Olten

«Natürlich wollte ich als junger Kerl nicht Stadtpräsident werden»

Ein paar Tage vor der Amtsübergabe stehen für Ernst Zingg im 8. Stock des Stadthauses letzte administrative und andere Arbeiten an.

Ein paar Tage vor der Amtsübergabe stehen für Ernst Zingg im 8. Stock des Stadthauses letzte administrative und andere Arbeiten an.

Nach 16-jähriger Amtszeit scheidet Ernst Zingg Ende Juli als oberstes Exekutivmitglied aus der Stadtregierung aus. Der 62-Jährige ist mit seiner politischen Bilanz «mehr als zufrieden».

Seit 1997 ist er Oltens Stadtpräsident: Ernst Zingg. Mit ihm startete Tony Blair als britischer Premierminister, liess sich im selben Jahr der Komet Hale Bopp für Monate mit blossem Auge sehen, verübten Terroristen einen Anschlag auf Touristen vor dem Hatschepsut-Tempel in Luxor. Lang also ists her. Von Tony Blair spricht keiner mehr, von Ernst Zingg dagegen schon. Kein Wunder: Nur vier von 13 seiner Vorgänger haben mehr Dienstjahre aufzuweisen. Hugo Dietschi (1902-1933), Ulrich Munzinger (1831-1861), Hans Derendinger (1957-1983) und Hugo Meyer (1933-1957). Dann folgt in der «ewigen Rangliste» Ernst Zingg, der Freisinnige aus Erlinsbach, der Ende Juli aus dem Amt scheidet. «Ich war nie ein Stadtpräsident ausschliesslich für den Freisinn», sagt er. Er sei ein Präsident für alle Oltnerinnen und Oltner gewesen.

Was die denn in 30 Jahren noch mit ihm in Verbindung bringen würden? Ernst Zingg runzelt die Stirn. «In 30 Jahren?», fragt er zurück. Das sei eine lange Zeitspanne. Dann: «Vielleicht die Entwicklung der SBB (Betriebszentrale, SBB Cargo, SBB Cargo international) auf dem Platz Olten, möglicherweise die ERO, die Fachhochschule. Vielleicht die Ausgliederung des Stadttheaters in eine Aktiengesellschaft.» Aber in aller Regel werde vieles schnell wieder vergessen und einfach als Alltag wahrgenommen, sagt er. Eine Bemerkung ohne Bedauern. Auch Politik ist ein schnelllebiges Geschäft geworden.

Networker - Promoter

«Heute gelte ich in den Augen der Öffentlichkeit als Networker, als Verkäufer oder - wenn man so will - als Promotor der Stadt. Ich glaube, zusammen mit meinen Kollegen den Begriff ‹AareLand› implementiert und gesellschaftsfähig gemacht zu haben.»

Wohl wahr: Dass die 65 Gemeinden in den drei Regionen Olten, Aarau und Zofingen, zwischen Densbüren im Norden, Dagmersellen im Süden, Oensingen im Westen und Gränichen im Osten gelegen als ein Raum verstanden werden und somit zur festen Grösse und zum Ansprechpartner des Bundes in Raumentwicklungsfragen geworden sind - das hat Ernst Zingg als treibende Kraft mehr als angestossen. Der Bund jedenfalls spricht regelmässig Gelder, für die Zingg jeweils «geweibelt ist», wie der Volksmund so sagt. «Ich bin der erste Stadtpräsident Oltens, der auch als so etwas wie ein Aussenminister unterwegs war», beschreibt Ernst Zingg einen wesentlichen Teil seines Wirkens. Dass dies auch den Wirtschaftsraum beeinflusste, ist klar.

Zingg legt Wert auf die Feststellung, dass der Raum Olten keine Einbussen an Arbeitsplätzen zu verzeichnen hat. «Ich glaube Olten hat an Renommee gewonnen und sich seinem Umland geöffnet», meint er. Oder andersrum gesagt: Olten hat Klang bekommen.

Zufrieden und mehr

Ein paar Tage vor der Amtsübergabe an Nachfolger Martin Wey ist Zingg dabei, sein Büro zu räumen. «Täglich eine halbe Stunde; vielleicht eine ganze», sagt er. Er eliminiert dabei nicht alles. «Ich kann nicht einfach Tabula rasa machen», räumt er ein. Gewisse Dokumente und Unterlagen gehen logischerweise an seinen Nachfolger über. «Ich würde das Amt sofort wieder ausfüllen wollen», meint er auf die Frage, ob er den Entscheid, Stadtpräsident werden zu wollen, je bereut habe. «Natürlich wollte ich als junger Kerl nicht Stadtpräsident werden», sagt er dann. Aber es sei klar. Man müsse ein ambitioniertes Naturell sein, mit einem gerüttelten Mass an Ehrgeiz ausgestattet den Erfolg suchen und finden wollen. Diese Eigenschaften bringe er mit. «Ich kann nur schlecht verlieren», reicht er mit todernster Miene nach. Das sei im Sport so gewesen, im Militär, im vormaligen Beruf als Notar. Klar gehörten auch Misserfolge dazu. Auch die habe er erlitten. Gewinnen aber, das sei so etwas wie sein Grundanspruch.

Wo er sich denn bei seiner persönlichen Bilanz als Stadtpräsident in der dreistufigen Skala oszillierend zwischen «unzufrieden, zufrieden und sehr zufrieden» einordnen würde? Ernst Zingg stutzt, so als wolle er sagen: «Was, nur drei Abstufungen!» Dann erklärt er. «Ich bin mehr als zufrieden.» Das Positive überwiegt also deutlich? Er nickt. «Ja, klar. Ich hätte ganz viele Personen nicht kennen gelernt, wäre um Erfahrungen ärmer.» Er sei eben während seiner 16 Jahre der «Siebentagevierundzwanzigstundenstadtpräsident» gewesen. Das präge und sei seinem ambitionierten Naturell sicher entgegengekommen. «Ich würde», sagt Ernst Zingg, «alles noch einmal so machen.»

Gut vorbereitet

1997 als Newcomer in den Stadtrat gewählt schaffte Ernst Zingg nur Wochen später auch den Sprung auf den Präsidentensessel. «Ich bin mental gut vorbereitet ins Amt eingestiegen», erinnert er sich. Aber Ernst Zingg hält es durchaus für möglich, mit Fortdauer seiner Amtsjahre dünnhäutiger geworden zu sein. Jedenfalls empfindet er die Tonalität in den heutigen Auseinandersetzungen als grob und vor allem - beleidigend. «Schimpfwörter der übelsten Sorte prasseln da auf dich nieder», sagt er. Gar Morddrohungen würden ungeniert ausgesprochen oder brieflich angekündigt. Dinge die belasten. Politisch in Bedrängnis geriet der Stadtvater zum Ende seiner dritten Amtsperiode in der Sache Olten SüdWest, als ihm vorgehalten wurde, er hätte von den Verkaufsabsichten der Grundstückeigentümerin gewusst aber bewusst nicht reagiert und das Angebot negiert. Er bleibt auch heute bei der damals kommunizierten Version, davon nichts Offizielles gewusst zu haben. Aber Ernst Zingg räumt gerne ein, er, beziehungsweise der Stadtrat hätten in dieser Sache proaktiver handeln müssen. Irgendwie aber sei das Areal eben vom Bewusstseinsradar der Exekutive entschwunden, nachdem der Entscheid, die Sportstättenplanung nicht in Olten SüdWest anzugehen, gefallen sei. Dennoch: «Ich bin mir durchaus bewusst: Wenn das Gebiet nicht zum Fliegen kommt, bleibts an mir hängen.» Da schwebt also noch ein Damoklesschwert über seinem Haupte. Ernst Zingg nickt.

Fusion: nein danke

Wenig erfreulich waren auch die Resultate aus den Fusionsbemühungen Olten plus. «Das ist so etwas wie eine persönliche Niederlage», räumt Ernst Zingg ein. Er, der als Aussenminister stets zu Gange war, hält den Negativentscheid an der Urne, den Oltens Stimmberechtigte mit grossem Mehr fällten, noch immer für unrichtig. Vor allem in raumplanerischer Hinsicht hätten sich neue Möglichkeiten ergeben und «vielleicht wäre die unerfreuliche Finanzsituation, in der sich die Stadt mittlerweile befindet, auch durch die Fusion entschärft worden», vermutet er.

Ja eben, die Finanzen: «Klar wäre es schöner und angenehmer gewesen, meinem Nachfolger einen konsolidierten Haushalt übergeben zu können», sagt Zingg. Aber es gilt festzuhalten, dass nun der Stadt gelegen kommt, in Zingg einen vorsichtigen Finanzchef am Ruder gewusst zu haben, der sich zusammen mit seinen Exekutivkolleginnen und -kollegen trotz epochaler Überschüsse stets gegen markante Steuersenkungen gewehrt hatte. «Wir haben immer zu sehr moderaten Massnahmen hintendiert», sagt er. Wohl wissend, dass üppig sprudelnde Geldquellen auch mal versiegen können. Und siehe da: just im letzten Rechnungsjahr seiner Amtszeit geschahs. Immerhin: Die ausbleibenden Steuereinnahmen können - wenn auch nur kurzfristig - durch angelegte Reserven aufgefangen werden. Wie oft hatte er sich doch anhören müssen, in Olten gebe es nie einen Wurf, wie schossen doch Ansprüche in die Höhe (Hallenbad, Winkelkauf, etc.), denen Zingg mit grosser Vorsicht begegnete. Heute gibt ihm die Situation recht. Ob er ein konservativer Ressortchef gewesen sei mit dem sprichwörtlichen Sinn für die «hohe Kante»? Er wäre nicht Ernst Zingg, würde er die Frage mit einem simplen Wort quittieren. Er kreist argumentierend, begründend, beschreibend, analysierend um die Frage wie ein Raubvogel über vermeintlicher Beute kreist, zieht immer engere Zirkel und landet dann auf dem Punkt: «Ja, ich war ein konservativer Ressortchef.»

Fünf Freunde müsst ihr sein?

In Olten funktioniert der Stadtrat als Kollegialbehörde. Einmal beschlossene Geschäfte werden nicht mehr gegenteilig kommentiert, auch wenn man allenfalls in der Beratung eine andere Haltung als die der Mehrheit vertreten hat. Das ist eher langweilig und verhindert das grosse blockorientierte Politisieren! Ernst Zingg nimmt diese provokative Beschreibung der Politpraxis im Stadthaus gelassen zur Kenntnis. Er sieht wesentlich grössere Erfolgschancen im Kollegialitätsprinzip als in einer individuell ausgerichteten Gruppierung, die sich allenfalls bekämpft. «Zudem ist es auch eine Frage der Glaubwürdigkeit», meint er. Ein einmal gefasster Beschluss wirke von aussen vertrauensbildender und vermittle eher den Eindruck von stabiler Einheit. «Abgesehen davon muss ich sagen, dass im Stadtrat relativ selten kontroverse Abstimmungsergebnisse resultierten», wirft er ein. Also gilt auch in der Politik die alte Fussballerweisheit: «Elf (fünf) Freunde müsst ihr sein? Zingg winkt ab. «Nein, das System heisst nicht Freundschaftsprinzip, es heisst Kollegialitätsprinzip. Das ist ein Unterschied.» Aber er erwähne das nochmals: Das Team sei gut gewesen. «Auch wenn viele das nicht mehr hören mögen.»

Die Sache mit den Freunden

Wer mehr als anderthalb Jahrzehnte auf städtischem Gebiet zuoberst politisiert, der braucht Freunde, die den Rücken stärken, mit denen sich Themen erörtern lassen, die um Rat gefragt werden können. «Ich hatte immer Ansprechpartner in Politik und Wirtschaft», sagt er, ohne dabei Namen nennen zu wollen. Aber er meint auch, dass Freunde ein kostbar rares Gut seien. Und sein Amt habe gelegentlich auch zum Bruch eines kollegialen Verhältnisses geführt. «Mehr als so viele zähle ich nicht zu jener speziellen Kategorie der Freunde», weiss er und hebt beide Hände. Aber da wäre schliesslich noch die Familie, die als beratendes Element stets gegenwärtig war. «Die Stimmen waren kritisch und wertvoll», resümiert er.

Man hat einem Mann, der sich in 16 Amtsjahren um die Geschicke der Stadt verdient gemacht hat, den legendären Fingerschnips zuzugestehen, mit dem eines der Probleme Oltens weggezaubert werden kann. «Ich muss da zwei Fenster öffnen», meint Zingg. «Ich würde mir nämlich zwei Schnipse wünschen. Mit dem einen möchte ich das Bahnhofareal inklusive Ländiweg und Winkel aktualisiert sehen; mit dem andern den politisch Verantwortlichen den festen Glauben einpflanzen, für die Stadt und die Region Positives leisten zu können. Das dient auch der externen Imagepflege», sagt der scheidende Stadtpräsident, lehnt sich in den Sessel zurück und wirkt dabei ausgesprochen zufrieden und entspannt. Zingg der Optimist? Unbedingt. Den im Zeichen des Zwillings geborenen sagt man das nach.

Auch gesundheitlich sei er gut drauf, sagt er dann. Ab 1. August befinde er sich im sogenannten. «Unruhestand». Was das bedeutet? Er bleibe ja der Politik erhalten, zum einen als sehr gut wiedergewählter Kantonsrat und als solcher sei er Mitglied der so wichtigen Finanzkommission.

Ein Schlussfeuerwerk

Und dann wartet auf den 62-Jährigen ein eigentliches Schlussfeuerwerk, das seine gesamte politische Karriere erhellen wird. «So Gott und der Kantonsrat das wollen -– werde ich im Jahre 2014 zum Präsidenten des Kantonsrates für das Jahr 2015 gewählt.» Er sagt das mit fast kindlicher Vorfreude und Stolz. Als Kantonsrat bleibe er natürlich der Stadt und der Region sehr verpflichtet. Und er führt an: «Ich bleibe weiterhin Präsident des Regionalvereins Olten-Gösgen-Gäu und in einer Übergangsphase dem AareLand erhalten. Dazu wurde ich als Verwaltungsrat der SOGAS AG und in die Trägerschaft SRG Aargau/Solothurn gewählt. Ich bleibe Mitglied der kantonalen Raumplanungskommission und als Abgeordneter des Verbandes solothurnischer Einwohnergemeinden auch Mitglied der Verkehrskoordinationskommission. Und», komplettiert er dann nach einer kurzen Pause, «ich bin solothurnischer Notar; aus meinem früheren Beruf ergeben sich mit Sicherheit auch Tätigkeitsfelder.» Das Wichtigste aber sei ihm seine ganz persönliche Situation. «Ich habe endlich mehr Zeit für meine Ehegattin, die 16 Jahre vor, neben und hinter mir gestanden hat und natürlich für meine Kinder und Enkelkinder. Und meine persönlichen Interessen, zum Beispiel Sport oder meine Bücher, erhalten auch einen wichtigen Platz.» Unruhestand im positiven Sinn also. Ja, die Frage sei erlaubt: Hätte irgendjemand überhaupt etwas anderes erwartet?

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