.

Und übrigens; das sogenannte Wolkenmelken existiert laut Straumann tatsächlich: «Auf Teneriffa, wo die Wolken im Gebirge hängen und von den Lorbeerbäumen gemolken werden.» Unweigerlich ergibt sich ein abstraktes Bild, welches am besten mit dem Durchwandern eines tief liegenden Nebels vergleichbar sei, wie der Autor zu illustrieren versucht.

Rhaban Straumann regt mit seinem Buch an, wurde seinerseits beim Schreiben der Texte oftmals von selbst Erlebtem angeregt. Und er stellt Fragen, die er aber nicht beantwortet. «Weil ich die Antworten vielleicht selbst nicht weiss oder es mehrere davon gibt», wie er gesteht. Die Leser dürfen also keine leichte Kost erwarten, die ihnen auf dem Silbertablett serviert wird. Doch Straumann lockt selbstironisch mit einem Zückerchen: «Wer dieses Buch liest, der kennt mich danach gut.»

Donnerstag, 30. Januar, 20 Uhr, findet im Schauraum an der Ringstrasse 26, Olten, die Buchvernissage von «Wolken melken» statt. Ab 18. Januar ist das Werk im Handel erhältlich
www.schau-oo-raum.ch