Neujahrsblätter
Usego-Gebäude in Olten: Als dort noch Kaffeeduft in der Luft lag

Das Usego-Gebäude an der Oltner Solothurnerstrasse war einst mit einer betriebseigenen Rösterei ausgestattet.

Loriana Zeltner
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Chrämerladen der Usego für Kinderhände: schon Mitte der 1940er-Jahre ein Renner. Auch Kaffeesorten waren dabei.

Chrämerladen der Usego für Kinderhände: schon Mitte der 1940er-Jahre ein Renner. Auch Kaffeesorten waren dabei.

Zvg / Oltner Tagblatt

Seit bald 80 Jahren liegt zum Jahreswechsel ein Magazin im Briefkasten der Oltnerinnen und Oltner: die Neujahrsblätter. Anders als der Name erwarten liesse, handelt es sich aber nicht um ein simples Blättchen, das schnell im Zeitungsständer landet. Die Neujahrsblätter halten seit Jahrzehnten fest, wie sich unsere Stadt entwickelt. Sie sind wichtige Dokumente zum Leben und Atmen der Stadt und ihrer Bewohner. Wer in den vergangenen Ausgaben stöbert, dem eröffnen sich kleine Fenster ins Olten von Papi und Grossmami. Ein gefundenes Fressen für alle, die wissen möchten, was unseren Alltag heute mit dem der OltnerInnen von früher verbindet.

Nächster Halt: Usego

Jeder und jede in Olten kennt das Gebiet im Westen der Stadt und sei es auch nur, weil die Bushaltestelle denselben Namen trägt. Wofür die Abkürzung steht, das könnte allerdings schon beinahe eine Quizfrage sein. Die allererste Ausgabe der Neujahrsblätter aus dem Jahr 1943 hilft aus. Der Union Schweizerische Einkaufsgesellschaft Olten widmet sie nämlich einen mehrseitigen Bericht, schliesslich feierte das Unternehmen damals schon den 35. Geburtstag. Heute bietet das schmucke Gebäude eine stattliche Zahl Büroflächen und beherbergt den Polizeiposten – vor 80 Jahren eine ganz andere Geschichte.

1943 kannte den Namen Usego jedes Kind. Denn das Unternehmen von Gotthold Brandenberger belieferte über 4000 kleine Detailhändler in der ganzen Schweiz. Wo heute Computer anzutreffen sind, wurden Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs verpackt, gelagert und wegtransportiert. Das im Auftrag der Usego erbaute Gebäude diente als Lager- und Produktionshaus: vom Seifenstück über Obst und Flüssig-Reinigungsmittel, alles taktisch klug direkt an der Bahnlinie angesiedelt.

Ein zentraler Lieferant für die Kleinen

Um die Jahrhundertwende tätigten immer mehr Leute ihre Einkäufe in den aufkommenden Warenhäusern und den genossenschaftlichen Konsumvereinen. Sie konnten ihnen ein breiteres Angebot zu günstigeren Preisen anbieten. Diese Entwicklungen bereiteten den Detaillisten und Tante-Emma-Läden um die Ecke Existenzsorgen. Sie schlossen sich in Einkaufsgenossenschaften und Rabattvereinen zusammen, um bessere Preise anzubieten und so dem Konkurrenzdruck die Stirn zu bieten. Als Vereinigung von Spezereihändlern mit wenigen Artikeln im Sortiment startete auch die Usego. Die Mitglieder kauften gemeinsam ein, um durch Grossmengen Rabatte zu erhalten.

Das Usego-Gebäude vor der Erweiterung in den frühen 1930er-Jahren.

Das Usego-Gebäude vor der Erweiterung in den frühen 1930er-Jahren.

Zvg / Oltner Tagblatt

Die Usego übernahm dabei die logistische Vermittlung zwischen Lieferanten und Detailhändlern. In den 20er-Jahren reichte der Lagerplatz bereits nicht mehr aus, weshalb der Bau des heute bekannten Lagerhauses beauftragt wurde. Ein Jahrzehnt später belieferte die Usego so viele Mitgliederläden, dass das Oltner Lager nochmals um die gleiche Grösse erweitert wurde. Bis in die 60er-Jahre folgten zehn weitere Verteilzentren, über die ganze Schweiz gestreut. Der Artikel in den Neujahrsblättern 1943 hält fest: 1928 arbeiteten in Olten 143 Leute für die Usego, die Firma machte einen Jahresumsatz von 63 ½ Millionen Franken. Zur Zeit, als die damalige Ausgabe der Neujahrsblätter in den Haushalten gelesen wurde, belieferte die Usego über 3960 kleine Geschäfte.

Reklameplakat für edlen und immer frischen Import-Kaffee (ca 1930er-Jahre).

Reklameplakat für edlen und immer frischen Import-Kaffee (ca 1930er-Jahre).

Zvg / Oltner Tagblatt

Der Kaffee wird zur Goldgrube

Schon in der Anfangszeit stellte die Usego ihren Mitgliederläden Eigenprodukte zur Verfügung. Die erste Eigenmarke war die Union-Schokolade. Ab 1921 schaffte das Unternehmen eine eigene Kaffeerösterei an, die im Lager- und Produktionshaus ihren Duft verströmte. Der Usego-Kaffee entwickelte sich zur wahren Goldgrube, denn das Sortiment aus gemahlenem Kaffee und Instantkaffee sorgte für einen sofortigen Anstieg des Umsatzes. Zuvor mahlten und rösteten die Detaillisten ihren Kaffee selbst im Laden. Eine zeitraubende Arbeit, auf die scheinbar gerne verzichtet wurde.

1931 trat zur Ausstattung eine eigene Gewürzmühle dazu. Kaffee bildete aber den Hauptpfeiler der Usego-Produktion in Olten. Auch Jahre nach der Blütezeit der Usego geistern einzelne Produkte noch immer in der Gegend und der Erinnerung umher. So erinnert sich Hans Maurer, der ehemalige Verkaufsleiter der Usego-Niederlassung in Egerkingen: «Besonders erfreut war ich, als ich vor kurzem bei einer alten Frau in einem Laden auf dem Land ein rund 50-jähriges Usego-Gewürzsäckchen ‹Epimix› fand. Die Ladenbesitzerin übrigens stellte sich als tüchtige Geschäftsfrau heraus: Sie verlangte den Originalpreis von 60 Rappen.»

Vom Logistikimperium zur Pflegestätte

Obwohl die Usego-Ära seit 2005 zu Ende ist, sorgt das Areal immer noch für Stadtgespräche und ist Teil des Oltner Alltags. Leute gehen morgens in ihr Büro oder Atelier im ehemaligen Lagerhaus oder sie rennen zur Bushaltestelle «Usego», weil sie einmal mehr zu spät dran sind. Auch sollen auf dem Areal im neuen Jahr ein Alters- und Pflegezentrum sowie weitere Büro- und Gewerbeflächen entstehen. Ein Bauvorhaben, das 2021 bei einigen Anwohnern für Unmut sorgte. Doch wer weiss, vielleicht genoss die eine oder der andere künftige Bewohnende der Alterswohnungen im Leben so einige Tassen Usego-Kaffee. Eines bleibt im Olten von heute und von 1943 gleich: Man trinkt immer noch sehr gerne guten Kaffee – nur nicht mehr der Marke Usego.

«100 Jahre Usego. Eine Spurensuche». Erschienen 2007 im Verlag Hier+Jetzt, von Peter Kaiser und Bruno Meier.

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